Jedes Jahr vor Weihnachten gibt es schlechte Nachrichten. "Man gewöhnt sich dran", sagt Karl-Heinz Schmidt. "Aber es trifft einen doch jedes Mal wieder." Schmidt ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender in einer Tochterfabrik der Mannesmann Röhrenwerke im Düsseldorfer Stadtteil Rath.

Stahlbranche, krisenerprobt. In diesem Jahr kam die schlechte Nachricht von Vodafone-Chef Chris Gent. Erst im Januar werden die Mannesmann-Aktionäre voraussichtlich entscheiden, ob sie ihre Anteile an den Briten verkaufen. Bis dahin bangen Schmidt und seine Kollegen um ihre Arbeitsplätze.

Ihr Geschäft, der Röhrenbau, lohnt sich für den Giganten Mannesmann kaum noch. An Schmidts Arbeitsplatz scheint das Unternehmen noch jener Stahlkonzern zu sein, der er früher einmal ausschließlich war: Arbeiter im ölfleckigen Blaumann, mit Helm und schweren Schuhen stellen hier Stahlröhren für Pipelines oder Kraftwerke her. Zwar steuern heute Mikroprozessoren die Produktion

das Verfahren an sich aber hat sich seit über 100 Jahren nicht geändert. Damals wurde Mannesmann als Röhrenbauer gegründet - heute expandieren die Düsseldorfer auf dem boomenden Telekommunikationsmarkt: mit ihren Töchtern Arcor, o.tel.o. und vor allem dem Mobilfunkanbieter D2. Rund 2,2 Milliarden Mark verdiente Mannesmann insgesamt von Januar bis September 1999 - fast 2,1 Milliarden davon kamen aus dem Telekommunikationsgeschäft.

Die Röhrenbauer hingegen machten im gleichen Zeitraum Verluste von 182 Millionen Mark.

Mannesmann Röhrenwerke, das bedeutete früher: Tradition, Sicherheit, Arbeit für die ganze Familie. Der Großvater von Betriebsrat Schmidt war um die Jahrhundertwende bei den ersten Wälzversuchen in Remscheid dabei, später zog er mit nach Rath. "Er hat den ganzen Wandel miterlebt", sagt Schmidt. Wie er selbst sind auch viele seiner Kollegen aus alter Verbundenheit zu Mannesmann gegangen.

"Mein Opa hat vor dem Zweiten Weltkrieg dort gearbeitet, mein Vater und ein paar Onkel auch", erzählt Wolfgang Freitag, 35-jähriger Schlosser und seit 19 Jahren im Unternehmen. "Der Achte aus meiner Familie, in der dritten Generation." Andreas Skibniewski, ebenfalls Schlosser, 39 Jahre alt und sein halbes Leben lang dabei, erinnert sich: "Wir haben gedacht, bei Mannesmann, da kann dir nix passieren. Wer hier keine silbernen Löffel klaut, hat die Rente sicher."