Lieben und Leiden vom Fließband

Drehbuchschreiben kann man lernen. Die Branche bietet auch Quereinsteigern eine Chance

Der Filmmogul Samuel Goldwyn hat einmal gesagt: "Ein hervorragender Film hat seinen Ursprung in einer hervorragenden Geschichte." Eine hervorragende Seifenoper auch, ließe sich ergänzen. Denn den Drehbuchstudenten, die sich als Soap-Autoren qualifizieren wollen, empfehlen amerikanische Lehrbücher vor allem eines - die Lektüre von Charles Dickens und Jane Austen.

Von den Klassikern lernen heißt lieben und leiden lassen, auf dass die Serienhelden in den Pappkulissen von einer Katastrophe in die nächste stolpern. Zeitlos die Themen: Erfolg und Enttäuschung, Intrige und Irrsinn, Stolz und Vorurteil. Wer Drehbücher für eine Seifenoper schreibt, muss aus den klassischen Versatzstücken immer wieder unerwartete Spannungsbögen zusammenzimmern, jede Woche neu.

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Die Daily Soap sei künstlerische Fließbandarbeit, gefragt seien Disziplin und Teamgeist, dazu absolute Kreativität jeden Tag von 9 bis 18 Uhr - eigentlich irrwitzig, sagt Schleicher. "Wenn Sie einen Stoff abliefern müssen, sind 14-Stunden-Tage ganz normal", sagt Ingrid Pohl, Outline-Autorin beim ARD- Marienhof. In ihren Drehbuchentwürfen legt Pohl fest, wer sich in wen verliebt und wie lange das Glück währt. Als Inspirationsquelle dienen ihr eigene Erfahrungen und die Beobachtung ihrer Umwelt. Für fünf neue Folgen, erklärt Ingrid Pohl, habe sie laut Vertrag drei Wochen Zeit. Die Zeitpläne sind eng, kreative Pausen ausgeschlossen: "Ich setze mich auch mit 40 Grad Fieber an den Schreibtisch, wenn es sein muss."

Seit die privaten Fernsehsender erkannt haben, dass Eigenproduktionen mit hohen Einschaltquoten belohnt werden, hat die Nachfrage nach verfilmbaren Geschichten jeder Art zugenommen. Die Zuschauer sehen deutsche Schauspieler und Schauplätze lieber als die früher gesendeten amerikanischen TV-Produktionen - goldene Zeiten für Drehbuchautoren?

RTL hat in den letzten Jahren die Produktion von TV-Filmen kontinuierlich ausgebaut. Doch für Fernsehautoren sind die Erfolgsaussichten kaum gestiegen, denn das Angebot an Filmstoffen übersteigt die Nachfrage bei weitem. Mit 90 Fernsehfilmen im Jahr ist bei RTL der Sättigungsgrad erreicht, sagt Jan Kromschröder, der bei dem Kölner Sender die Redaktion TV-Movies leitet. Diesen 90 Filmprojekten stehen 2200 eingereichte Drehbücher und Filmideen gegenüber. Und nur ein Drittel der produzierten Filme, sagt Kromschröder, gehe auf Ideen von externen Autoren zurück. Junge Autoren haben es doppelt schwer, weil RTL seine Filmstoffe gern von Routiniers entwickeln lässt.

Bei NDR und WDR gehen im Jahr rund 500 Drehbücher und Exposés ein. "Wir prüfen jede Eingabe genau", ermutigt Doris J. Heinze, Leiterin der NDR-Redaktion Fernsehfilm, den Autorennachwuchs. Doch es sind selten mehr als 20 Filme im Jahr, die die größten ARD-Anstalten für das Abendprogramm produzieren. Für ein produktionsreifes 90-Minuten-Drehbuch zahlen ARD-Anstalten 40 000 bis 50 000 Mark, Wiederholungen werden extra bezahlt. Privatsender honorieren die Autorenleistung nur einmal. Dafür sind die Honorare höher.

Wie ein klassisches Drama besteht ein Drehbuch aus Dialogen, die in eine Abfolge von Szenen eingebettet sind. Nach etwa 15 Filmminuten sollte der Zuschauer wissen, worum es geht: Wer ist die Hauptfigur? Was will sie erreichen? Auf welche Widerstände wird sie stoßen? Durch geschickte Andeutungen gibt das Drehbuch dem Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber den Filmfiguren - so entsteht Spannung.

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