Brandschutz gegen Visionäre

Eigentlich sollte das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) ein Ort der Experimente und Visionen werden. Doch jetzt gibt es einen Kurswechsel: Das dortige Museum für Neue Kunst wandelt sich zum Sammlerparadies

Kunst kann, soll explosiv sein. Insofern ist es kein Zufall, dass das aufregendste deutsche Museumsgroßprojekt der letzten Jahre in einer Munitionsfabrik stattfindet. Und nicht in irgendeiner, sondern in einem Giganten der Industriekultur. 312 Meter lang, 25 Meter hoch, 80 000 Quadratmeter groß ist das Gebäude, in dem seit zwei Jahren das Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie an der Schnittstelle von Medienevolution und Kunstrevolution herumbastelt, flankiert von der Städtischen Galerie Karlsruhe und der Hochschule für Gestaltung. In letzter Zeit schien das Pulver in Deutschlands größter Kunstfabrik ein bisschen feucht geworden zu sein, von Besucherrückgang und konzeptioneller Beliebigkeit war die Rede. Höchste Zeit also, noch einmal eine neue Lunte anzulegen und ein veritables Feuerwerk abzubrennen. Damit das, was mal als "digitales Bauhaus" gefeiert wurde, nicht als Knallfrosch endet. Und die Lunte brennt: In dieser Woche wird das Museum für Neue Kunst in den neuen Räumen am Ende des Fabrikkolosses eröffnet oder auch: wiedereröffnet.

Schon seit der Eröffnung des ZKM im Herbst 97 gab es neben dem Medienmuseum und den Forschungsabteilungen auch ein Museum für Neue Kunst. In ihm wurden die Werke gezeigt, die der unermüdliche Gründungsdirektor des ZKM, der im Juni dieses Jahres verstorbene Heinrich Klotz, in wenigen Jahren zusammengetragen hatte. Die Sammlung war von, sagen wir mal, schwankender Qualität, im Gründungsfieber hatte Klotz einige der insgesamt rund 12 Millionen Mark wohl für unsichere Kantonisten ausgegeben. Aber wie auch immer - jetzt steht sein ganzer Fundus ohnehin im Keller. Und das kam so:

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Doch bevor er sein Lebenswerk vollenden konnte, erkrankte Klotz schwer. Er legte die Leitung des Museums in die Hände von Götz Adriani, der die Kunsthalle Tübingen zu einem Publikumsmagneten gemacht hat und viele der umworbenen Sammler gut kennt. Und als dann der Visionär Klotz starb, schlug die Stunde des Pragmatikers Adriani.

Von einem "Museum aller Gattungen", das Klotz vorgeschwebt und das einzurichten er begonnen hatte, hält Adriani nicht viel. "Kompetent kann man eh nur in der Kunst seiner Generation sein", sagt er, der mit Namen wie Cézanne seine größten Erfolge hatte, und dass er Kollegen nicht so recht traue, die immer auf der Höhe jeder neuen Zeit sein wollten. Damit passt er in das interdisziplinäre Labor ZKM, zu dem auch eine von Klotz gegründete Hochschule für Gestaltung gehört und dessen Teil das Museum ja ist, so gut wie ein Mönch in einen Techno-Club. Aber ohnehin legt Adriani Wert darauf, nicht Abteilungsleiter des ZKM zu sein.

Als wollte er diesem Autonomiedenken auch architektonisch Ausdruck verleihen, hat er aus einem weiteren Klotz-Traum die Luft abgelassen und den durchgehenden, alles mit allem verbindenden Weg durch die Kunstfabrik abgeschnitten, versperrt. Zu teuer, zu schwer zu bewachen, und der Brandschutz hat auch etwas dagegen. Nun allerdings kann der Pragmatiker nicht einmal in Sachen Sammeln halten, was dem Visionär vorgeschwebt hatte: Der italienische Graf war, so Adriani, nie ernsthaft interessiert, Frieder Burda wollte schon immer ein eigenes Museum (das er jetzt in Baden-Baden baut), und so blieben dann langfristig nur drei baden-württembergische Sammler übrig, die Herren Rentschler und Weishaupt sowie die Familie Grässlin. Aus den Sammlungen Burda und Fröhlich sollen sporadisch Leihgaben kommen, zumindest in der Eröffnungsschau bis Ende März sind sie noch prominent vertreten. Zu guter Letzt räumte Adriani auch noch mit Klotz' Plänen für die Ausstellungsarchitektur auf und leerte den ersten Lichthof, wo Klotz mit Stellwänden zusätzliche Hängefläche gewinnen wollte, komplett aus. Eine richtige Entscheidung, auch wenn sie zunächst das Kardinalproblem des neuen Museums verschärft: Es hat keine Wände. Denn die Munitionsfabrik besteht eigentlich nur aus einem steinernen Skelett und jeder Menge Fenster - damit im Falle einer Detonation nur das Glas rausfliegt und nicht gleich die ganze Bude einstürzt. Kunst aber, auch die neue, braucht Wand. Und so musste man dem Glashaus mit beweglichen Stellwänden Ausstellungsplatz abringen. Nur die Eingangshalle blieb ganz sie selbst, wodurch das neue Museum ein überwältigendes Entrée bekommt, einen industriellen Sakralraum, der den Besucher gleich andächtig stimmt.

Und was da kommt auf rund 7000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist ein kleines Hochamt der Kunst der letzten 30 Jahre (mit einigen deutlich älteren Teilen, frühen Beuys-Zeichnungen zum Beispiel). Rund 350 Werke von 70 Künstlern aus Westeuropa und Amerika, sortiert weniger nach kunsthistorischen Kriterien als Sammlungen. Was in dem Gebäude auch sinnvoll ist. Denn von fast jedem Punkt der drei Etagen kann man beinahe das gesamte Museum überblicken, hier tritt, oft über 30, 40 Meter hinweg, alles zu allem in Beziehung, Warhol zu Kippenberger, Haring zu Naumann, Palermo zu Kiefer. Das ist erfreulich undidaktisch, munter schweift man quer durch die Stile, Strömungen und Sammlungen. Eine vage Chronologie ergibt sich aus dem Charakter der Sammlungen: Während Burda und Fröhlich eher die Klassiker liefern, steuern Rentschler und Gräss-lin die jüngeren Positionen bei.

Eine Chance haben in diesem Gebäude (Räume gibt es ja nicht) ohnehin nur große Formate - Warhols Abendmahlpersiflage nach Leonardo auf drei mal sieben Metern oder ein Riesenkissen von Gotthard Graubner, schließlich die Blöcke mit Arbeiten der notorischen deutschen Malerstars Polke, Richter und Baselitz. Adriani hat all dies routiniert und mit kühler Perfektion arrangiert. Nur eins ist all das nicht: überraschend. 350 Werke - und ebenso viele Déjà-vus. Starsammler zeigen Stars - am Ende wirkt alles wie ein Mausoleum, seltsam leblos und erstarrt, ein unbezweifelbarer Kanon der Westkunst. Einzig die Aufwertung, die Martin Kippenberger widerfährt, fällt aus dem Rahmen. Der große Block seiner Arbeiten aus der Sammlung Grässlin triumphiert im Obergeschoss über Warhol und Richter, die vergeblich in den Stockwerken unter ihm gegen seine lässige Ironie anleuchten.

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