Die Welt der direkten DemokratieSeite 4/4
Unterdessen finden sich auch im Cyberspace Einzelkämpfer zusammen, um die Verwirk- lichung der gesetzgeberischen Ideale Rousseaus zu propagieren - ihr Stichwort heißt e-democracy. Doch bevor via Internet abgestimmt werden kann, müsse das Vertrauen der Öffentlichkeit in die neue Technik aufgebaut werden, sagt Ueli Maurer, der am Departement Informatik der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich an einem elektronischen Abstimmungsverfahren arbeitet. Dazu werden seiner Ansicht nach die Verbreitung des Internet in der Bevölkerung und die vermehrte Anwendung von Netzzertifikatsdiensten (elektronische Unterschriften, Fingerabdrücke, Augenerkennung), wie sie zum Teil schon von Finanzinstituten verwendet werden, beitragen.Mit ersten richtigen Abstimmungen übers Netz rechnet Maurer frühestens in zehn Jahren. Von größerer Bedeutung als für den eigentlichen Abstimmungsakt sei das Internet zurzeit als Instrument des Austausches von Ideen, Argumenten und Informationen. Darin ist es der direkten Demokratie immerhin seelenverwandt; sie ist gewissermaßen ein Dialog des Volkes mit sich selbst.
Letztlich lebt die Demokratie seit über 2500 Jahren wegen ihrer Schwächen: Sie garantiert keiner bestimmten Seite bestimmte Resultate. Den Mächtigen des blutigen und systemfixierten 20. Jahrhunderts war solche Unsicherheit stets zuwider und eine Ausweitung der Demokratie erst recht. Die Weltkriege setzten den Reformbestrebungen ein Ende; im Kalten Krieg blieb die Demokratie östlich des Eisernen Vorhanges im Gefrierschrank, westlich davon im Kühlfach. Diese Zeiten sind vorbei. Rousseaus Jünger dürfen wieder hoffen.
Bruno Kaufmann war Gastredakteur der ZEIT-Reformwerkstatt
- Datum 16.12.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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