Kein Scherz!
Alan Sokal und Jean Bricmont attackieren postmoderne Denkerfürsten
Die bösesten Witze reißt man auch in Akademia am liebsten über die Nachbarn. So ergötzte sich schon mancher Physikstudent an einer lustigen Definition von Soziologie: Das ist jene Wissenschaft, die das, was jeder weiß, so erklärt, dass es keiner mehr versteht. Statt "Soziologie" darf man selbstverständlich auch jede andere theoretische Geisteswissenschaft einsetzen.
Wie gemein. Dabei ist umgekehrt gerade die Physik bei vielen Geisteswissenschaftlern hoch angesehen, wird oft sogar bewundert. In manchen Denkschulen allerdings nimmt die Bewunderung zuweilen seltsame Formen an: Es mag ja sein, dass einzelne Begriffe aus der Physik (etwa "Entropie") geisteswissenschaftliche Terminologien sinnvoll bereichern konnten. So etwas kommt ja auch umgekehrt vor. Aber was ist davon zu halten, wenn es in den Veröffentlichungen bestimmter Kulturtheoretiker aus dem Umkreis der Postmoderne vor mathematisch-physikalischem Vokabular (vorzugsweise aus Relativitäts-, Quanten- und Chaostheorie) nur so wimmelt?
Um es kurz zu sagen: Ihr Urteil ist vernichtend. Was die acht examinierten "Meisterdenker" da über Physik oder Mathematik (oder im Jargon derselben) zu Papier gebracht haben, ist, so Sokal und Bricmont, entweder trivial oder gröbster Unfug. Schlimmer noch: Die acht Damen und Herren hätten dabei vorsätzlich und in betrügerischer Absicht gehandelt, um den Anschein zu erwecken, sie verstünden sogar etwas von Dingen wie Quantenphysik, und "um ihren eigenen Diskursen den Anstrich von Exaktheit zu geben".
Dass solche intellektuelle Hochstapelei in der Tat funktioniert, hatte Alan Sokal 1996 selbst ausprobiert. Damals gelang es ihm, einen Aufsatz voller absichtlich fabriziertem Nonsens in der amerikanischen cultural studies- Zeitschrift Social Text zu platzieren, um ihn gleich nach Erscheinen als Parodie zu offenbaren. Der Corpus delicti (er ist in vorliegendem Buch in deutscher Übersetzung abgedruckt) ist in der Tat ein saftiges Stück Wissenschaftssatire: Mathe und Physik, grob gehackt auf formidablem Fußnotensalat. Dazu eine Farce schmeichlerischer Zitate aus Schriften angesagter Intellektueller - vor allem jener, die Sokal und Bricmont sich nun richtig zur Brust nehmen. Damals wollte Sokal vor allem deren US-amerikanische Adepten vorführen, was ja auch prächtig gelang.
Doch als humoriger Professorenulk war "Sokals Scherz" nie gemeint. Wie bitterernst es Sokal dabei war, wird in vorliegendem Buch deutlich. Dort setzt der vermeintliche Scherzkeks seinen Lesern völlig humorfrei auseinander, was ihn seinerzeit zu der Parodie getrieben hat. Und das war keineswegs nur Aufklärung wider den "Verfall akademischer Standards".
Vielmehr erhebt hier ein bekennender linker Rationalist Generalanklage gegen eine Geisteströmung, hinter deren spielerischer Fassade er das schiere Grauen verortet: Die Postmoderne, so Sokal und Bricmont, propagiere einen "epistemischen Relativismus", bei dem am Ende nichts herauskomme als "Zeitverschwendung in den Humanwissenschaften, eine kulturelle Verwirrung, die Obskurantismus begünstigt und eine Schwächung der politischen Linken". Wahrlich eine dunkle Bedrohung.
Allerdings, bei dem Textmaterial, das die Jedi-Ritter der Wissenschaft hier zerpflücken, bleibt einem wirklich manchmal die Spucke weg. Etwa, wenn der 1981 verstorbene Psychoanalytiker Jacques Lacan frei über Topologie und Algebra assoziiert oder die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva Poesie mit formaler Logik traktiert. Richtig schlimm wird es, wenn Kristeva über die "Mächtigkeit des Kontinuums" schwadroniert und dabei einzig klar wird, dass sie die Bedeutung dieses so schön abgehoben klingenden Wortes nicht verstanden haben kann.
Nun mag sich die Sinnlosigkeit der von Sokal und Bricmont zitierten Passagen ja daraus ergeben, dass sie aus einem vielleicht vorhandenen Zusammenhang gerissen wurden. Der Vorwurf lässt sich immer erheben, und die beiden Physiker haben ihn durch ermüdende Ausführlichkeit zu entkräften versucht. Der Kern ihrer Kritik bleibt davon freilich unberührt. Selbst wenn die inkriminierten Wortgebilde irgendwie metaphorisch, analog oder poetisch gemeint wären, fragt sich doch, was ein Autor mit einer Metapher bezweckt, dessen ursprüngliche Semantik er nachweislich genauso wenig kennt wie sein mutmaßliches Publikum.
Neu ist solche Kritik allerdings nicht - sie wurde bisher nur höflicher geäußert. Etwa von Umberto Eco gegenüber seiner Kollegin Kristeva, die sich von ihren poetologischen Kalkülen mittlerweile ja auch weitgehend verabschiedet hat. Natürlich beteuern Sokal und Bricmont, ihr Kampf gelte nur der "missbräuchlichen" Verwendung naturwissenschaftlicher Konzepte, nicht dem Werk der zitierten Denker generell. Doch insgeheim halten die beiden sie wohl alle für Scharlatane. Sie sind einfach zu empört, dass Kristeva & Co. ihren akademischen Ruhm auf etwas gründen konnten, was in ihren Augen nicht den elementarsten Kriterien von Wissenschaftlichkeit genügt.
Was für Kriterien das sind, darüber lassen die beiden Verteidiger der "rationalistischen Tradition der Aufklärung" den Leser nicht lange im Unklaren. Si tacuisses! - denn dabei zeigt sich leider, dass Sokal und Bricmont der von ihnen angezettelten Debatte selbst nicht immer gewachsen sind, mancher guten Einzelbeobachtung zum Trotz. So wird im kritischen Jagdgalopp fast die gesamte Wissenschaftstheorie nach Popper in Grund und Boden gestampft. Praktisch jeder wird zum Fackelträger der postmodernen Verirrung gestempelt, der es wagt, ihren naiven Tatsachenbegriff oder überhaupt das Verhältnis zwischen der Wirklichkeit und ihrer naturwissenschaftlichen Repräsentation zu problematisieren.
Die eindimensionale Epistemologie, der Sokal und Bricmont da offenbar anhängen, entwertet keineswegs ihre Kritik am Wortgeklingel der Pariser Denkerfürsten. Aber was soll man letztlich daraus folgern? Doch nur, dass es sich bei diesen Texten nicht um etwas handelt, was Physiker - und auch die große Mehrheit der Philosophen, Soziologen und Kulturtheoretiker - Wissenschaft nennen würden. Als Feldzug gegen den "epistemischen Relativismus" und seine bösen Folgen, sind die Sokalschen Textanalysen eine Attacke auf Windmühlen.
Aber vielleicht sind Don Sokal und sein Knappe ja auch einfach nur Opfer eines besonders hermetischen Humors à la parisienne? Eher unwahrscheinlich - doch ein bisschen Protest an die Adresse einer orthodoxen Moderne darf man auch aus den postmodernen Exzessen vielleicht heraushören. Die Wissenschaft vom Menschlichen lässt sich nun mal nicht in die spanischen Stiefel naturwissenschaftlicher Rationalität schnüren. Insbesondere die Philosophie hat seit alters und aus guten Gründen eine offene Grenze zum Poetischen. Unproblematisch war das nie. Bereits der eher naturkundlich interessierte Aristoteles hatte seine Mühe mit dem Denken seines Lehrers Platon, der als junger Mann zunächst Dichter werden wollte. Und sicher kursierte auch im alten Athen schon so mancher Philosophenjux.
·
Alan Sokal, Jean Bricmont:Eleganter Unsinn Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchten; aus dem Englischen von Johannes Schwab und Dietmar Zimmer; Verlag C. H. Beck, München 1999; 350 S., 39,80 DM
- Datum 09.12.1999 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



