Keine Schneeflocke gleicht der anderen. Stimmt's?

Helmut Steiner, Neusäss

1922 schrieb der als "Schneeflocken-Mann" bekannt gewordene amerikanische Fotograf Wilson Bentley in der Zeitschrift Popular Mechanics: "Jede Schneeflocke ist von unendlicher Schönheit, die noch vergrößert wird durch das Wissen, dass der Forscher höchstwahrscheinlich niemals eine andere exakt gleiche finden wird." Bentley ist dadurch bekannt geworden, dass er etwa 5000 Schneeflocken unter dem Mikroskop studierte und ihre Bilder auf fotografische Platten bannte. Und tatsächlich - es waren keine zwei gleichen dabei.

Andererseits: Der Zeitschrift Canadian Geographic entnehme ich die Schätzung, dass seit Anbeginn der Zeiten eine Sextillion Schneeflocken auf die Erde gefallen sind, eine 1 mit 36 Nullen.

Je nach den Umweltbedingungen in der Atmosphäre können drei Sorten von Schneekristallen entstehen: sechseckige Plättchen, prismenförmige Stäbchen und die so genannten Dendriten - das sind die bekannten verzweigten Sternchen. Daneben gibt es die vielfältigsten Mischformen, etwa wenn aus einem Stäbchen noch kleine Bäumchen wachsen. Bei Stäbchen und Plättchen ist die Formenvielfalt sehr beschränkt, und man würde durchaus manche Exemplare als gleich bezeichnen. Beschränken wir uns also auf die dritte Sorte, die "klassische" Schneeflocke. Sie entsteht bei Temperaturen zwischen -17 und -12 Grad, wenn sich Wassermoleküle aus der Dampfphase direkt an einen so genannten Kondensationskeim anlagern. Die stets sechsstrahlige Symmetrie rührt von den Dipoleigenschaften des Wassers her. Und neue Moleküle lagern sich bevorzugt an den Ecken der Struktur ab, weil dort "die latente Umwandlungswärme am effektivsten abgegeben werden kann", wie die Atmosphärenforscherin Sabine Wurzler von der Uni Mainz erklärt. Es entsteht etwas, das die Mathematiker ein Fraktal nennen: An jeder Ecke wächst ein Röhrchen, an dessen Ecken wiederum bilden sich kleinere Röhrchen - und so weiter, bis auf die Ebene der Moleküle. Die Geschwindigkeit und die Richtung des Wachstums hängen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit ab. So dokumentiert jeder Kristall sozusagen die "Geschichte" seiner Umweltbedingungen. Und weil zwei Flöckchen niemals zusammenbleiben, sind diese Bedingungen immer verschieden. Die Folge ist die immense Formenvielfalt.

Canadian Geographic berichtet auch, dass eine Wissenschaftlerin des National Center for Atmospheric Research 1986 zwei "sehr ähnliche" Schneeflocken entdeckt habe. "Bei näherem Hinsehen wurden jedoch winzige Variationen in Struktur und Form entdeckt." Die zwei gleichen Schneeflocken müssen also noch gefunden werden.

Letztlich steckt dahinter natürlich die fast schon philosophische Frage, wie ähnlich zwei Dinge sein müssen, damit wir sie als gleich bezeichnen. Geht man hinunter bis zur Ebene der Atome, so gibt es wohl keine zwei gleichen Dinge auf dieser Welt - seien es zwei Rosen, zwei Fliegen, zwei Sandkörner oder eben zwei Schneeflocken.