Es war vor genau fünf Jahren, als auf den Krautäckern vor Stuttgart ein schneeweißer Cadillac vorfuhr, chromblitzend, mit goldenem Lenkrad.

Revuetänzerinnen warfen die Beine, und der Zuhälter am Steuer sang: "Was für ein Duft zieht hierher, jede Nacht live Fred Astaire. The American dream!" So etwas hatte man bis dahin noch nicht gesehen: großes Showbiz im Schwabenland!

Ein Theaterpalast für das Musical Miss Saigon mit einem integrierten plastikschönen Erlebniscenter für 500 Millionen Mark! Rolf Deyhle, der Musicalkönig und Besitzer der Stella-GmbH, ließ zur Premierenfeier einen Austernberg aufschütten, so hoch, dass keiner ihn hätte überspringen können.

Aus jedem Kaviarkorn, jeder geknackten Hummerschere, jeder geleerten Champagnerflasche flüsterte eine Stimme: Hier sitzt das große Geld, hier liegt die Zukunft. The American dream! Und natürlich wollten alle Kulturpolitiker zwischen Basel, Duisburg und Bremen möglichst schnell auch so ein glitzerndes Kultur-Las-Vegas - und manche wollen es bis heute.

Aber nun ist die Stella-GmbH, der Marktführer der Musicalbranche mit acht Standorten, zahlungsunfähig und hat einen Insolvenzantrag gestellt. Zu Ende geträumt, der amerikanische Traum. Verzockt die vielen Spielchips, die sich in den Anfangsjahren des Musicalbooms wie von selbst zu vermehren schienen.

Endgültig widerlegt die Illusion, man könne Theater auch ohne öffentliche Subventionen machen, wenn man es nur schwungvoll und bunt und mit cleverem Marketing präsentiere. Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring hat jetzt kleinlaut verkündet, dass das Land womöglich für eine im vergangenen Jahr gegebene Stella-Bürgschaft in Höhe von 30 Millionen Mark geradestehen müsse. Nach dem Baden-Badener Festspielhaus also noch eine von schwäbisch-neureichem Optimismus hingeklotzte High-Culture-Ruine, die nun den Steuerzahler Geld kostet?

Was lange als entscheidender Vorteil der neuen Musicalbühnen gegenüber dem alten Stadttheater gepriesen wurde, die kostensparende Beschränkung auf ein einziges Stück, die perfekt ablaufende industrielle Fertigung des Entertainmentprodukts, die weltweit uniforme Inszenierung, schlägt nun zum Handicap um: Die kalte Mechanik der Produktionen, ihr eiskaltes Herz vermag das Publikum nicht dauerhaft zu binden. Die Laufzeiten der Stücke werden immer kürzer. Die Stella-Musicals sind "abgespielt" - was von My Fair Lady oder der Westside Story bisher noch keiner behaupten konnte. Jeden Abend dasselbe Stück an einem einzigen Standort zu spielen, das habe keine Zukunft, sagt Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein. Vielleicht wird in den Musicaltheatern ja bald Repertoire gespielt. Wie in den deutschen Stadttheatern. Manchmal ist das ganz Alte eben doch das Neue.