Einsamkeitskomplott
Maarten 't Hart schreibt einen philosophischen Kriminalroman
Jenny verschwindet, und natürlich gerät unter Verdacht, wer zuletzt mit ihr gesehen worden ist.
Maarten 't Hart hat die Verdachtsmomente ausgebreitet wie ein antikes Drama. Im ersten Akt erzählt der Pharmakologe Thomas Kuyper, welche Umstände zu seiner Verhaftung geführt haben. Der zweite Akt ist "ein kurzer Briefwechsel": Thomas gesteht, enthüllt und verbirgt seiner Frau Leonie, weshalb er der jungen, jetzt mysteriös verschwundenen Bibliothekarin Jenny Fortuyn verfallen war. Die Peripetie ist Leonies Tagebuch, das Diarium einer Desillusionierung. Am Ende spricht alles dafür, dass niemand anders als Thomas Jenny beseitigt hat.
Der Arche-Verlag hat die Maarten-'t-Hart-Bücher mit Sorgfalt gemacht und für das Risiko, das er mit diesem so "niederländischen" Autor eingegangen ist, den verdienten Lohn erhalten. Deshalb hat er zu den beiden Bestsellern Das Wüten der ganzen Welt und Die Netzflickerin sogar CDs vorgelegt, mit Textauszügen, gelesen unter anderem vom Autor, und Musikstücken, die in den Romanen eine Rolle spielen. Auch den Schwarzen Vögeln hat der Verlag eine "Nachbemerkung" mit nützlichen Quellenhinweisen beigegeben. Tatsächlich charakterisiert Maarten 't Hart schon in diesem frühen Roman die Figuren durch ihre Musik und ihre Lektüre: Leonie durch Schumann, Thomas durch Verdi, beide, unterschiedlich, durch Nietzsche.
Über eines aber schweigt der Verlag sich aus. Denn es finden sich in dem Roman nicht nur literarische und musikalische Anspielungen. Zu einem Gesamtkunstwerk macht ihn ein Motiv aus der bildenden Kunst: das Gemälde Das Kind mit dem Kreisel von Jean-Baptiste Siméon Chardin, das auf Wunsch des Autors auf dem Schutzumschlag der Originalausgabe abgebildet ist. In ihrem Tagebuch erzählt Leonie, wie der Chardin einst die Wunde ihres kinderlosen Lebens aufgerissen hat: "Alle diese Gemälde sagten mir nichts, bis ich in einem vollen Saal über die Schultern anderer hinweg auf einmal einen kleinen Jungen sah, der einem Kreisel zuschaute. Es war, als stünden meine Augen in Flammen." Sie flieht das Bild, tut es ab und muss doch wieder hin: "Sieh, das ist nun dein Sohn, aber er ist damals schon geboren, und deshalb kannst du ihn jetzt nicht mehr bekommen."
Der niederländische Titel des Romans heißt: De kroongetuige, der Kronzeuge . Das begreift man erst beim Blick auf Chardins Bild. Denn der Junge, den es darstellt, ist so in seinem Spiel mit dem Kreisel versunken, dass kein Zuschauer diesen Bann lösen könnte, von der Möglichkeit mitzuspielen ganz zu schweigen. Im Gegenteil, auf beinah hypnotische Weise wird er gezwungen, Voyeur zu bleiben. So beginnt mit dem Bild eine Motivkette, die den ganzen Roman durchzieht. Thomas hat sich nicht in Jenny, sondern in deren Spiegelbild verliebt. Er beobachtet, ja belauert Leonie, Leonie ihn. Alle Figuren sind gefangen in einem Netz gegenseitiger Observation. Sie sind betrogene Betrüger, Opfer optischer Täuschungen, der Roman ist ein Spiegel-Labyrinth.
Mehr als das whodunit bewegt Maarten 't Hart deswegen auch die Frage nach der größtmöglichen Distanz zwischen Liebenden. Ausgerechnet in der Gefängniszelle hat Thomas ein Glücksgefühl, wie es so ähnlich Camus' Fremder gehabt hat: "Dieses ,Ich selbst' gefiel mir gut, das war mein altes, stoisches, verstocktes, in sich gekehrtes Ich, das ohne Bindung an andere Menschen war, das ohne Verpflichtungen, ohne soziales Gefühl, ohne Hoffnung, ohne Liebe, ohne Mitleid lebte, das aber sehr wohl glücklich ... war." Und ausgerechnet als sie Thomas für schuldig halten muss, kurz vor dem Prozess, ist Leonie von einem ähnlichen Existenzialismus erfüllt: "Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass man so wunderbar glücklich wird, wenn man immer allein ist. Es ist, als entdeckte ich zum erstenmal, dass ich ein ,Selbst' habe, dass ich, mir selbst überlassen, immer gutgelaunt bin, dass ich sehr gut ohne andere Menschen leben kann." Dieser Solipsismus ist es, der Leonie und Thomas gleichsam hinterrücks zusammenschweißt. Ein Einsamkeitskomplott - nördlich der Liebe, südlich des Hasses.
Doch halt! Maarten 't Hart hat seinen Roman begonnen mit einem Wortwechsel in einer Kneipe, dessen philosophische - und poetologische! - Bedeutung viel zu nahe liegt, als dass er die Vorfreude auf einen Thriller mit "Kronzeugen" oder "schwarzen Vögeln" aufhalten könnte. ",Erklär es mir', sagte Jenny. ,Du mit deiner Bildung musst es doch wissen: Was ist das Leben?' ,Der vorübergehende Aufenthalt eines Sonnenstrahls auf seinem Weg in das Weltall.' Noch bevor ich etwas hinzufügen konnte, rief eine resolute Frauenstimme: ,Wir schließen jetzt.'" Über das Ende des Romans hinaus bleibt offen, ob das ein melancholischer Satz der Erkenntnis gewesen ist. Oder eine eitle Gebärde. Oder eine verzweifelt manieristische. Sicher ist nur: Maarten 't Hart weiß, dass er über Menschen nichts weiß. Aber er weiß, was er tut.
- Datum 02.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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