Das fliegende Lehrerzimmer
Deutsche Pädagogen proben den Wandel. Ein Schulbesuch in Wuppertal
Am Anfang steht eine Frage, die mehr sagt als jede Antwort. Ob der Reporter denn freiwillig da sei, erkundigt sich die Biologielehrerin. Oder ob die Kollegen in der Zeitung ihn vielleicht "zum Thema verdonnert" hätten? Eine Woche in einem Lehrerzimmer in einer Wuppertaler Schule herumsitzen; die Vormittage mit knapp hundert Lehrern verbringen, die immer so viel redeten und stets klagten; diesen Berufsstand "so in der Masse zu erleben", das tue sich doch wohl niemand aus freien Stücken an, vermutet die Lehrerin. In ihrem Bekanntenkreis heiße es immer: Ein Lehrer reicht. "Ist doch so, oder?"
Die Randgruppe
Vor kurzem sah sich das Schulministerium in Schleswig-Holstein gezwungen, den Verleumdeten beizuspringen. Plakate zwischen Flensburg und Neumünster zeigten idyllische Unterrichtsszenen, darunter den Spruch "Gute Leute machen Schule - Unsere Lehrerinnen und Lehrer". Eine Imagekampagne wie für eine diskriminierte Randgruppe.
Das Bild
Seit einiger Zeit hängt im Sekretariat der Schule ein Bild. Die Sekretärinnen mussten sich erst an das Kunstwerk gewöhnen. Der alte Stich mit dem barocken Goldrand will so gar nicht zu der Beton-Glas-und-Stahl-Architektur des Schulgebäudes passen. Das Porträt zeigt einen Gelehrten mit weißem Bart. Der berühmte Neandertaler-Forscher gab der Schule ihren Namen: Carl-Fuhlrott-Gymnasium. Schulleiter Karl Schröder hatte das Gemälde im Fundus entdeckt, wo es jahrzehntelang unbeachtet herumlag.
"Geschichte ist wichtig für eine Schule", sagt Schröder. Sie diene als Baustein für die Corporate Identity der Schule, als Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb mit anderen Gymnasien in Wuppertal. Die Kollegen von der Realschule gleich nebenan fanden die Idee so überzeugend, dass auch sie sich unter den berühmten Wuppertalern auf die Suche machten. Sie stießen auf Carl Bayer. Zwar war auch Friedrich Engels als Namenspate im Gespräch. Den meisten jedoch schien der Name des Chemiefirmengründers irgendwie zeitgemäßer - und spendenträchtiger.
Vorbei die Tage, als Lehrer nur lehren mussten. Heute werben sie Sponsoren und denken über das Image ihrer Schule nach. Deutsch ist noch Deutsch, Mathematik noch Mathematik. Doch das reicht nicht mehr. Schon heute steht Nachhilfe in Sozialverhalten ebenso auf dem ungeschriebenen Lehrplan wie der Fitnesskurs für den Arbeitsmarkt. Der Lehrer der Zukunft ist Manager, Sozialarbeiter und Jobberater, mehr Lerntrainer als Stoffvermittler. Diese Aufgaben kann man nur im Team bewältigen. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei.
- Datum 02.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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