Geschäft oder Glaubwürdigkeit
Die »Los Angeles Times« ist eine der angesehensten Zeitungen der USA. Jetzt steht ihr Ruf auf dem Spiel - wegen einer umstrittenen Entscheidung des Managements
So wie Bill Boyarsky muss man sich einen amerikanischen Journalisten vorstellen: hemdsärmelig, das Gesicht sorgenvoll in Falten gelegt, die Füße auf dem Tisch, aber nicht auf dem Tisch seines Glaskastenbüros, sondern auf dem nächstbesten im Newsroom, jenem hektischen Großraumbüro, wo er sich als Lokalchef der Los Angeles Times lieber aufhält. Dort sitzt er mitten im Getümmel. Hier ist einiges los zurzeit, denn die Los Angeles Times ist ins Gerede geraten.
Das hoch angesehene Blatt ist einer Versuchung erlegen. Sie hat auf unzulässige Weise journalistische Arbeit und Anzeigengeschäft verbunden. Mit einem Sonderheft über eine neue Sportarena in Los Angeles landete die Zeitung einen großen Coup - der zwar zu einem großen Geschäft geriet, aber die Glaubwürdigkeit des Blattes erschütterte. Konkurrierende Blätter wie die New York Times schreiben nun hämische Artikel, Anzeigenkunden sind verwirrt, und Leser rufen an mit der Frage: Was ist los mit der Los Angeles Times?
Früher einmal hat Lokalchef Boyarsky tatsächlich in einem der kleinen Glaskastenbüros gearbeitet, hat die Jalousie heruntergelassen und das Geschehen im Newsroom herausgefiltert aus seiner Wahrnehmung. In seinen dreißig Jahren bei der Times war er unter anderem politischer Kommentator. Amerikanische Zeitungen legen Wert auf die strikte Trennung von Kommentierung und Nachricht. Dieses eherne Prinzip bedeutet auch: räumliche Trennung. Die Editorial Writerssitzen in ihren Glashäuschen, die Staff Writers im Großraumbüro.
Dort, das weiß Boyarsky, wird die eigentliche Zeitung gemacht. Im Newsroom herrschen die Hektik und das produktive Chaos, die zu Schlagzeilen, zu Knüllern und zu den großen Enthüllungsgeschichten führen. Weit öfter, als die Leser es sich vorstellen können, fallen die großen Storys den Reportern in den Schoß. Nur selten decken journalistische Wühlarbeiter ganz von sich aus große Missstände auf.
So war es auch bei der amerikanischen Enthüllungsgeschichte schlechthin, dem Watergate-Skandal. Und etwas Ähnliches passierte Bill Boyarsky. Es war ein Mittwoch im November, als das Telefon klingelte, ein Mann war am Apparat. Er schmeichelte Boyarsky: Er wende sich an ihn, weil er seit Jahren seine Artikel lese und ihn respektiere. Eine »persönliche Erklärung« wollte der Anrufer abgeben. Sie gelte allen Angestellten der Los Angeles Times, aber besonders der Redaktion, die doch so sehr »missbraucht und geschunden« worden sei. Das Management dagegen habe sich »unglaublich dumm und unprofessionell« verhalten. »Integrität, Qualität und Ehre der Times« müssten gerettet werden.
Nun gehören Spannungen zwischen Verlag und Redaktion zum Zeitungsalltag, nicht nur an der kalifornischen Küste. Verlag und Redaktion verbindet ein heikles, ein sensibles Verhältnis. Will uns der Verlag womöglich ins Handwerk pfuschen? So fragen leicht in Rage zu bringende Redakteure, wenn zum Beispiel aus dem Verlag Anregungen für ein bestimmtes Thema oder eine Beilage kommen und dazu noch der Hinweis: »Denken Sie doch einmal an die Anzeigen.« Ohne sie wären Zeitungen unbezahlbar. Doch leicht kommt Misstrauen auf. Deshalb sollten die Trennlinien klar gezogen sein. In Amerika spricht man von einer Mauer, bei der Los Angeles Times gar von einer »Chinesischen Mauer«, die zwischen der Anzeigenabteilung und dem Newsroom steht. Stehen sollte.
Normalerweise hätte sich Bill Boyarsky wohl artig bei seinem Anrufer bedankt, dann aber gelangweilt aufgelegt. Dass er zunächst mitschrieb, dann seine Sekretärin bat, mitzuschneiden und den Text gleich in den Computer einzugeben, dass er schließlich das Manuskript gleich dreimal an den Anrufer schickte, damit dieser es weiter überarbeiten könne - das alles hatte etwas mit der Person des Anrufers zu tun. Der Anrufer war nämlich Otis Chandler, der inzwischen zurückgezogen auf einer Ranch in Oregon lebende 71jährige Miteigentümer und ehemalige Verleger der Los Angeles Times.
- Datum 09.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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