Liebe härtet ab
James Bond im Bann Elektras: "Die Welt ist nicht genug"
Gleich wird sie ihn töten. Mit bezauberndem Lächeln erklärt Elektra King dem gefesselten Bond: "Schade, ich hätte dir die ganze Welt geschenkt." - "Die Welt", entgegnet er trocken, "ist nicht genug." Wohl nie hat James Bond einen größeren Satz gesagt.
Es ist bereits das neunzehnte Mal seit 1962, dass Agent 007 die Welt rettet. Und er tut das erfolgreicher denn je. Michael Apteds Die Welt ist nicht genug spielte am Startwochenende nicht nur 40 Millionen Dollar in den USA ein, es ist auch einer der besten Bond-Filme überhaupt. Und Pierce Brosnan ist mittlerweile fast schon so gut wie Sean Connery.
An der Oberfläche funktioniert dieser Bond-Krimi wie jeder andere. Wieder einmal (diesmal geht es um Öl) wollen ein paar Größenwahnsinnige die Weltherrschaft an sich reißen, was der mit Brioni und BMW bewehrte Martini-Mann nur dadurch verhindern kann, dass er an den schönsten Schauplätzen der Welt spektakuläre Stunts vorführt und en passant attraktive Damen vernascht, die seinen Weg säumen wie Petersilie eine kalte Platte. Monty-Python-Star John Cleese sorgt als Q-Nachfolger R für Slapstick, der deutsche Vorzeige-Prügelknabe Claude-Oliver Rudolph gibt perfekt das Abziehbild des Bond-Bösewichts, und Denise Richards füllt ihre Rolle als Bond-Girl ebenso gut aus wie ihre zu knappen Hot Pants. Ihren Doktortitel in Nuklearphysik hat diese Dr. Christmas Jones garantiert an der Baywatch- Akademie erworben, wo sie nebenbei ohne Zweifel beim Wet T-Shirt Contest triumphierte.
Und dennoch ist dieser Bond anders als alle - weil Michael Apted den Blick hinter die Fassade des Bond-Mythos wagt. "Was wäre das für eine Welt, in der man nicht mal mehr einem Schweizer Bankier trauen kann?", fragt Bond in der Eröffnungsszene. Wenig später wird sein schlimmster Feind ihm das Leben retten, und seine Chefin M (Judy Dench) ist an den tödlichen Verwicklungen nicht unschuldig. Es gibt keinen Kalten Krieg mehr, kein Gut mehr und kein Böse. Die Weltordnung ist aus den Fugen geraten. Wo jede Orientierung fehlt, helfen nur antrainierte Verhaltensregeln. So kämpft der Kältespezialist mit der Lizenz zum Töten wie ein Automat für das Gute, ohne recht zu wissen, worin es eigentlich besteht.
Das Opfer ist die Täterin. Zwar hätte Bond ahnen müssen, dass man einer Millionenerbin mit dem Namen Elektra nicht trauen sollte. Doch Sophie Marceau ist von so betörend intelligenter Schönheit (so beherrscht sie intellektuell komplexere Äußerungen als "Oh, James!"), dass man Bond seine Blindheit verzeiht. "Wenn man nicht fühlt, dass man lebt, ist das Leben sinnlos", verkündet Elektra King. Ihren Komplizen und Geliebten Renard hat eine Kugel im Hirn gegen Gefühle unempfindlich gemacht. Keinen Schmerz fühlt er mehr und keine Lust.
Ob Elektra mit Bond schläft oder mit Renard, stets gleiten Eiswürfel über die Haut, erzittern die Liebenden in kalter Leidenschaft. Die Liebe ist ein Abhärtungstraining. Wenn der Agent gegen Renard kämpft, stehen sich zwei Doppelgänger gegenüber, zwei Terroristen der Kälte. Der emotionslose Schurke mordet, um Fühlung mit den Menschen aufzunehmen; James Bond tötet, um seine innere Leere nicht zu spüren. Irgendwann in diesem Film steht er einer wehrlosen Schönen gegenüber. "Du wirst nie mehr eine Frau wie mich treffen", sagt sie. - "Ich treffe immer", entgegnet Bond und erschießt sie. Brosnans 007 ist nicht nur zynischer, sondern auch härter als seine Vorgänger.
Am Ende des Films, als der Secret Service wie immer nach Bond sucht, um ihm zu gratulieren, wird der Agent mit Hilfe einer Thermokamera aufgespürt. Das Bild erglüht in tiefroten Farben, Bond schläft mit Dr. Christmas Jones. Jetzt ist ihm endlich warm. Doch die nächste Eiszeit kommt bestimmt.
- Datum 09.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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