Fast zu allem fähig

Das Handy wird internetfest. Damit wird das Hörfon zum Sehfon

Die Zukunft findet vorerst unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Seit einigen Wochen könnten die Kunden der großen deutschen Mobiltelefongesellschaften T-D1 und D2-Mannesmann mit ihren Handys ins Internet - wenn sie denn die Geräte dafür hätten. Aber das einzige bisher verfügbare so genannte Wap-Handy, das Modell 7110 von Nokia, war unmittelbar nach der Einführung ausverkauft. Frühestens Ende Dezember soll es wieder in den Läden sein, und dann ist das Weihnachtsgeschäft vorbei. Dumm gelaufen für den finnischen Hersteller. "Wap steht für where are the phones", seufzt D2-Sprecher Christian Schwolow.

In Wirklichkeit steht Wap natürlich für etwas anderes, nämlich für Wireless Application Protocol. Eigentlich nur eine weitere technische Spezifikation, ist es zurzeit das Zauberwort der Mobilbranche. Mit Wap kann man Internet-Seiten für das mickrige Display von Mobiltelefonen und elektronischen Organizern "übersetzen". Und wenn Internet und Mobilfunk zusammenwachsen, wird das Handy aufhören, ein reines Telefon zu sein. Es wird zu einem universellen Werkzeug mit vielen Funktionen: Datenterminal, Geldbörse, Schlüssel und Ausweis, um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen.

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Das Internet war bisher auf den festen Arbeitsplatz am Computer zugeschnitten. Mit der Entwicklung von Prozessoren und Leitungskapazität stopften die Programmierer immer mehr Schnickschnack ins World Wide Web: bunte Bilder, Töne, Animationen, Video. Das Ziel war (und ist) letztlich das interaktive Fernsehen auf der heimischen Mattscheibe. Vorangetrieben wird diese Entwicklung in den USA, und dort sitzen auch die meisten Nutzer vor ihren flimmernden Bildschirmen.

Bei den Mobiltelefonen dagegen muss man woanders hinschauen, um die Avantgarde zu sehen. Zum Beispiel nach Finnland: Während in den USA der Markt von unterschiedlichen Systemen und teuren Tarifen gebremst wird, haben drei von sechs Bewohnern des dünn besiedelten skandinavischen Landes bereits ein Handy - Säuglinge und Greise mitgezählt. Und Finnlands Jugendliche waren auch die ersten, die eine neue Form der mobilen Kommunikation für sich entdeckten: die so genannten SMS-Nachrichten, kurze Textmeldungen von maximal 160 Buchstaben. Die Netzbetreiber waren überrascht von dem unglaublichen Erfolg der Nachrichten, die mühsam auf den Ziffertasten des Handys komponiert werden müssen. In skandinavischen Ländern macht SMS bereits über fünf Prozent des Handy-Umsatzes aus, die jährlichen Wachstumsraten liegen auch in Deutschland bei mehreren hundert Prozent.

Damit begann sich das Handy "vom Hörfon zum Sehfon zu entwickeln", sagt Christian From, Marketingmanager bei Nokia. Anders als beim Telefonieren, wo die Umgebung mithören kann (und nicht selten genervt ist), sind SMS-Nachrichten eine intime Form der Kommunikation, selbst im voll besetzten Zug oder im Klassenzimmer. "SMS ist heute in Finnland der erste Kanal für die Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern", erzählt From. Die Eltern mögen den Kindern die Handys schenken, um sie jederzeit erreichen zu können - in der Realität nutzen die Kids das Mobiltelefon zum Flirten und Chatten mit Gleichaltrigen.

Das kann man natürlich auch vom Computer aus, aber das Handy steht überall und jederzeit zur Verfügung. Und es ist viel persönlicher als der PC: Als erste Firma hat Nokia erkannt, dass die Besitzer eine Beziehung zu ihm aufbauen, es gern wie ein Tamagotchi pflegen. Deshalb begannen die Finnen, individuelle bunte Deckel anzubieten sowie persönliche Klingeltöne, die sich der Kunde aus dem Netz laden kann.

Schon der beschränkte Kurznachrichtendienst hat einige kommerzielle Anwendungen gefunden. In Deutschland kann man sich per SMS Wetterberichte oder Börsendaten schicken lassen. Eine finnische Agentur sendet ihren Abonnenten täglich einen Witz ins Handy - ein Riesenerfolg im Land der deprimierenden Polarnächte. Wenn nun das Internet mobil wird, wittern viele ein Riesengeschäft. Denn es gibt seit 1998 mehr Handys auf der Welt als PCs, und die Zahl steigt weiter heftig: Die Marktforscher prognostizieren weltweit eine Milliarde Handys im Jahr 2003, und die Hälfte davon soll internetfähig sein.

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