Dellen nach dem Urknall
15 Jahre Privatfernsehen haben unsere TV-Landschaft radikal verändert. Aber zur Dämonisierung der Kommerzkanäle besteht kein Anlaß
Bilanz ziehen die privaten Fernsehsender selbst mit Lust - kleine Zahlen verstecken sie in interpretationsbedürftigen Zusammenhängen, große Worte werden fett gedruckt. Sat.1, so heißt es in der Chefetage, steht "auf einem tragfähigen und zukunftsgerichteten Fundament". RTL ist sowieso Marktführer und dennoch sicherheitshalber mit Super RTL "auf Überholspur". Für ProSieben ist "Innovation Programm", und damit ist dieser Sender "im deutschen Fernsehmarkt am klarsten positioniert". N-tv, der "erste und einzige deutsche Nachrichtensender", erreicht "mit 28,5 Millionen Fernsehhaushalten" mehr als 86 Prozent aller TV-Zuschauer. Selbst der Zwergsender Vox hat was Tolles geschafft und 1999 "kontinuierlich und erfolgreich an der Verjüngung seiner Zuschauer gearbeitet". Glückwunsch.
Bei so viel Erfolgsmeldungen dürfen auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten überm Handwerk das Klappern nicht vergessen, zumal auch sie was zu feiern haben. Vor einem Jahr gewann die ARD den Spitzenplatz in der Zuschauergunst kurzfristig von RTL zurück, hart bedrängt vom ZDF, das damals wie heute den dritten Platz innehat. Man sprach schon von einer "Renaissance" der Altsender. "Die einen schauen auf den Kommerz", sagt ARD-Chef Struwe, "wir schauen auf Qualität." Dennoch weiß er genau, was es heißt, in der Arena televisionärer Konkurrenz um Marktanteile zu kämpfen, auch dass der Kulturauftrag vom Wettbewerbsdruck ein paar Dellen abgekriegt hat. Aber egal. In der wirklichen Renaissance unserer Epoche, der des Marktes, gewinnt nur, wer besser boxt.
Ja und nein. Zunächst: Dass Nachrichten über Fernsehen heute vor allem Wirtschaftsnachrichten sind und erst in zweiter Linie Programmkritik, hat mit der ambivalenten Reaktion des Publikums zentral zu tun. Die Frequenzfreigabe für das Privatfernsehen war die Aufforderung an Produktionsfirmen, Filmhändler, Medienmogule und Werbeleute, Geschäfte zu machen. Ein neuer Markt wurde vermessen, belagert, umkämpft, verteilt und ausgebaut - dieser Schlachtenlärm ging auch am Publikum nicht vorbei und störte nachhaltig seinen Genuss am Pantoffelkino. Vor allem ein Einschnitt in die Sehgewohnheit, eine Veränderung der Fernsehwahrnehmung und -bewertung ist hier zu nennen: die Werbungund ihre Allgegenwart. Seit Fernsehen kommerziell wurde, verwandelte es sich tendenziell in eine Maschine zum Verkauf von Waren - was für das Programm nicht ohne Folgen blieb. Das Publikum musste mit den stets wiederkehrenden Unterbrechungen von Filmen und Features leben lernen. Es hat gelernt. Der Preis war eine dramatische Abwertungdes Fernsehens als Medium: eine Dämpfung und Fragmentierung der Aufmerksamkeit, die Weigerung der Zuschauer, sich in das Geschehen auf dem Bildschirm zu versenken, wie es das aus der (im Abendprogramm) werbefreien Zeit gewohnt war. Dass Erstes und Zweites nach acht nicht werben, tut dabei nichts zur Sache. Die Dominanz der Reklame auf allen Kommerzkanälen untergrub die Bereitschaft des Publikums, sich dem Fernsehkonsum hinzugeben - mit der Folge, dass Fernsehen vom Ereignis- zum Tagesbegleitmedium, wenn nicht gar zur Hintergrundgeräuschquelle absank.
Parallel dazu entwickelte sich das reklamegesteuerte Zielgruppenfernsehen , das seine Botschaften den Empfängerprofilen einpassen muss, um Werbekunden zu binden. So zerfiel "das Publikum", nicht nur mental, in Fragmente. Diese Tendenz ist unumkehrbar. Das heißt natürlich nicht, dass niemand mehr konzentriert fernsieht. Bei Fußballweltmeisterschaften, spektakulären Mehrteilern oder Katastrophenberichterstattung restituiert sich die alte Fernsehgemeinde kurzfristig; auch Kultserien schaffen sich ein verschworenes Publikum, das zum Sendebeginn sein Telefon abstellt. Aber das sind Sonderfälle. Die allgemeine Bilanz lautet: Fernsehen ist banal und speziell geworden. Es ist kein Faszinosum und kein Familienzusammenführer mehr. Das müsste kulturkritische Stimmen, die vom Fernsehen schlechte Einflüsse auf Problemgruppen befürchten, verstummen lassen. Interessanterweise ist das Gegenteil der Fall.
Die Angst der Pädagogenund Zeitkritiker vor Manipulation als Folge des TV-Konsums ist eher gestiegen. Der Grund liegt in dem seit 1984 enorm aufgeschwollenen Programmangebot, dem neben der Werbung die Hauptverantwortung zufällt für die Indifferenz des Publikums gegenüber dem Medium. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fernsehminuten seit 84 leicht gestiegen - er beträgt derzeit zwischen zwei und drei Stunden täglich -, aber Vorsicht: Erfasst wird nur die Einschalt-, nicht die Sehdauer. So kann's passieren - und es passiert immer öfter -, dass der Kasten zu den Wänden spricht, während die Familie nebenan Karten spielt.
Mehr Mist - oder die Entdeckung des Zuschauers
Mit den Kommerzkanälen kam die Programmflut und damit die Qual der Wahl. Der überforderte Konsument wehrt sich gegen Entscheidungsnöte, indem er gereizt konstatiert, dass die Wahl gar keine sei, da auf allen Kanälen "derselbe Mist" laufe. Das stimmt nicht, aber was Wahres ist dran. Um so vielzu bieten, wie das deutsche TV-Publikum derzeit abrufen kann, wenn es will, musste die Gesamtangebotsmasse auch mehr Mist enthalten; Qualität ist viel zu zeitaufwendig und teuer. Doch jenseits dieser statistischen Überlegung hat auch eine programmpolitische ihre Gültigkeit: Ex-RTL-Chef Thoma fand dafür die Formel vom Privatfernsehen, das "den Zuschauer entdeckt" habe. Der mit öffentlich-rechtlicher Schonkost so lange kurz gehaltene TV-Nutzer sollte nun endlich mal im großen Stil Spaß haben; bei Comedy, Sex-Shows, Reality-TV, noch mehr Sport, Confro-Talk und Affektfernsehen. Daily Soaps nicht zu vergessen. Raus mit Problemhuberei und Zeigefinger-TV, rein mit Sex and Crime. An dieser Stelle melden sich die Jugend- und Kulturschützer, aber auch viele Fernsehkritiker, die eine trübe Mediendämmerung konstatieren. Wie ernst sind ihre Sorgen zu nehmen?
- Datum 09.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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