MOSKAU
Hitler, aufgetaut. Ein neuer Film von Alexander Sokurow
Aus purer Gewohnheit stellen die Russen sich Hitler als Karikatur von einem Bösewicht vor, der über sie kam. Der Petersburger Regisseur Alexander Sokurow hat in seinem neuen Werk Moloch den Versuch gemacht, Hitler mit psychologischen Mitteln endlich lebendig darzustellen. Im Moskauer Kino Filmkunst, wo ich mir den Film nachmittags angesehen habe, saßen nicht wenig Müßiggänger, die bereit waren, zwei Stunden dem Rätsel des Führers zu opfern.
In dem deutschsprachigen Film spielen russische Schauspieler alle Rollen (auch die des Hitler) und werden von Berliner Theaterschauspielern synchronisiert. Und die Körpersprache wirkt diesmal gar nicht wie sonst, wenn Russen Deutsche spielen und umgekehrt.
Ein Wochenende während des Krieges auf dem Obersalzberg im engen Kreise.
Hitler ist durchaus menschlich: Er scheißt überzeugend während eines Spaziergangs in den Bergen, jagt in Unterwäsche Eva Braun um den Tisch, schimpft herum und bumst ziemlich unsportlich mit ihr. Er redet viel über Kino, über Fleischbrühe als Leichentee und darüber, dass Deutschland gerettet wird, wenn man überall in der Ukraine Brennnesseln sät.
Es heißt, dieser verbale Schwachsinn sei dokumentiert, aber den Film rettet er nicht. Sokurow sieht Hitler als Ausdruck des aufgetauten Todes, der sich dank seiner Macht als Leben ausgibt. Die Macht wird als Hauptheldin des Films gezeigt und Hitler als ihr Illustrator.
Macht ist nach Sokurow immer mickrig, nicht so wie in Eisensteins Iwan dem Schrecklichen. Hitler gesteht Eva Braun, er habe das Wort Auschwitz noch nie gehört. Eva Braun selbst will Liebe und Glück, und als Zeichen ihres größten Protests tritt sie Hitler in den Arsch. Das russische Publikum lacht - genauso hat die Rote Armee es Hitler bei Stalingrad gegeben. Und Hitler ist zufrieden, denn er ist natürlich Masochist. Über ein stereotypes Verdammen der Macht geht der Film nicht hinaus.
Paradox ist nur, dass Macht und Kunst einander hypnotisieren und hinsichtlich ihres Eitelkeitspotenzials miteinander konkurrieren, was unfreiwillig eben hier im Film sichtbar wird. Aber darüber denkt der russische Zuschauer kaum nach. Er ist froh, dass Hitler sich in einen Menschen verwandelt hat - trottelig zwar, aber immerhin lebendig.
- Datum 13.01.2000 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2000
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