Berlin Hufe klackern, Hacken knallen, Säbel rasseln. Wenn Berlin die Jahrhundertwende feiert, dann wird aufmarschiert und strammgestanden. Viel kann man an diesem Neujahrsmorgen noch nicht sehen, denn das neue Jahrhundert hat die Stadt in dichten Nebel gehüllt - ganz so, als hätten sich die Alkoholdämpfe der Nacht noch nicht verzogen. Verschwommen bleiben die Umrisse des Kaisers, seiner Generäle und Admiräle, der Leibregimenter und Leibkompanien samt Fahnen und Standarten, als sie sich gegen elf Uhr in der Ruhmeshalle des Zeughauses zum Feldgottesdienst und zur Neuweihe der Fahnen der Regimenter versammeln. Die Truppen aus den Berliner Garnisonen haben Aufstellung genommen - von der Schlossbrücke bis zum Denkmal Friedrichs des Großen, das inmitten der Nebelschwaden etwas gespenstisch wirkt. Den Weihespruch des evangelischen Feldpropstes und die Salutschüsse nehmen sie alle - außer Friedrich natürlich - auf Knien und mit entblößtem Haupt entgegen. Die Szene bekommt ein paar Stunden später in den Gesprächen auf der Straße einen Namen: "Jahrhundertkniebeuge". Doch zunächst tritt der Kaiser auf: seine erste Ansprache im neuen Jahrhundert. Da steht er mit dem Band des Schwarzen Adlerordens über dem Mantel, den kaputten linken Arm an den Leib gepresst, und donnert den Offizieren seine Vision der "Marine-Ära" entgegen.

"Wie mein Großvater für sein Landheer, so werde auch ich für meine Marine unbeirrt in gleicher Weise das Werk der Reorganisation fort- und durchführen", ruft er, "damit auch sie gleichberechtigt an der Seite meiner Streitkräfte zu Lande stehen möge und durch sie das Deutsche Reich auch im Auslande in der Lage sei, den noch nicht erreichten Platz zu erringen." Noch in diesem Jahr soll das zweite Gesetz zur Flottenerweiterung kommen, um England Konkurrenz zu machen. Den anwesenden Admirälen schwillt die Brust.

Draußen ruft die Menge "Hurra", auch ohne ein Wort von der Rede verstanden zu haben, und die Polizeimannschaften haben einiges zu tun, damit die Leute vor lauter "Kaiserkieken" nicht außer Kontrolle geraten.

Wem das Herz noch nicht heftig genug pocht, der kommt bei der anschließenden Parade auf seine Kosten oder studiert Wilhelms Worte an das Heer, verkündet in der Festnummer des Armeeverordnungsblattes. "Mögen dann nach dem Willen der Vorsehung auch neue Stürme über das Vaterland hinbrausen und seinen Söhnen abermals das Schwert in die Hand drücken."

Fast meint man, aus dem gegenüberliegenden Palais Wilhelms Mutter, die sich in Andenken an ihren verstorbenen Mann Kaiserin Friedrich nennt, seufzen zu hören. "Wilhelm hat mal wieder eine Rede losgelassen mit viel Gedröhn", pflegt sie bei den verbalen Ausritten ihres Sohnes auf zukünftige Schlachtfelder zu sagen. Dessen Untertanen sind ihr ebenfalls suspekt, wie aus dem Kreis ihrer Vertrauten immer wieder nach außen dringt. Schließlich finde die Mehrheit der Deutschen den "straffen Despotismus" Wilhelms wunderschön.

Aus den Untertanen schlau zu werden ist nicht so einfach. Die Berliner Illustrierte Zeitung hat es mit einer Umfrage versucht und 27 Fragen an 6000 Leser verschickt. Zum größten Dichter des alten Jahrhunderts erklärt die große Mehrheit Goethe, zum größten Erfinder Thomas Edison, zum wichtigsten Ereignis die Einigung des Deutschen Reiches. Das wichtigste Buch ist ihnen das Konversationslexikon (die Bibel kommt auf Platz zwei), der größte Denker nicht etwa Schopenhauer oder Hegel, sondern Generalfeldmarschall von Moltke.

Die Jahre nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich 1871 halten die meisten für die schönste Zeit. Für die Zukunft, so ist ebenfalls in der Illustrierten zu lesen, wünschen sich der Berliner und die Berlinerin Elektrizität nebst "Frieden für die Welt".