Wer kennt sie nicht, die Ahnengalerie im Physiksaal: Galileis fürstliche Pose, Einsteins weiser Blick, Darwins Prophetenbart. Während heute kaum ein Philosoph übrig ist, dessen Konterfei in Schulräumen nicht zumindest diskussionswürdig wäre, genießen die Helden der Naturwissenschaften noch immer kaiserzeitliche Devotion. Und noch immer erzählen naturkundliche Lehrbücher die Geschichte ihrer Disziplin wie die Chronik einer aufstrebenden Dynastie: als Erfolgsstory.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolges? Wissenschaftstheoretiker dachten nach und fanden in der Naturwissenschaft eine unbestechliche Dialektik von Theorie und Experiment am Werke. So verdichteten sie die monumentalische Lehrbuchhistorie zu einer absoluten Methode, mit der sich die Geheimnisse der Natur nun systematisch und rational enträtseln ließen.

Die britischen Soziologen Harry Collins und Trevor Pinch sind natürlich nicht die ersten, die jene Hofchronisten der Naturforschung auf den Boden der historischen Realität holen - und rationalistische Methodologien wurden auch schon öfter dekonstruiert. Gleichwohl unterscheidet sich The Golem. What Everyone Should Know about Science, so der Originaltitel ihres bereits 1993 erschienenen Buches, von seinen Vorgängern: Vor allem ist es für Leser geschrieben, die weder Physik studiert haben noch philosophische Begriffe gewöhnt sind.

Dabei sind Collins und Pinch beide ausgebildete Physiker. Dass sie hier gewissermaßen in der Volkssprache schrieben, muss einige Gemüter besonders erzürnt haben. Denn wie kein zweiter Text geriet ausgerechnet der Golem 1996 nach anfänglichem Lob ins Feuer heftiger Kritik. Damals waren in den USA gerade die "Science Wars" ausgebrochen: Physiker, Soziologen und Philosophen begaben sich auf den Kriegspfad, um darüber zu streiten, ob die Erkenntnisse der Naturwissenschaft nun objektive Wahrheiten oder soziale Konstrukte seien.

Um derlei Gretchenfragen geht es Collins und Pinch allerdings gar nicht. Sie wollen lediglich zeigen, wie wenig von der These zu halten ist, naturwissenschaftliche Kontroversen seien am Ende nur durch vernünftige Argumente entschieden worden. Dazu erzählen sie sieben Episoden aus der neueren Geschichte der Physik und der Biologie: von Entdeckungen, die sich durchsetzten (wie Einsteins Relativitätstheorie) und solchen, an die heute keiner mehr glaubt (wie die kalte Kernfusion). Dazu kommen Kontroversen, die nie recht geklärt werden konnten. Die sachlichen Details, auf die es ankommt, werden klar und kompetent erklärt - nur in ihrem letzten Beispiel (dem Rätsel der Sonnenneutrinos) sind die Autoren leider nicht auf dem neusten Stand der Debatte, was ihr Argument nicht entwertet. Schade auch, dass sich in die ansonsten gelungene Übersetzung Fehler eingeschlichen haben.

Der Übersetzung liegt die zweite englische Auflage von 1998 zugrunde. Ihr haben die Autoren ein ausführliches Nachwort angefügt, in dem sie sich mit einigen ihrer Kritiker auseinandersetzen. Dabei geht es vor allem um die Relativitätstheorie. Sie ist heute die empirisch am besten gesicherte wissenschaftliche Theorie und gilt zudem als Triumph der Rationalität über den Alltagsverstand. Kein Wunder also, dass einige Physiker erbost waren, als ausgerechnet dieses Juwel für den Nachweis sozialer Bedingtheit von Wissenschaft herhalten musste.

Nichts liegt Collins und Pinch jedoch ferner, als die Relativitätstheorie zu kritisieren. Sie weisen lediglich nach, dass gewisse Experimente, die den meisten Lehrbüchern zufolge die Relativitätstheorie verifiziert oder eine alternative Theorie falsifiziert haben sollen, genau dies nicht leisten konnten! Verifizierend oder falsifizierend wurden diese Experimente vielmehr erst durch eine (zum Teil erst nachträgliche) Interpretation mit vorrationalen Zügen: "Die Bedeutung eines Versuchsergebnisses hängt also nicht nur von der Sorgfalt ab, womit der Versuch geplant und durchgeführt wird

er hängt auch davon ab, was die Menschen gerade zu glauben bereit sind." Da also nicht nur Logik und Empirie an unserem naturwissenschaftlichen Weltbild weben, "gibt es keine Logik der Forschung. Oder besser gesagt: Wenn es sie gibt, dann ist es die Logik des Alltags".

Es geht um die Wahrheit - und um die Karriere

Natürlich, wer wie Collins und Pinch Naturwissenschaft als soziale Veranstaltung sieht, der versteht sie als Menschenwerk, als Golem. Aber ist das so unerhört? Welcher Zacken bricht den Forschern aus der Krone, wenn man etwa zeigt, dass es ihnen nicht stets nur um die Wahrheit zu tun ist, sondern zuweilen auch um Ruf und Karriere - wie anderen Menschen auch? In einem gut organisierten Wissenschaftsbetrieb mögen Ehrgeiz und Wahrheitsstreben ununterscheidbar sein - vor Neid, Trotz und Sympathie aber ist kein Diskurs sicher. Und gerade weil es um ein Stück Wirklichkeit geht, finden auch metaphysische Grundüberzeugungen ihren selten reflektierten Niederschlag.

Dennoch: Wer hinter all dem nun sozialen Konstruktivismus und Relativismus wittert - wie offenbar auch der Erfinder des irreführenden deutschen Untertitels -, der begeht den kapitalen Kategorienfehler einer "Verwechslung von Methode und Inhalt der Wissenschaft". Denn allein der Umstand, dass sie in einem sozialen Kontext formuliert wurden, disqualifiziert die naturwissenschaftlichen Aussagen noch nicht als akkurate Abbilder der Wirklichkeit. Wer die Feststellung, Naturwissenschaft sei Menschenwerk, für eine Schmähwort hält, der denkt zu gering vom Menschen.

Warum ist diese Feststellung dann wichtig? "Die Konsequenz aus unseren Fallgeschichten", so Collins und Pinch, "sollten jene Fächer ziehen, die mit ihrer wissenschaftlichen Methode das nachahmen, was sie für die Fortsetzung der renommierten naturwissenschaftlichen Arbeitsweise halten." Es gilt also, einen Szientismus zu vermeiden, der schon in den Naturwissenschaften selbst eine Fiktion ist. Was Naturforschung so erfolgreich sein lässt, ist doch nicht die höhere Rationalität ihrer Methode, sondern die spezielle Auswahl der Phänomene, mit der sie sich befasst: Deren exakte Reproduzierbarkeit vermag kontroverse Interpretationen im Laufe der Zeit quasi herauszumitteln.

Das kann freilich länger dauern als ein Forscherleben: So manche Theorie hat sich durchgesetzt, nicht weil ihre Gegner überzeugt worden wären, sondern weil sie irgendwann ausstarben. Wer sich dagegen auf Unwiederholbares einen wissenschaftlichen Reim machen möchte, dem bleibt nur die Mühe des Begriffs und der Begründung. Rationalismus experimentalwissenschaftlicher Provenienz hilft da wenig.

Auch sich selber tun die Naturwissenschaften auf Dauer keinen Gefallen, wenn sie partout mehr sein wollen als solides, aber fehlbares Expertentum: "Der Bürger hat Erfahrung im Umgang mit streitenden Experten - nichts anderes ist ja Parteipolitik. Womit er aber wirklich überfordert ist, sind streitende Experten, die so tun, als wären sie etwas anderes als streitende Experten."

Solche Überforderung, argwöhnen Collins und Pinch, könnte die Bewunderung für die Forschergenies schnell in Wissenschaftsfeindlichkeit umschlagen lassen.

Im Bereich der Technik ist es ja stellenweise schon so weit. Ihr haben Collins und Pinch daher ein eigenes Buch gewidmet: The Golem at Large. What You Should Know about Technology (Cambridge University Press, 1998), das allerdings noch nicht auf Deutsch vorliegt. Ebenfalls anhand von Fallstudien warnen sie dort davor, eine Begeisterung für Technik dadurch wecken zu wollen, dass man ihre Errungenschaften anpreist, ohne über den unvermeidbaren - und oft verwickelten - sozialen Kontext ihrer Anwendung aufzuklären.

Auch mit diesem neuen Buch dürften sich Collins und Pinch nicht nur Freunde machen, und man darf gespannt sein, woher überall es diesmal die faulen Eier hagelt. Bisher kamen sie jedenfalls aus beiden Schützengräben der "Science-Wars": War es für die einen eine Zumutung, ihre Wissenschaft als einen Golem von Menschenhand vorgeführt zu bekommen, so nahmen die anderen Anstoß an dem altmodischen Schriftzug, den der künstliche Koloss auf der Stirn trägt und ohne den er bei aller Menschenmühe nicht lebensfähig wäre: Wahrheit. Das Problem ist, dass niemand alleine etwas von seiner eigenen Stirn ablesen kann - übrigens auch kein Golem der soziologischen Forschung.

Erst zu zweit kann man sich die Stirn bieten und einander vorlesen. Dazu aber müsste zunächst die Kriegsbemalung runter.

Harry Collins/Trevor Pinch: Der Golem der Forschung

Wie unsere Wissenschaft die Natur erfindet

aus dem Englischen von Gabriel Hochfels

Berlin Verlag, Berlin 1999

239 S., 39,80 DM