Roter Teppich, viele Sternchen und ein paar Ehrengäste, die über ihn hinwegschreiten, bereit, kleine Kommentare abzugeben. Nein, sie hätten den neuen James-Bond-Film noch nicht gesehen. Aber sie freuten sich drauf, hier im Cineplexx-Palace, dem größten Kinocenter Mitteleuropas. In Wien wird aber kein neuer Film-Award verliehen, sondern nur ein neues Kino eröffnet. Ein großes allerdings, und das ist es wert, im Fernsehen gesendet zu werden. Denn Wien kürt sich zur Stadt der Großkinos. Die neue Dimension des Kinos heißt nicht mehr Multiplex, sondern Megaplex. Nicht bloß 1500 Besucher finden in 9 Kinosälen Platz, zukünftig werden bis zu 5000 Menschen in 20 Sälen sitzen. So ist die Stadt in nahezu drei Monaten um 11 000 Kinosessel reicher geworden und wird ihre Sitzplatzanzahl in den nächsten Jahren noch verdoppeln. Wer auf diesen Sesseln Platz nehmen soll, weiß freilich noch niemand so recht.

An einem Samstagnachmittag im November ist in der Palatschinkeninsel im Donauplex kein Stuhl mehr frei. Begeisterte Sushi-Esser füllen die Asian-Bar. Nebenan lässt sich ein 13-jähriges Mädchen gerade seinen Oberarm tätowieren. Eduscho verkauft unvermeidlich und unermüdlich Kaffee, einige Gruppen Jugendlicher sind auf dem Weg zum Wettbüro ins Untergeschoss oder spielen Billard. Mit Kino hat das alles nicht so viel zu tun. Hier geht es um Spekulation.

Was sich hier präsentiert, ist eine eilig hochgezogene Investorenarchitektur nach dem Vorbild amerikanischer Shopping-Malls. Ein Stahlbetonskelett mit niedrigen Zwischendecken, gelb, orange und himmelblau bemalt, in allen Ecken mit Essständen bestückt. Den samtenen Glanz und Glamour der klassischen Lichtspielhäuser vermisst man genauso wie ein Foyer, in dem man sich ohne Verzehrzwang niederlassen kann. Nur wenige Besucher gehen durch den Haupteingang ins Kino. Der eigentliche Andrang kommt vom Einkaufszentrum und ist tütenbeladen. Über Rolltreppen folgt man winzigen Hinweisschildern zur Kasse in den ersten Stock. Die Kinosäle würde man ohne die roten Ziffern an den Türen gar nicht finden. Hier ist die Multiplex-Kultur, die den Kinogänger mit mehr Filmqualität in die großen Säle locken will, auf einem Tiefstand angekommen. Den Besuchern ist das egal. Es ist brechend voll an diesem Samstag, und der Disneyfilm Tarzan ist bereits ausverkauft.

"Ich würde sagen, es reicht jetzt", kommentiert Arnold Klotz, Planungsdirektor im Wiener Rathaus, in der österreichischen Presse den Multiplex-Boom. Im Unterschied zu den Kinocentern in Berlin und Hamburg bieten die neuen Lichtspielhäuser Wiens nicht nur "Mehr Platz, mehr Film, mehr Kino", wie es der deutsche Cinemaxx-Betreiber Hans-Jürgen Flebbe auf seinen Popcorntüten verspricht. Die Wiener Kinos setzen auf die Kombination von Imbissbuden, Bars und Blockbuster-Filmen. Denn vor allem die Gastronomie treibt den Umsatz in die Höhe, und der wird in der Branche dringend gebraucht.

"Man kann sich nicht gegen die Konsumenten stellen", fasst Bernhard Görg, Planungsdirektor der Stadt Wien, die Situation bei der Eröffnung des Donauplex-Kinos zusammen: "Die kleinen Kinos müssen einfach besser werden." Den kleinen fehlt jedoch das Kapital, um sich dem Wettbewerb zu stellen. Durch das Konzept der Multiplex-Kinos haben Unternehmen wie die Cinemaxx Ag und der amerikanische Konzern UCI in den neunziger Jahren auf dem Kinomarkt einen Strukturwandel eingeleitet. Säle mit ansteigenden Sitzreihen, großer Leinwand und digitalem Stereosound haben für Kinos neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt. Um diesem Anspruch zu genügen, müssten viele Kinos große Investitionen tätigen. Landesweite Entwicklungsgesellschaften, die Multiplex-Kinos genauso realisieren wie Bürogebäude, gehen mit ihren Standorten weiterhin auf Kundenfang. Die Multiplex-Projekte wandern von einem Kinobetreiber zum anderen, wobei oft nicht einmal genügend Zeit bleibt, die Anschrift der Betreiberfirma auf den Plänen zu ändern. Das Kapital für neue Kinobauten fließt aus Immobilienfonds reichlich nach. Demjenigen, der zuerst zugreift, bietet sich die Chance, durch günstige Konditionen Gewinne zu machen. Die Gefahr, dabei eine Niete zu ziehen, wird jedoch immer wahrscheinlicher. Im Shopping Center Nord in Wien-Floridsdorf eröffnete Theile/Hoyts ein zweites Kinopolis, das die Erwartungen nicht erfüllte. Mehr als die Hälfte der Plätze blieb in den ersten Wochen leer. Genauso leer bleiben allerdings auch die Sessel der Kinobetreiber in der Wiener Innenstadt. Genauso leer sind dort die Cafés und Bars, die vom Besucherstrom der Kinos bisher profitierten.

"Wir befinden uns in einer Situation des Planungschaos und der Marktanarchie", kommentiert Detlef Rossmann, Sprecher der AG Kino, in der viele deutsche Kulturkinos organisiert sind, die Lage. Er fordert für die ambitionierten kleineren Häuser eine intelligente staatliche Förderung: "Der Markt reguliert sich eben nicht allein." In Wien machten die Grünen gar den Vorschlag, eine Vergnügungssteuer auf Multiplexe zu erheben, deren Erlös zur Unterstützung der Innenstadtkinos verwendet werden sollte. Nun will die Stadt Wien tatsächlich einen solchen Fonds einrichten, vorerst mit 10 Millionen Schilling, rund 1,5 Millionen Mark ausgestattet.

Auch Kinos, die bisher geglaubt haben, sie seien durch eine spezielle Filmauswahl geschützt, werden in ihrer Marktnische attackiert. Die Programmkinos sind nicht mehr die Einzigen, die Kunstfilme oder Filme in der Originalversion anbieten: Um ihre Säle zu füllen, sind nahezu alle Multiplex-Kinos dazu übergegangen, Filme wie Sonnenallee, eXistenZ oder Das Leben ist schön zu zeigen. Beide Kinosparten wandern finanziell auf ähnlich schmalem Grat. Doch im Zweifel verlieren kleine Häuser leichter das Gleichgewicht. Ihnen fehlt das Budget, um eigene Filmreihen zu finanzieren oder mit Themenschwerpunkten Alternativangebote ins Kino zu bringen. Wird das Kunstkino nun zu einem Zuschussbetrieb?