Ein Nachmittag in Wien. Im sechsten Stock eines Neubauhauses wohnt die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, berühmt geworden 1926 durch ihre "Frankfurter Küche". Auch die (inzwischen 102-jährige) Künstlerin gehört zu den vielen Menschen aus Deutschland und Österreich, die während der Naziherrschaft Zuflucht in der Türkei gefunden haben. Durch die Vermittlung ihres Kollegen Bruno Taut war Schütte-Lihotzky 1938 mit ihrem Mann aus Paris nach Istanbul gekommen und hatte dort zwei Jahre lang an der Akademie der Schönen Künste gearbeitet. Während dieser Zeit baute sie hauptsächlich Berufsschulen für Frauen. Margarete Schütte-Lihotzky war schon immer ein politischer Mensch. Bevor sie in die Türkei kam, hatte die Architektin in Paris Kontakt zu den Vertretern der Kommunistischen Partei Österreichs aufgenommen, um gegen das Hitler-Regime Widerstand zu leisten. Und so gründete sie gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit ihrem Kollegen Herbert Eichholzer zusammen eine Gruppe der KPÖ in Istanbul.

Weihnachten 1940 fuhr die junge Architektin nach Wien, um die Verbindung zwischen der Istanbuler Parteigruppe und dem Widerstandsnetz in der Heimat zu intensivieren. Hatte sie keine Angst? "Dass etwas passieren könnte, war uns allen klar", antwortet sie. Drei Jahre hielt sie durch, dann wurde sie verhaftet und zum Tode verurteilt. Im letzten Augenblick begnadigte die NS-Justiz sie zu 15 Jahren Zuchthaus. Für Herbert Eichholzer gab es keine Rettung. Er wurde im Januar 1943 hingerichtet. Bei Kriegsende befreiten die Amerikaner Margarete Schütte-Lihotzky aus dem Zuchthaus Aichach. Und immer noch denkt sie dankbar an die Jahre ihrer Zuflucht in der Türkei zurück: an die Arbeit in Istanbul - "Wir waren sehr willkommen!" - und auch an ihr Zimmer mit Aussicht auf den Bosporus und die Kuppeln der Hagia Sophia.

Im Frühjahr 1933, gleich nach ihrer Machtübernahme, hatten die Nazis das so genannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erlassen, das nur "Ariern" die Beschäftigung im Staatsdienst erlaubte. Tausende jüdischer, aber auch sozialdemokratischer und kommunistischer Beamter verlieren ihre Stelle.

Viele Nazigegner werden verhaftet und gefoltert, einige gar ermordet. Die Flucht ins Ausland bleibt oft als einzige Überlebenschance. Derweil formiert sich in der Schweiz unter der Leitung von Philipp Schwartz eine "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland". Bis 1937 vermittelt die Gruppe rund 1700 aus ihren Positionen verdrängte Hochschullehrer an ausländische Universitäten.

Zur selben Zeit nun - und dies sollte zum einmaligen Glücksfall für viele deutsche Flüchtlinge werden - begann die 1923 gegründete Türkische Republik mit ihrer radikalen Modernisierung. Einige Reformen wie die Einführung des Frauenstimmrechts und die Umstellung der Schrift auf das lateinische Alphabet waren bereits abgeschlossen. Als Nächstes war eine große Universitätsreform geplant. 1932 erhielt der Genfer Pädagoge Albert Malche den Auftrag, die aus dem Osmanischen Reich stammenden Hochschulen völlig neu zu gestalten. Auf Malches Initiative hin nahm die türkische Regierung Verbindung mit der Notgemeinschaft in der Schweiz auf, und im Juli 1933 wurden die ersten Anstellungsverträge mit deutschen Professoren unterzeichnet. Die Wissenschaftler verpflichteten sich, möglichst bald Türkisch zu lernen und vor allem Lehrbücher für ihre Fächer zu schreiben. Nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland emigrierten auch viele österreichische Intellektuelle nach Istanbul und Ankara. Bis 1945 fanden rund 800 deutschsprachige Exilanten Zuflucht in der Türkei.

Hauptsächlich kamen Universitätslehrer aller Fakultäten, aber auch freischaffende Architekten und Stadtplaner, Künstler, Musiker und Theaterleute. Einer der (auch heute noch) bekanntesten Emigranten war der vormalige Oberbürgermeister von Magdeburg, Ernst Reuter. Wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung hatten ihn die Nazis zweimal verhaftet. 1935 konnte er das Konzentrationslager Lichtenburg verlassen und zunächst nach London übersiedeln. Kurz darauf vermittelte ihn sein Parteifreund Fritz Baade als Sachverständigen ins türkische Wirtschaftsministerium.

1938 übernahm Reuter eine Professur für Städtebau an der neu geschaffenen Universität in Ankara. Er lernte schnell Türkisch und konnte seine Vorträge bald in der Landessprache halten, auch schrieb er drei Bücher zur Verwaltungslehre und genoss besonders in Regierungskreisen ein hohes Ansehen.