Hölderländler

Hans Zenders Lesarten

Der Aufwärtstrend der "Aktie Hölderlin" ist ungebrochen. Im Unterschied zu dessen Zeitgenossen Goethe oder Heine haben sich aber erst am Ende des vergangenen Jahrhunderts ganz vereinzelt Komponisten für Hölderlin interessiert. Heutigentags hingegen scheint fast täglich ein Stück mit seinen Versen zu entstehen. Die Faszination ist begreiflich, denn sie ist praktisch.

Hölderlins Poesien enthalten wuchtige Vokabeln, oft in ungebundenen Versen, die sich nicht fortwährend so altertümlich-peinlich reimen, sondern überzeitlich-bedeutungsvoll raunen.

Das Spätwerk Hölderlins bietet zusätzlich den Vorteil, in weiten Teilen fragmentiert zu sein. Oft wirken die Gedichte wie antike Fresken, deren Leerstellen der Fantasie eine ideale Projektionsfläche bieten. Welche Freude für einen literarisch interessierten Komponisten, in Hölderlins Haut zu schlüpfen und an seiner Statt die heilig-jenseitigen Verse zu vollenden - zumindest musikalisch. Dass der Dichter in zweideutiger Umnachtung einherging und unter dem Namen Scardanelli Hunderte recht schlichter Gedichte schrieb, ist für die Identitätsskeptizisten der Moderne eine weitere Attraktion. In über 20-jähriger Beschäftigung schrieb Hans Zender einen Zyklus kleiner Stücke, den er Hölderlin lesen nennt. Der Text ist melodramatisch behandelt und einer Sprechstimme mit Streichquartett anvertraut (Auvidis Montaigne MO 782094). Von Salome Kammer (und dem Arditti String Quartet) lässt man sich gerne die heilig-nüchternen Verse vorsprechen, etwa das Gedicht An die Madonna, denn sie deklamiert unprätentiös und befreit von der beengenden Vorstellung, Hölderlin selbst würde seine Worte an uns richten. Zender grundiert die Huldigungsverse an Maria mit einem zarten Ländler. Auch im Fortgang bringt die Musik einen verborgenen Wortsinn zum Vorschein. Figuren und Tonsatzfloskeln aus dem Handbuch des klassischen Streichquartetts kontrastieren mit sprachähnlicher Deklamation der Instrumente. Darin ist Zender stark: mit geringen Mitteln eine klangliche Erzählung zu entfalten, die Odenlänge trägt, auch wenn sie nur Wortfragmente enthält. Hölderlin lesen heißt nicht, Hölderlin vorzulesen, sondern ihn wieder und wieder zu lesen - auch wenn Worte wie "und schroffabbrechend" durch sechsmalige Wiederholung um den Sinn des Buchstabens gebracht werden. Aber vielleicht müssen Komponisten ihren Dichtern Gewalt antun, um ihnen gerecht werden zu können.

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    • Von Frank Hilberg
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 49/1999
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