Schule alt, Kinder neu
Peter Struck möchte im deutschen Bildungssystem aufräumen
Der Herbst kommt und mit ihm das neue Buch von Peter Struck. Der Hamburger Pädagoge schreibt jedes Jahr eines. Da er außerdem noch zahllose Zeitungs- und Zeitschriftenartikel verfasst, in der Öffentlichkeit durch Podiumsdiskussionen oder in Radio- und Fernsehsendungen allgegenwärtig ist und nicht zuletzt als Professor für Erziehungswissenschaften an der Hamburger Universität seinen Lehr- und Forschungsverpflichtungen zu obliegen hat, da fragt es sich: Wie schafft er das?
Ganz einfach. Peter Struck schreibt jedes Jahr das gleiche Buch. In diesem Jahr heißt es Vom Pauker zum Coach. Nun kann man ein gutes Buch ruhig mehrmals lesen und also auch mehrmals schreiben, aber leider ist es kein gutes Buch. Trotz geänderter Titel bleiben Aufbau und Grundtenor des Inhalts im Kern gleich: ein diffuser Reform- und Erneuerungswille wird da transportiert mit all den schon etwas abgestandenen Ideen, Hoffnungen und Modellen, die sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren angesammelt haben. In kurzen, selten mehr als 20 Seiten umfassenden Kapiteln wird die Botschaft abgespult: Die Schulen sind schlecht, die Lehrer alt, die Kinder neu, die Eltern ratlos. Also müssen die Schulen besser, die Lehrer jünger, die Kinder anders behandelt und die Eltern besser beraten werden.
Wenn Struck zum Beispiel behauptet, 30 Prozent aller Eltern seien mit den Leistungen der Schule unzufrieden, so können wir das vermutlich noch glauben, weil dies angeblich das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung herausgefunden hat. Wie aber steht es mit der Behauptung, 75 Prozent aller Schüler litten vor den Zeugnissen an Erbrechen und Durchfall? Und wieso, bitte sehr, belegen "alle Erfahrungen mit notenfreien Schulen, daß in ihnen entlastetes und motiviertes Lernen eher möglich ist"?
Wo dann die Statistiken versagen, entflieht der Autor ins Reich des Komparativs: Lehrer werden immer älter und verschleißen immer früher, immer mehr Schüler sind sozialgeschädigt, immer mehr Eltern alleinerziehend und so fort. Eine weitere Kompositionsmasche sind die Bedingungssätze, die den Lesern die Analysefähigkeit des Autors vermitteln sollen. "Wenn - dann". "Wenn Schüler sich wohlfühlen, dann sind sie weniger schwierig", "Wenn überhaupt, können Noten nur dann gerecht sein, wenn sie sich auf den Stoff der Klasse beziehen". Und wenn sie nicht gestorben sind ... dann werden die Struckschen Gedanken in die Zwar-aber-Form gepresst, was Problembewusstsein suggeriert. Obendrein lässt sich fast jeder Wenn-dann-Satz in einen Zwar-aber-Satz verwandeln: "Zwar können Noten manchmal gerecht sein, aber nur dann, wenn sie ..." So bastelt sich Struck seine Argumente.
Gelegentlich werden Fallbeispiele bemüht, um Anschaulichkeit herzustellen, das der "neunjährigen Tanja" etwa, die mühelos auf der Bordsteinkante balancieren kann und dem beobachtenden Pädagogen damit beweist, dass sie an keinerlei Bewegungsstörung leidet. Oder "die gleichaltrige Melanie", die das auch kann, "aber in ihrem Gesicht ist deutlich die Anstrengung zu sehen ..." "Und dann ist da noch Karl-Heinz", aber das will der Leser dann schon nicht mehr wissen.
Wissen aber will er: Wo war der Lektor des Buches? Warum hat er nicht Sätze wie diese gestrichen: "Einfachste Anlässe zur Freude bietet zum Beispiel der sogenannte Kindermund" Warum hat er nicht Plattitüden verhindert wie: "Manche lernen eben allein besser, manche besser zu zweit" oder "Zusammenfassend können wir feststellen, daß wir für die Zukunft eine ganz andere Schule brauchen ..."?
Eine Neuerung der diesjährigen Ausgabe muss erwähnt werden. Struck hat diesmal einen Mitautor, Ingo Würtl. Nummer sieben der insgesamt etwa 30 Kapitel stammt offensichtlich aus dessen Feder. Sowohl die These (Würtl will die Schulpflicht abschaffen, was erwägenswert ist) als auch deren Durchführung sind ganz und gar nicht vom Struckschen Schrot und Korn. "Die Schule als Pflichtrestaurant mit Aufeßzwang" ist eine derart verschraubte Metaphorik, dass sich auch ihr Erfinder daran nur verheben kann.
- Datum 02.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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