Die I am alone, ein kanadischer Dreimastschooner, hatte brisante Ladung an Bord: Mit Tausenden von Litern hochprozentigen Alkohols segelte sie durch USamerikanische Gewässer, zehn Seemeilen von der Küste Louisianas entfernt.

Die Stimmung an Bord: dementsprechend ausgelassen. Die Besatzung war im Begriff, eines der zahlreichen Prohibitionsgesetze der Vereinigten Staaten zu verletzen. Dann spitzte sich die Lage zu. Wie aus dem Nichts erschien am Horizont das US-Küstenwachschiff Wolcott und nahm die Verfolgung der Schmuggler auf. Zunächst schien die Besatzung der I am alone Glück zu haben, da die Bordkanone der Wolcott nach einigen Warnschüssen Ladehemmung zeigte.

Aber Verstärkung war schon unterwegs. Außerhalb der amerikanischen Küstengewässer wurden die Schmuggler schließlich durch das Küstenwachschiff Dexter gestellt. Dessen Bordkanone funktionierte einwandfrei: Nachdem sich die Schmuggler weigerten beizudrehen, wurde ihr Schiff kurzerhand versenkt.

Der Fall der I am alone aus dem Jahre 1929 ist ein Klassiker und Präzedenzfall im Völkerrecht. Damals wurde er von einer durch die USA und Kanada eingesetzten Kommission geklärt diese hielt die Versenkung ohne Vorwarnung für "unverhältnismäßig". Die USA mussten eine Entschädigung zahlen und sich - dies vor allem - für die Versenkung bei der Königlich Kanadischen Regierung entschuldigen.

Das war der Spruch einer bilateralen Kommission rund siebzig Jahre später, am 1. Juli 1999, wurde ein ähnliches Urteil gefällt, aber diesmal von einem richtigen Gericht: dem Internationalen Seegerichtshof mit Sitz in Hamburg, der 1996 eingerichtet worden war. Das Gericht ist Bestandteil eines neuartigen internationalen Rechtssystems und wurde erst kürzlich wieder von Australien und Neuseeland angerufen, um Japan im Wege einer einstweiligen Verfügung zu verpflichten, den Fang von Blauflossen-Tunfisch zu reduzieren.

Darüber, wie internationale Rechtskonflikte gelöst werden können, wird derzeit viel diskutiert, zumal nach Ende des Kosovo-Krieges. Es geht die Rede von einer Stagnation des Völkerrechts dieses wird vielfach als komplizierter, träger Mechanismus und als stumpfes Schwert im Kampf um Gerechtigkeit wahrgenommen. Das Seevölkerrecht präsentiert indes ein Beispiel dafür, wie man es besser machen kann.

Die Hamburger Entscheidung vom Juli betraf den so genannten Saiga-Fall. Am 28. Oktober 1997 spielte sich vor der Küste des westafrikanischen Staates Guinea ähnlich Dramatisches ab wie 1929 vor der Küste Louisianas: Die MS Saiga, ein Tanker unter der Flagge des Karibikstaates St. Vincent, betankte fremde Fischereischiffe in der ausschließlichen Wirtschaftszone Guineas, etwa 30 Seemeilen von dessen Küste entfernt. Nach 24-stündiger Verfolgung durch zwei guineische Küstenwachschiffe wurde die Saiga in der ausschließlichen Wirtschaftszone des Nachbarstaates Sierra Leone aufgebracht und in den guineischen Hafen Conakry begleitet. Zuvor hatte die guineische Küstenwache ohne Vorwarnung auf die Saiga geschossen, sodass der Tanker beschädigt und zwei Besatzungsmitglieder schwer verletzt wurden. Die Ladung der Saiga wurde beschlagnahmt, der Schiffsführer verhaftet.