Wer hat Angst vor den Teletubbies?

Das Plüschwesen als Spiegel der erwachsenen Seele: Warum das Blabla einer Fernsehserie für Kleinkinder einen Kulturkampf entfacht und auch große Menschen in Panik versetzt

Hinter den Bergen und keinem bekannt, liegt das Teletubby Land." Auf der ganzen Welt versetzt ein Frotteequartett der BBC erwachsene Menschen in den Ausnahmezustand. Die erste Fernsehserie für Kleinkinder saniert weite Teile der Television, der Spielzeugindustrie und des Backgewerbes. In Belgien wurden binnen vier Wochen 77 Tonnen Tubby-Toasts verkauft. In Südkorea verschwanden innerhalb von zwei Wochen 100000 Tubby-Doppelkassetten in Kinderstuben. In Singapur besitzt jedes Schulkind ein offizielles Tubby-Buch, in Neuseeland sogar zwei. Boris Jelzin ließ einen Riesenkoffer mit den Pummeldingern in den Kreml fliegen. Vor lauter Quotenglück verweigern Intendanten die Nahrungsaufnahme. Und ein Berliner Nonnenkloster beichtete dem Kinderkanal, der Orden "versäume keine einzige Folge".

Die andere Hälfte der Welt packt schiere Wut und ungepudertes Entsetzen. Auf "Hassseiten" im Internet werden Teletubbies per Mausklick mit Felsbrocken erschlagen. Für britische Eltern ist das Teletubby-Paradies eine "Brutstätte des Satans"; für den US-Fernsehprediger Jerry Falwell widernatürlich; für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte gefährlich und für die Müsligeneration, die unschuldige Kinder straffrei mit Holzspielzeug quält, ein Fall für den Staatsanwalt. Sie fürchten bei deutschen Wickelkindern Sehstörungen, Verdauungsstörungen, Essstörungen und Sprachstörungen, späterer Haarausfall nicht ausgeschlossen.

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In den Teletubbies zeigt sich der Seelenzustand der Erwachsenen

Die deutschen Betreiber, ARD/ZDF und angeschlossene Medienkritiker, finden die lustigen Weicheier naturgemäß super und begründen die Idiotie, Kleinkinder vor der Glotze abzustellen, mit dem gebührenpflichtigen Hinweis, dass die Winzlinge dort längst herumlägen. Eine frisch gewickelte Studie behauptet dementsprechend, die wissenschaftlich begleitete Baby-Soap sei, rein wissenschaftlich gesehen, unschädlich. Bereitgestellte Mütter bestätigen dies freudig; schon kleinste Testteilnehmer zeigten Anzeichen feuchtköperlicher Entspanntheit, vergleichbar den Regungen beim Betrachten einer Waschmaschine im Schleudergang.

Für viele Eltern bleibt das Kinderparadies dennoch die Hölle. Am Rande des Tubby-Blumenbeets entdecken sie den bellenden Hund der Apokalypse, den Untergang der Kindheit und das Ende der Sprache im großen Ah-Oh. Vielleicht haben die Kritiker Recht, aber anders, als sie meinen. Vielleicht haben sie verstanden, dass die Teletubbies keine Sendung für Kinder sind, sondern ein Bulletin über den Seelenzustand der Erwachsenen und den Mythos der Kindheit. Denn am Ende einer säkularen Ernüchterung, nach der Entzauberung von Gott und Ewigkeit, Seele und Sozialismus ist dieser Mythos der letzte, dessen sie noch habhaft werden. Die Kindheit, das "Heiligtum der Gefühle" (Philippe Ariès), scheint das letzte Außerhalb der Welt, die letzte alternative Illusion, die noch einmal vom Geist erzählt, der sich in den Gesichtern der Kinder erneuert, oder, wie es in einer literarischen Fürbitte, in Handkes Kindergeschichte heißt: "Mit jedem neuen Bewußtsein beginnen die immergleichen Möglichkeiten, und die Augen der Kinder im Gedränge - sieh sie dir an! - überlieferten den ewigen Geist. Wehe dir, der du diesen Blick versäumst."

Handke setzt das kindliche Auge des Geistes gegen den adoleszenten Blick der Gesellschaft. Doch wie jedes Kind weiß, hat die Welt längst Hand an den Mythos gelegt. Eine amerikanische Lifestyle -Zeitschrift benutzt blinde Kinder als Modepuppen und erlöst die Erwachsenen vom Glück, ihren Blick zu erwidern. Die aktuelle Nummer der Zeitschrift Vogue steht auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, weil sie mit fünfjährigen Mädchen ihre Spielchen treibt ("Puck, Fee oder kleine Diva: zwei Kinder und ihre Beauty-Träume"). Längst sind die unendlichen Räume der Kindheit Werberäume; Waren verkaufen sich nur über ihre Spiritualisierung, und jetzt kommt der Geist der romantischen Kindheit an die Reihe, um eine obszöne Beziehung zwischen dem Genießen des Produkts und dem Tabu der Kindheit zu erwirken. Gleichzeitig werden die Medienträume von der naturbelassenen Naivität immer künstlicher, die Teddys immer unheimlicher, und was die Industrialisierung der Kindheit nicht erledigt, übernehmen die Ingenieure der Biowissenschaft. "Je weiter wir fortschreiten in Richtung Veränderung, genetische Innovation und Mode", so der französische Soziologe Jean Baudrillard, "umso irrealer wird es, in jeder Generation erneut auf den Prozess von Geburt und organischem Wachstum des Kindes zu vertrauen. Die Naivität und Langsamkeit dieses Ereignisses haben mit unserer Erfahrung nichts mehr zu tun."

Die Verteidigung der Kindheit geschieht im Augenblick ihrer Korruption. Vielleicht sind die Teletubbies eine Fantasie des Übergangs, Zeugnis für die kalte Sentimentalität einer Welt, die ihre alten Koordinaten verlässt und sich dennoch verzweifelt an den Traum der Kindheit klammert, an die Phantasie von Reinheit, Geist und Schöpfung, gleichsam als Beruhigungsmittel für eine Zukunft, in der sich die Bilderhöhle schließt, die imaginative Leere wächst und die Lebensdeutungen der Menschen nur noch aus dem "Bauch" der Medien quellen. Weil die Kinder in dieser Welt verloren sind, muss man wenigstens ihren Mythos bewahren, als Unterpfand einer anderen Zeit. So verpflanzt die TV- Serie die kindliche Seele aus der alten menschlichen Welt in einen uteralen Medienmaschinenkosmos, der nirgends endet, niemals untergeht und wo alles seinen Platz hat, Laa Laa wiederkehrt und Mama-Noo-Noo das rosa Täschchen rettet. Diese Zukunft, damit hat man sich abgefunden, ist nach der Natur, nach der Tradition, aber nicht nach der Seele.

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