Die Gier der Medien
Zur Feier des Tages: Ein paar Fragen an uns Journalisten
Medien, sagt man, sind nach Parlament, Regierung und Justiz zur vierten Gewalt geworden. Diese Rangfolge stimmt nicht, denn die vierte Gewalt ist heute die Wirtschaft, oder sogar die allererste. Doch gewinnen die Medien, die ohnehin Teil der Wirtschaft sind, an Macht und Einfluss. Sie üben und ernten viel Kritik, jetzt zum Beispiel an ihrer Rolle im CDU-Skandal und in den SPD-Affären. Wollen sie glaubwürdig sein, müssen sie eigene Mängel so klar sehen wie die von Politik und Wirtschaft, zumal sie im neuen Jahrzehnt die Gesellschaft noch stärker prägen werden
das Millennium beispielsweise ist vornehmlich ein Medienereignis.
Die Medien? Ein diffuser Begriff, nicht gleichzusetzen mit Journalismus. Die Branche sucht weniger nach Medien für die Inhalte als vielmehr nach Inhalten für die Medien - sie braucht content provider, wie es im Jargon heißt, "Inhaltsbesorger", darunter jede Menge Ideengeber aus der Welt des Marketing.
Etliche Mode-, Reise-, Computer- oder Autozeitschriften, und nicht nur sie, sind "bedingt unabhängig". Selten kritisieren sie Produkte jener Firmen, denen sie Werbeanzeigen verdanken
systematisch bringen sie gefällige Artikel. Solche Blätter betreiben mehr Marketing als Journalismus, das weiß man.
Wenige wissen aber, dass der Starbetrieb, dem ein Teil der Medien frönt, seltsamen Gesetzen folgt. Impresarios von Weltstars klären vorab, welche Fragen der Journalist nicht stellen dürfe, ansonsten das Interview abgebrochen werde
sie bestimmen, welches Foto erscheint. Nicht wenige Redaktionen beugen und verbiegen sich in diesem Buhlen um die Promis.
Eine Art Journalismus kommt hoch, der die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern inszeniert und sie nicht ungern inszenieren lässt, vom Pop bis zur Politik. Exempel war der SPD-Parteitag 1998: Selbst die Kritik der Medien an der pervers-perfekten Regie war letztlich Teil derselben. Der Partei gelang es, vom Wesentlichen abzulenken und ihre Inhaltsarmut zu verkleiden.
Divertissement, sagt der Franzose, es bedeutet sowohl Ablenkung als auch Unterhaltung.
Guter Journalismus ist zugleich informativ und unterhaltsam: Lesefreude und Erkenntnislust vermengen sich. Neugierde ist ein Trieb, Dramatik eine Sehnsucht, die nach Wort und Bild riefen, längst bevor die Presse entstand.
Doch jetzt gedeiht ein Journalismus der Nullinformation. Denn es gibt mehr Medien, als Stoff vorhanden ist - mit zwei Folgen: Einerseits tobt der Verteilungskampf um Informationen, andererseits schaffen viele Medien künstlichen Stoff
die Stunde des Kunststoffjournalismus.
Die Gier nach Stoff, wie bei einem Junkie, verleitet zur Dramatisierung des Belanglosen. Die Mediengesellschaft macht Unwichtiges wichtig und Wichtiges unwichtig. Es fehlt der Respekt: Das Angebot richtet sich an übersättigte "Medienkonsumenten", nicht mehr an den Staatsbürger. Und weil es - beim Heißhunger solcher Medien - zu wenig "verkäufliche" Informationen gibt, erfinden sie Events, die eben keine Ereignisse sind.
In ihrer Scheinwelt gefangen, sind viele Journalisten, die berufshalber Wirklichkeit vermitteln sollten, von der Lebensrealität weiter entfernt als ihr Publikum. Unter dem Quotendruck ist die Hand voll Weltverbesserer, die durch die Medienlandschaft zog, einem Heer standpunktloser Zyniker gewichen
sie wollen bloß den Effekt. Sie bieten am wenigsten, was am meisten gefragt ist: Orientierung.
Fakten suchen, prüfen, darstellen, erklären, gewichten und einordnen, das sind die ersten Aufgaben des Journalismus. Über das Internet jedoch werden nun, weltöffentlich, Gerüchte und Klatsch feilgeboten, als seien sie politisch bedeutsame Tatsachen
in der Lewinsky-Affäre spielte das eine üble Rolle. Es war der Tiefpunkt einer Entwicklung zum Halbgaren: Wenn Medien nicht (mehr) warten können ...
Journalismus war stets, wie der Name sagt, ein schneller Beruf. Wuchert jedoch die Mediendemokratie, wird sie noch kurzatmiger als ohnehin bei vierjährigen Legislaturperioden: Reflexe statt Reflexion. Zudem verliert auch die Wirtschaft - in ihrem Sog der Gewinnmaximierung - den Atem
oft reicht er knapp bis zum nächsten Börsenbericht, der im Fernsehen immer mehr einer Lotto-Show ähnelt. Aber nichts ist so uninteressant wie der Gewinner der letzten Woche.
Wehe dem Politiker oder Manager, der die Medien zu sehr liebt, Kanzler Schröder weiß davon ein Lied zu singen. So wie die Medienmaschine Lieblinge aufbaut, reißt sie diese nieder: Viele Medienmacher wollen nicht Substanz, sondern Dramaturgie, und die beste Dramaturgie ist seit Sophokles & Shakespeare die des Aufstiegs und jähen Falls. Information nur insoweit, als sie der Unterhaltung dient: Das ist Entertainment oder eben Infotainment.
Infotainment folgt drei Regeln: Erstens wird alles personalisiert. Die hinter großen Akteuren stehenden Strukturen und Interessen werden kaum recherchiert, weil das Aufwand und Kompetenz erfordert. Zweitens herrscht eine Inflation jener Themen, die "attraktiv" sind. Der x-te Fernsehreport über den Frauenhandel wird mehr Zuschauer finden als eine Recherche über den Kleinkrieg der Bürokratie gegen Firmengründer. Drittens ist schöne Verpackung des Stoffs wichtiger als gewissenhafte Verarbeitung, als müsse Qualität der Form die Mängel des Inhalts kompensieren.
Der Wettbewerb sorgt für Schund wie für Qualität
Infotainment ist aber auch eine Sache der Politik: einer Politik der Gags und Gadgets, an der die FDP zuschanden geht und Schröder Schaden nahm: Infotainment als Zeichen der Überforderung jener Politiker und Journalisten, die unfähig sind, die Komplexität zu bewältigen, deshalb ihr Heil als terribles simplificateurs und flache Entertainer suchen.
Doch wächst der Überdruss und bleiben die Ansprüche der Anspruchsvollen, die alle Medien immer kritischer beurteilen. Der Wettbewerb sorgt für Schund wie für Qualität. ARD und ZDF sind alles in allem nicht schlechter, sondern besser geworden, und sie gewinnen Zuschauer. Im Rundfunk sind Deutschlandfunk, DeutschlandRadio Berlin und viele dritte Programme ein Hort der Qualität. Fast jedes große Blatt (auch dieses) verstärkt seine Redaktion, um sich zu behaupten und in der komplexen Welt kundig zu berichten.
Mit dem Ausbau von Süddeutscher Zeitung, FAZ, Welt, Handelsblatt, Berliner Zeitung, Tagesspiegel und mit der deutschen Financial Times - um hier nur Tageszeitungen zu nennen - erlebt die Republik eine Blüte ihrer Qualitätspresse. Zwar sind auch deren Journalisten gefährdet, etwa durch das ewige Übel der Eitelkeit, das alte Übel der zu großen Nähe zu den Akteuren oder das jüngere Übel der Einflussnahme durch PR-Strategen und spin doctors.
Aber sie recherchieren mehr, ohne dabei das Augenmaß zu verlieren, und überlassen den unbequemen investigativen Journalismus - den jede Demokratie braucht, siehe die unerlässliche Arbeit der Presse in der Spendenaffäre - nicht mehr allein dem Spiegel. Deutschland hat eine Vielfalt guter nationaler und regionaler Blätter wie kein anderes Land
ihr Kapital sind die Leser, die sich mit Schlechtem nicht zufrieden geben.
Das hilft der Republik, ist aber kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Wo früher der Staat die Pressefreiheit bedrohte, tun das jetzt die Medien selbst. Soll man im Namen der Pressefreiheit eine Sendung wie Big Brother verteidigen, für die eine Gruppe von Menschen wochenlang eingebunkert und rund um die Uhr - selbst auf dem Klo - von Videokameras beäugt wird?
Menschenverschleiß im Namen jener Freiheit, für die einst Heine oder Büchner kämpften?
Im Kampf um Aufmerksamkeit übertreten Medien, die so gern moralisch tun, eine Grenze nach der anderen. Sie erlauben sich alles, solange es nicht strafbar ist - und berufen sich auf ihr Verfassungsprivileg. Dieses jedoch verliert an Legitimation, wenn es missbraucht wird. Die Selbstkontrolle durch den Presserat und andere Gremien ist schwach, Redaktionen und Medienkonzerne müssen sie stärken. Die Selbstkritik der Medien in den Medien nimmt zu, das ist eine (leise) Hoffnung. Oder kommt nach Big Brother noch Groteskeres? An den Medien ist es, dies zu verhindern.
Medien können Demokratie sowohl sichern als auch aushöhlen. Nicht nur für Helmut Kohl, auch für den Medienbetrieb schlägt die Stunde des Outing.





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