Die brennende Frage

Hundert Jahre Traumdeutung lehren: Wach sein ist feige

Bitten wir den Durchschnittsintellektuellen von heute, uns in kurzen Worten zu sagen, worum es in Freuds Traumdeutung geht, wird er wahrscheinlich antworten: Für Sigmund Freud ist der Traum die Verwirklichung eines zensierten unbewussten Wunsches seitens des Träumenden, der in der Regel sexueller Natur ist. Wenden wir uns nun, diese Definition im Sinn, ganz an den Anfang der Traumdeutung, wo Freud uns eine detaillierte Interpretation seines eigenen Traums von Irmas Injektion gibt. Man darf wohl davon ausgehen, dass Freud wusste, was er tat, und mit Bedacht ein Beispiel wählte, das geeignet ist, seine Traumtheorie zu illustrieren. Dennoch stoßen wir hier auf unsere erste große Überraschung. Bei Freuds Interpretation fällt uns zunächst der alte sowjetische Witz mit Radio Eriwan ein: "Hat Rabinowitsch bei der Staatslotterie ein neues Auto gewonnen?" - "Im Prinzip ja. Nur war es kein Auto, sondern ein Fahrrad, und es war nicht neu, sondern alt, und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden!" Ist ein Traum die Verwirklichung des unbewussten sexuellen Wunschs des Träumenden? Im Prinzip ja. Nur ist der Wunsch in dem Traum, den Freud zur Demonstration seiner Traumtheorie ausgewählt hat, weder sexuell noch unbewusst, und außerdem ist er nicht einmal sein eigener ...

Der Traum beginnt mit einem Gespräch zwischen Freud und seiner Patientin Irma über das Scheitern ihrer Behandlung aufgrund einer infizierten Spritze; im Verlauf des Gesprächs nähert sich Freud Irma, rückt dichter an ihr Gesicht heran und blickt ihr tief in den Mund, setzt sich dem grausigen Anblick des wunden roten Fleischs aus. An diesem Punkt des unerträglichen Entsetzens ändert sich die Tonart des Traums, das Entsetzen verwandelt sich unvermittelt in Komik: Drei Ärzte, Freunde Freuds, erscheinen und zählen in einem lächerlichen Pseudofachjargon mehrere (einander ausschließende) Gründe dafür auf, dass an der Vergiftung Irmas durch die infizierte Spritze niemand schuld war (es gab gar keine Spritze, die Spritze war sauber ...). Der Wunsch im Traum, der "latente Gedanke", der sich darin artikuliert, ist also weder sexuell noch unbewusst, sondern Freuds (völlig bewusster) Wunsch, seine Verantwortung für das Scheitern seiner Behandlung Irmas zu tilgen. Wie passt das zu der These der sexuellen und unbewussten Natur des in Träumen ausgedrückten Wunsches?

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An dieser Stelle müsste nun der wesentliche Unterschied genannt werden: Der unbewusste Wunsch des Traums ist eben nicht der latente Gedanke, der in das explizite Gewebe des Traums verdrängt/übersetzt wird, sondern der unbewusste Wunsch, der sich durch die Verzerrung des latenten Gedankens selbst in das explizite Gewebe des Traums einschreibt. Darin liegt das Paradox der Traumarbeit: Wir wollen einen bestimmten drängenden, aber beunruhigenden Gedanken, dessen wir uns völlig bewusst sind, loswerden; also verzerren wir ihn, übersetzen ihn in die Hieroglyphen des Traums. Allerdings schreibt sich durch eben diese Verzerrung des Traumgedankens ein anderer, weit fundamentalerer Wunsch in den Traum ein, und dieser Wunsch ist dann unbewusst und sexuell. Im Fall von Irmas Injektion liefert Freud selbst Hinweise auf seinen unbewussten Wunsch: Er begreift sich als den "Urvater", der die Frauen, die in dem Traum erscheinen, besitzen will.

Ein weiteres Rätsel stellt sich hier: Wessen Wunsch verwirklicht der Traum tatsächlich? Einige jüngst veröffentlichte Dokumente belegen eindeutig, dass das eigentliche Zentrum dieses Traums der Wunsch war, Wilhelm Fließ (Freuds engen Freund und Mitarbeiter, der an seiner statt das Subjekt war, "das eigentlich wissen sollte", also das Objekt seiner Übertragung) vor Verantwortung und Schuld zu bewahren: Fließ nämlich hatte Irmas Nasenoperation vermasselt, und der Wunsch des Traums besteht nicht darin, den Träumenden (Freud selbst), sondern den großen Anderen des Träumenden zu entlasten, das heißt also, zu demonstrieren, dass der Andere für das medizinische Versagen nicht verantwortlich war, dass es ihm nicht an Wissen mangelte - kurz, dass der Kaiser nicht nackt war. Somit verwirklicht der Traum tatsächlich Freuds Wunsch - aber nur insoweit, als sein Wunsch schon der des Anderen (Fließ) ist.

Um das ganze Ausmaß der Traumdeutung zu erfassen, sollte man eine weitere Komplikation hinzufügen. Warum träumen wir überhaupt? Freuds Antwort ist trügerisch einfach: Die vornehmste Funktion des Traums ist die, den Schlaf des Träumenden zu verlängern. Dies wird gemeinhin als auf die Träume bezogen interpretiert, die wir kurz vor dem Aufwachen haben, wenn eine äußerliche Störung (ein Geräusch) uns zu wecken droht. In einer solchen Situation stellt sich der Schlafende rasch (in Gestalt eines Traums) eine Situation vor, die diesen äußerlichen Stimulus integriert und den Schlaf daher noch um eine Weile verlängert; wird das äußerliche Signal zu stark, erwacht er schließlich doch ... Aber läuft das alles wirklich so glatt? In einem anderen Traum aus der Traumdeutung schläft ein müder Vater, der die ganze Nacht am Sarg seines toten Sohns gewacht hat, ein und träumt, sein Sohn komme, ganz in Flammen gehüllt, auf ihn zu und mache ihm den grauenhaften Vorwurf: "Vater, siehst du nicht, dass ich brenne?" Bald darauf erwacht der Vater und sieht, dass das Tuch auf dem Sarg seines toten Sohns durch eine umgefallene Kerze tatsächlich Feuer gefangen hat - der Rauch, den er im Schlaf gerochen hat, wurde in den Traum vom brennenden Sohn integriert, damit er länger schlafen konnte.

Wachte der Vater auf, als der äußerliche Reiz (Rauch) zu stark wurde, um in dem Traumszenario integriert zu bleiben? Oder war es nicht eher genau umgekehrt: Der Vater konstruierte zuerst den Traum, um länger schlafen zu können, das heißt, um das unangenehme Erwachen hinauszuzögern; was ihm dann aber in dem Traum begegnete - die buchstäblich brennende Frage, das grausige Gespenst seines Sohns, das den Vorwurf aussprach -, war viel unerträglicher als die äußerliche Wirklichkeit, also wachte der Vater auf und floh damit in die äußerliche Wirklichkeit - warum? Um weiterzuträumen, um dem unerträglichen Trauma seiner Schuld am schmerzhaften Tod seines Sohns zu entgehen.

Um das ganze Gewicht dieses Paradoxes zu erfassen, vergleicht man diesen Traum mit dem von Irmas Injektion. In beiden Träumen gibt es eine traumatische Begegnung (der Anblick des wunden Fleischs in Irmas Hals; die Vision des brennenden Sohns); im zweiten Traum jedoch erwacht der Träumende an diesem Punkt, während im ersten der Horror durch das alberne Spektakel ärztlicher Entschuldigungen ersetzt wird. Diese Parallele gibt uns den entscheidenden Schlüssel zu Freuds Traumtheorie in die Hand: Das Erwachen im zweiten Traum (Vater erwacht in die Wirklichkeit, um dem Grauen des Traums zu entfliehen) hat die gleiche Funktion wie der plötzliche Umschlag zur Komik, zu dem Wortwechsel zwischen den drei lächerlichen Ärzten im ersten Traum; das heißt, unsere gewöhnliche Wirklichkeit hat genau dieselbe Struktur wie ein solcher alberner Wortwechsel, sie befähigt uns, die Begegnung mit dem wahren Trauma zu vermeiden.

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