Gary Stanley Becker musste sich entscheiden, und zwar schnell. Der junge Professor war spät dran. Ein Prüfling wartete. Bis zum Parkhaus der Columbia-Universität war es weit, außerdem war ein Stellplatz dort kostenpflichtig. Direkt vor der Uni zu parken war dagegen kostenlos, aber verboten. Kurz entschlossen stellte Becker seinen Wagen im Halteverbot ab - eine ökonomische Entscheidung: Intuitiv hatte er die Wahrscheinlichkeit geschätzt, einen Strafzettel zu bekommen, und sie abgewogen gegen den Preis für einen Platz im Parkhaus sowie den zusätzlichen Zeitverlust.

Sein damaliges Vorgehen ist für den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler ein Beispiel, dass die mikroökonomische Theorie nicht nur für Märkte im engen Sinne gilt. Mit ihr lassen sich auch Alltagssituationen erklären. Seine Auffassung, dass der ökonomische Ansatz so umfassend ist, "daß er auf alles menschliche Verhalten anwendbar ist", hat Gary S. Becker (geboren 1930) in seiner wissenschaftlichen Arbeit untermauert. Die wichtigsten Aufsätze fasste er in dem 1976 veröffentlichten Buch Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens zusammen. Es gibt fast nichts, was Becker nicht unter ökonomischem Blickwinkel analysiert: die Rassendiskriminierung, den Zusammenhang von Lebensdauer und ungesunder Lebensführung, die Fragen der Fruchtbarkeit, der Berufswahl oder auch der Investitionen in "Humankapital" - ein Begriff, den Becker prägte. Besonders umstritten sind seine ökonomischen Erklärungen der Familie - abschätzig auch als "Ökonomie der Liebe" bezeichnet. Ein Mensch heirate, wenn dadurch sein Nutzen höher sei als die Kosten des Alleinbleibens oder der weiteren Suche nach einem Partner. Kinder sind für Becker langlebige Konsumgüter: Ihre "Produktion" hängt von den Kosten für ihre Erziehung ebenso ab wie von ihrem erwarteten Nutzen für die Eltern, etwa in Form von zusätzlichem Familieneinkommen oder Versorgung im Alter. Wie jedes andere Gut können auch Kinder unterschiedliche "Qualität" aufweisen. Mit steigendem Einkommen tendieren Familien dazu, die Qualität ihrer langlebigen Konsumgüter wie Autos oder Kühlschränke zu verbessern. Dies, so Becker, gelte auch für Kinder: Je höher das Familieneinkommen, desto höher die Investitionen in Erziehung und Ausbildung der Kinder. Becker räumt ein, dass sein Ansatz, den Menschen als eine Fabrik zu sehen, die streng nach ökonomischen Grundsätzen "Produkte" wie Kinder, Geborgenheit und Einkommen herstellt, nicht neu ist. Auch Adam Smith und Karl Marx bezogen so genanntes nichtmarktmäßiges Verhalten in ihre ökonomischen Analysen ein. Für Alfred Marshall war Ökonomie " the study of mankind in the ordinary business of life" . Während sich aber die meisten von Marshalls Vorgängern und Nachfolgern mit business im engeren Sinne befassten, konzentrierte Becker seine Analysen auf das Leben insgesamt.

Einer der ersten Untersuchungsgegenstände Beckers war die Kriminalität. Er wandte sich gegen die Meinung, Verbrechen sei eine Folge sozialer Unterdrückung, Straftäter seien also Opfer gesellschaftlicher Zustände. Für Becker wollen Verbrecher wie alle anderen Menschen ihren Nutzen maximieren und handeln in diesen Sinne rational. Ein Mensch wird zum Straftäter, wenn der erwartete Nutzen aus dem Verbrechen - etwa die Beute aus einem Diebstahl - höher ist als der Nutzen aus einer legalen Tätigkeit, etwa Taxi zu fahren oder mit Aktien zu handeln.

Durch Gesetzgebung und Strafverfolgung versucht der Staat, Verbrechen möglichst "teuer" zu machen. "Optimale" Verbrechensbekämpfung im ökonomischen Sinn bedeutet, den gesellschaftlichen Einkommensverlust, der durch Verbrechen entsteht, zu minimieren. Die sozialen Kosten von Verbrechen setzen sich für Becker zusammen aus den Kosten der Verfolgung, Verhaftung und Verurteilung sowie den entstandenen Schäden. Schaden entsteht der Volkswirtschaft weniger durch die Straftaten an sich - Diebstahl etwa ist für Becker nur eine Form der Umverteilung -, sondern dadurch, dass Straftäter ihre ökonomischen Aktivitäten auf Illegales verlegt haben und somit keinen Beitrag zum Sozialprodukt leisten.

Für den Staat stellt sich die Frage nach dem optimalen policy mix: Sollte er höhere Strafen androhen oder mehr Polizisten einsetzen, um die Wahrscheinlichkeit der Bestrafung von Straftätern zu erhöhen? Beckers Antwort: Das hängt ab von der Risikobereitschaft der potenziellen Verbrecher - ökonomisch formuliert: von der Elastizität ihres Verhaltens auf entsprechende Veränderungen des Rechtsrahmens. Ist ihre Risikobereitschaft gering, sind schärfere Strafen effektiv. Bei hoher Risikoneigung ist dagegen intensivere Strafverfolgung wirksamer.

Der besondere Reiz von Beckers Analyse der Kriminalität liegt darin, dass sich mit ihren Instrumenten auch die Wirksamkeit aller anderen Gesetze überprüfen lässt. Ob Umweltgesetze zur Reinhaltung der Luft, Strafen für Steuerhinterziehung oder Parteispendenbetrug, der ökonomische Ansatz liefert eine wirtschaftlich optimale Mischung aus Strafverfolgung und Sanktionierung. Besonders für diese Übertragbarkeit seines Ansatzes erhielt Becker 1992 den Nobelpreis für Ökonomie.

Dass intuitive Alltagsentscheidungen ökonomisch optimal sein können, erfuhr der Ökonom bei seiner Parkplatzsuche in New York: Becker kam pünktlich und bekam keinen Strafzettel.