Der gute Messias
Eine Biografie über Allen Ginsberg, den Großvater der Popliteratur
Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle", schloss William Carlos Williams 1956 seine Einführung zu Allen Ginsbergs Howl and Other Poems, und Michael Schumacher hat in seiner Biografie diese Einführung im Kopf, wenn er über das 25-jährige Jubiläum von Howl schreibt, das im November 1981 im McMillin Theater der Columbia University vor ausverkauftem Haus gefeiert wurde - ja, die Hölle war jubiläumsreif, bürgerlich, festlich geworden: Schumacher bedauert, dass Williams seinen Protegé nicht mehr sehen konnte, den jungen Bohemien von damals, der jetzt in Anzug und Krawatte vor einem tobenden Publikum stand und die Wertschätzung dieses Publikums für "den Menschen entgegennahm, der er geworden war. Williams hätte einen Dichter gesehen, der die Welt bereist hatte auf seiner Suche nach dem Menschen und seiner Vision, einen Mann, der keine Angst hatte zu zeigen, daß er brillant, albern, starrköpfig, zärtlich, großzügig, kleinlich und hochherzig sein konnte. Er hätte einen Dichter, Propheten und einen Lehrer gesehen."
Ja, Dr. Williams hatte Angst gehabt um diesen jungen Mann - "ich hätte nie gedacht, dass er lange genug leben würde, um erwachsen zu werden und einen Band Gedichte zu schreiben", sagte er in seiner kurzen, eineinhalb Seiten langen Einführung, die uns jetzt vom Hanser-Verlag als "Essay" verkauft wird. Niemand kann genau sagen, was ein Essay ist, aber ich erkenne einen Essay, wenn ich ihn sehe. Bei Hanser oder um Hanser herum hat nur mal wieder jemand seinem Hang zur Breitwand, zur Großspur und zum Dolby Surround System nachgegeben (alles Dinge, die Allen Ginsberg auch nicht fremd waren). Weil ich gerade dabei bin: Hanser hat im Herbst auf ungefähr 100 Seiten eine einsprachige Auswahl von Gedichten herausgebracht, die von verschiedenen Leuten übersetzt worden sind. Es gibt also zwei Gründe, warum man diesem Buch kaum anhört, wie Allen Ginsberg gesprochen und geschrieben hat (es gibt allerdings auch bei uns ziemlich gute Kassetten und CDs, beispielsweise in der Münchner EDITION S PRESS). Es ist immer angenehm, etwas zu lesen, das Carl Weissner übersetzt hat. Aber bei einer zweisprachigen Ausgabe wären der Herausgeber und das Lektorat vielleicht leichter auf die Idee gekommen, Peter Waterhouse zu fragen, warum er in Kaddischcorsets mit "Kragen" übersetzt hat und Campbell's tomato soup mit "Campbell's Paradeissuppe" und warum er manchmal überhaupt nicht übersetzt hat: "Ich sah sie geführt werden" - in "pinkem Nachtgewand" eine Paradeissuppe löffelnd, oder wie? "Ich begann weinen", übersetzt Waterhouse auf Seite 53. Das kann man eigentlich schon nicht mehr als österreichischen Akzent bezeichnen.
Damals existierte Sex noch nicht
Aber es waren nicht nur Leute aus seiner Generation, die er vom Wahnsinn zerstört sah, es war auch und vor allem - vor aller anderen Erfahrung - seine Mutter Naomi, die unter paranoider Schizophrenie litt, einer Krankheit, die man damals mit Insulinschocks behandelte. Als sie starb, konnte bei ihrem Begräbnis das Kaddisch nicht gelesen werden, weil das Kaddisch - die Machoreligionen stecken voller Männlichkeitswahn bis an den Rand des Grabs - nur gelesen werden kann, wenn mindestens zehn Männer anwesend sind, und es waren keine zehn Männer da. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ihr Sohn ihr später sein ganz persönliches Kaddisch geschrieben hat. Es ist ein verzweifeltes, fürchterliches Gedicht, voller Hoffnung, voll Erinnerung, voller Hoffnungslosigkeit. Mit seinem Kaddisch wäre Ginsberg von jedem Friedhof der Welt vertrieben worden, von jeder Trauergemeinde gesteinigt. "O Mutter", flüstert, schreit er einmal, "leb wohl / mit deinem abgesackten Bauch / mit deiner Angst vor Hitler". Und dann ganz leise und ganz deutlich: "... mit deinen Augen aus Rußland ... mit deinen Augen an den Operationstisch geschnallt / mit deinen Augen nach der Pankreasentfernung / mit deinen Augen der Blinddarmoperation / mit deinen Augen der Abtreibung / mit deinen Augen der entfernten Eierstöcke / mit deinen Augen im Schock / mit deinen Augen der Lobotomie / mit deinen Augen der Ehescheidung / mit deinen Augen des Schlaganfalls / mit deinen Augen allein / mit deinen Augen / mit deinen Augen / mit deinem Tod voller Blumen".
Wenn Allen Ginsberg nur diese beiden Dinge geschrieben hätte, Howl und Kaddisch, wir würden seine Stimme nicht mehr vergessen (einmal ganz abgesehen davon, dass er ein großer Promotor seines Werks war). Und doch geht es mir so, dass mir heute Howl im Vergleich zu Kaddisch vorkommt wie eine große Show, eine Renommierveranstaltung, ein Geniebeweis. Aber Kunst ist immer ein Spiel, immer auch eine Renommierveranstaltung, das haben unsere professionellen Schmerzensmänner und Passionsspieler nur noch nicht begriffen, obwohl ihre Sachen genauso funktionieren. Peter Bichsel hat über Mozarts Credo-Messe gesagt, sie sei "halb Innigkeit, halb Lausbubenstreich". Und das soll auch für Howl und Kaddisch gelten? Ja, bis zu einem bestimmten Punkt. Es ist ein bisschen wie mit der Hypochondrie (und Allen Ginsberg war ein erstklassiger Hypochonder): Spiel, Simulation und Ernst, manchmal tödlicher Ernst, und alles gleichzeitig und ineinander.
Und damit Schluss mit der Kunst. Wir kommen zum Leben. Schließlich geht es hier um eine Biografie. Es ist oft gesagt worden, dass die Literatur der Beat Generation sehr viel weniger interessant sei als das Leben der Männer, die diese Literatur produziert haben. Das ist wohl richtig, und das gilt wahrscheinlich für alle romantischen Bewegungen. Und diese Männer spürten, dass es an den Lebensentwürfen und an der Welt, die sie vorfanden, eine Menge Dinge gab, die man ändern musste, und eine Menge Erfahrungen, die man machen sollte.
Sex war eines dieser Dinge. Das wichtigste. Natürlich ist Sex auf die eine oder andere Art für die meisten Leute eines der wichtigsten Dinge (unter anderem, weil das Leben und die Sexualität und vor allem die Sexualaufklärung sich beständig verändern: Barbara Sichtermann hat vor einiger Zeit in dieser Zeitung verkündet, dass man vom Masturbieren nicht mehr, wie früher angenommen, Rückenmarkschwund bekommt, sondern - Piercings. Man sieht es ja auch überall). Aber in der Welt damals, in der Welt, in die diese jungen Männer hineinwuchsen, existierte Sex nicht. Sex existierte in verbotenen Büchern, die in fremden Ländern gedruckt wurden, in denen sie meistens auch verboten waren. Oder später dann in den Auftritten von Lenny Bruce. Und natürlich existierte Sex als Tabu und Sünde und als "Verbrechen", und das ging noch lange so weiter. Der englische Lyriker Philip Larkin hat dazu ein paar hübsche Zeilen geschrieben: "Sexual intercourse began / In nineteen sixty-three ... / Between the end of the Chatterley ban / And the Beatles' first LP."
Es gibt eine interessante Parallele zu der Szene in LaVignes Wohnung. Neal Cassady, der im Leben nicht viel ausgelassen hat, kam ein paar Tage später zusammen mit Allen zu LaVigne, entdeckte das Gemälde einer nackten Rothaarigen und reagierte so, wie Allen Ginsberg auf das Bild von Orlovsky reagiert hatte. Die Frau, Natalie Jackson, wohnte auch im Haus, und Cassady verlor - wie Michael Schumacher ironisch bemerkt - "keine Zeit, sie kennenzulernen". So nah liegen der Traum von der Ewigkeit und die erotische Routine beieinander. So identisch kann das aussehen. Und am Ende ist vielleicht das eine vom andern gar nicht so sehr verschieden.
Irgendwann einmal - und hoffentlich bald - wird jemand die Geschichte von Peter Orlovsky und Allen Ginsberg schreiben: Love alters not with his brief hours and weeks, / But bears it out even to the edge of doom. Es ist der alte Urtext, und es ist keine leichte Geschichte: "Wenn schon Peter und ich nicht miteinander auskommen, wie können dann Juden und Araber miteinander auskommen?" Es gab fürchterliche Szenen, Trennungen, ein Ende vor dem Ende, aber die Liebe (oder das, was von ihr übrig bleibt) hält bis zum Jüngsten Tag. Schumacher wird ein bisschen verschwommen, wenn er davon spricht, dass diese Beziehung alles andere als vollkommen gewesen sei und sicher nicht besser als die Ehe von Ginsbergs Eltern, "aber Allen stand zu seinem Versprechen, die Schulter ins Rad gestemmt, seine Toleranz auf eine harte Probe gestellt, als finde, in der Unbeständigkeit des Lebens, die höchste Liebe ihr Gleichgewicht im kleinen täglichen Sieg". Orlovsky ging einmal mit einer Machete auf Ginsberg los, und Allen Ginsberg schrieb einmal über Orlovsky: "Er ist meine Frau", und das heißt - in jeder Sprache der Welt -: Ich kann mit ihr - mit ihm - machen, was ich will.
Männer und Frauen: Wenn man einmal auch nur ein bisschen über 50 ist, dann ist es anscheinend so, dass man von vielen Dingen glaubt, sie lägen schon 50 Jahre zurück, ich weiß aber genau, dass es nicht 50, sondern vielleicht 15 Jahre her ist, dass eine ganze Menge Frauen von ihren homosexuellen Freunden geschwärmt haben (Ich-und-meine-homosexuellen-Freunde, das war etwas so fraglos Zuverlässiges wie für die Generationen davor Ich-und-mein-Kaffeeservice), und es ist erst ein Jahr her, dass ich mich mit Ruth Weiss, die eine von den "Beat-Frauen" war, über Allen Ginsberg unterhalten habe. Sie hat mir von einer Gruppenlesung in San Francisco erzählt. Als sie bei dieser Veranstaltung auf die Bühne gehen und lesen wollte, hat Ginsberg sie an irgendeinem Kleiderzipfel festgehalten und gefragt: "Wo willst du denn hin?" Und sie sagte: "Ich will da raus und lesen." Und er sagte: "Nein, das tust du nicht. Du bleibst jetzt hier sitzen." Homosexuelle Freunde behandeln, wenn es um Geltung und Karriere geht, Frauen nicht anders als - meinetwegen - grüne Politiker das tun, wenn es um Ministerien geht. Die sexuelle oder politische Orientierung sagt nichts über alle anderen Orientierungen.
Er ist meine Frau - ich kann mit ihm machen, was ich will
Und noch ein bisschen weiter mit den Männern und den Frauen: In einem merkwürdig unbedarften Spiegel- Interview (zusammen mit Michel Houellebecq) hat Bret Easton Ellis vor ein paar Monaten seinerseits von seinen homosexuellen Freunden gesprochen und bemerkt: "Schwule Freunde erzählen mir manchmal, wie selbstverständlich und natürlich es für sie ist, in irgendeine Bar zu gehen und innerhalb von fünf Minuten Sex mit jemandem zu haben. Bei heterosexuellen Paaren hingegen ..." Irgendwann im Leben begreifen wahrscheinlich die meisten heterosexuellen Männer, dass es einen Unterschied gibt zwischen männlichem und weiblichem Begehren. Männer sind für die meisten Frauen keine Objekte der Begierde. Umgekehrt ist das allerdings schon so. Und natürlich möchten wir Heteros, dass das Verlangen auf der anderen Seite genauso direkt, heftig und unersättlich ist. Und was wäre dann? Wäre das nicht ein bisschen einfach? Ginsberg hat das offensichtlich gewusst oder gespürt, denn die drei Männer, denen er am nächsten war, die er wohl am meisten liebte und begehrte und die auch ihn liebten (aber eben nicht begehrten) - Neal Cassady, Jack Kerouac und Peter Orlovsky -, waren alle drei nicht homosexuell. Das wäre zu leicht gewesen. Und wenn er später sang: "Everybody's just a little bit h-o-m-o-s-e-x-u-a-l / Whether they like it or not", dann klang das oft nicht wie ein Sieg, wie eine angenehme Erfahrung, sondern wie eine Hoffnung. Ich lese bei Schumacher, dass Ginsberg immer wieder an einem Song - Many Loves - gearbeitet hat, dessen Thema seine Liebe zu Neal Cassady, Jack Kerouac und Peter Orlovsky war. Der Song ist Fragment geblieben, was mich nicht wundert.
Im Gegensatz zu seinem Freund Kerouac war Allen Ginsberg kein Muttersöhnchen. Er musste - er wollte - erobern, während Jack Kerouacs Leben von seiner Mutter Gabrielle ("Mémêre") dominiert wurde bis ans schlimme Ende. Für diejenigen, die an den Ödipuskomplex und seine Ausprägungen glauben, eine kleine Beobachtung: Die inzestuöse - oder meinetwegen: ödipale - Initiative geht fast immer von den Muttertieren aus. Und was macht ein Junge, ein junger Mann, dann, wenn er in der Falle sitzt? Er wird zum erotischen Abstauber. Steven Watson schreibt in seinem Buch Die Beat Generation: "Die männlichen Bindungen hinter den meisten von Kerouacs Liebschaften zeigen, dass hinter jeder seiner Frauen ein Mann stand", und er zitiert Carolyn Cassady mit der Bemerkung, Neal habe seine Freundinnen immer an Jack weitergegeben. Watson meint, die erotische Abstauberei habe Kerouac die Möglichkeit gegeben, "sich all die Umstände einer beginnenden Intimität zu schenken". Das wäre Bret Easton Ellis' Lieblingsvariante. Ich glaube allerdings etwas anderes. Das erste und oberste Gebot aller Muttertiere heißt: "Du sollst keine anderen Frauen neben mir haben." Und dann, weil Jungs nun einmal so sind: "Du kannst mit ihnen schlafen, aber du darfst sie nicht lieben." Michael Schumacher spricht in einem Nebensatz von Naomi Ginsbergs Versuchen, ihren Sohn zu verführen, aber Allen war nicht Jack, oder Naomi war nicht Gabrielle.
Steven Watson verwirft den Gedanken, Kerouac könnte mit diesen Frauen als "Stellvertreterinnen seiner Freunde" geschlafen haben. Vielleicht ist das gar keine so abseitige Idee. Aber mir fällt jetzt - am Ende unseres an Kriegen reichen 20. Jahrhunderts - noch etwas anderes auf: Man findet immer wieder Berichte, dass im Krieg Frauen, einzelne Frauen - eine einzelne Frau - von Männergruppen, Soldatengruppen, vergewaltigt und am Ende oft umgebracht werden. Zuletzt in Jugoslawien. Auch in Louis Begleys kleinem Wunderbuch Lügen in Zeiten des Kriegs kommt eine solche Szene vor. Was passiert da? Was ist das? Der gangbang als das Coming-out nicht nur des äußersten Hasses auf Frauen, sondern einer verdrückten Homosexualität, die viele Männergruppen beherrscht? Die Gruppenvergewaltigung ist ja gleichzeitig ein brutaler und raffinierter homosexueller Akt, der aussieht wie eine heterosexuelle Vergewaltigung. Die Frau als Gefäß der Vereinigung. Und: Wenn wir uns alle in ihr vereinigt haben, können wir sie beseitigen. (Und nun - lieber Leser, liebe Leserin - denken Sie nach, was passieren muss, bis das passiert. Und wem es passieren kann. Und wem es schon passiert ist. Und dass wir nichts davon verhindern können, wenn wir den Krieg nicht verhindern können.)
Nein, Allen war nicht Jack. Er war viel klüger. Er hat schon früh das praktiziert, was eine Generation später bei uns als "langer Marsch durch die Institutionen" in genau diesen Institutionen versackt ist. Ginsberg wollte die Welt und das Leben verändern, er wollte nicht untergehen, er wusste schon früh, dass die reine Rebellion ihn an den Rand der Gesellschaft und darüber hinaus drücken würde, und er wurde ein - wie Schumacher sagt - "wahrer Meister in der feinen, schier aussichtslosen Gratwanderung zwischen Rebellion und Konformität". Und weil er ungeheuer wissbegierig und erfahrungssüchtig war, konnte er nie in Konformität versacken. Er war von einer ansteckenden Wissbegierde, und er riss andere mit: als er in den fünfziger Jahren einmal, am Beginn einer Behandlungsserie beim Zahnarzt, entdeckte, dass das Lachgas, das er gegen die Schmerzen bekam, eine ungeheuer wirksame Droge war, saß er bei den folgenden Besuchen auf dem Behandlungsstuhl und machte sich Notizen über seine Empfindungen, bis er bewusstlos war. Als die Behandlungen abgeschlossen waren, überredete er den Zahnarzt, noch eine Zeit lang mit den Versuchen weiterzumachen.
Allen Ginsberg wäre nicht Naomi Ginsbergs Sohn gewesen, wenn ihn nicht irgendwann im Leben der messianische Augenblick ereilt hätte. Der Augenblick kam bei einem Drogenexperiment mit Timothy Leary. "Ich bin der Messias", verkündete er, aber Allen Ginsberg wäre nicht Allen Ginsberg gewesen, wenn er daraufhin nicht sofort beschlossen hätte, Präsident Kennedy anzurufen und Chruschtschow und Bill Burroughs in Paris und Norman Mailer: "Wir schließen sie alle in einem großen kosmischen Gespräch über Liebe zusammen. Der Krieg ist bloß ein Kopfproblem." Leider bekamen sie nur den resignierten Jack Kerouac ans Telefon, der nicht kommen konnte, weil er sich um seine Mutter kümmern musste. "Bring deine Mutter mit!" sagte Ginsberg, aber Kerouac wollte sich nur noch hinlegen und sterben. Leary allerdings war aus einem ganz anderen Holz. "Und dann", schrieb er später über diesen Abend, "planten wir die psychedelische Revolution."
Ich sterbe, aber ich mache mir keine Sorgen
William Carlos Williams hätte seine Freude an diesem jungen Mann gehabt, der jetzt schon 40 war, und es ist seltsam, dass Dr. Williams in Schumachers Biografie relativ kühl behandelt wird. Ezra Pound allerdings hat einen wunderbaren Auftritt. Ginsberg besuchte Pound 1967 in Venedig und brachte ihm Platten von den Beatles, von Bob Dylan und Donovan mit. Pound reagierte nicht auf die Songs, die ihm vorgespielt wurden, nur als bei Eleanor Rigby die Zeile "no-one was saved" kam, lächelte er leise. Und irgendwann bemerkt er: "Aber der schlimmste Fehler, den ich je gemacht habe, war das dumme, kleinbürgerliche Vorurteil des Antisemitismus. Das hat die ganze Zeit über alles verdorben." Und Allen Ginsberg, der jüdische Schriftsteller Allen Ginsberg - ganz der gute Messias, der er ist - sagt: "Es ist schön, Sie das sagen zu hören", und er versichert Pound mit einem Zitat aus dem I Ging, es sei schließlich "nichts passiert". Ich kann das I Ging nicht bedienen, also muss ich mich auf die Überlieferung verlassen. Pound musste wissen, dass Ginsberg das nicht für sich behalten würde, und falls Sie das also noch nicht gewusst haben, dann wissen Sie es jetzt: das, diese Bemerkung, ist Ezra Pounds Es-tut-mir-leid: Es gibt Leute, die behaupten, Allen Ginsberg habe diese Szene erfunden, um Pounds Ehre zu retten. Auch hier muss ich mich auf die Überlieferung verlassen. Es ist eben in allen Dingen so: wir haben nur unsere eigene Wahrheit, oder - etwas weniger pathetisch - unsere eigene Wirklichkeit. Davon abgesehen, müssen wir uns immer entscheiden, was wir glauben wollen und was nicht. Allen Ginsberg hat Ezra Pound die Absolution erteilt. Das wissen wir. Das wissen wir ganz bestimmt. Wir wissen nicht, ob Pound etwas davon gemerkt hat.
Es gibt drei Stimmen, an denen ich das 20. Jahrhundert immer erkennen würde. Ich würde es wahrscheinlich noch in 200 Jahren an diesen Stimmen erkennen. Es sind drei amerikanische Stimmen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber es ist so. Hier sind sie:
I have eaten / the plums / that were in / the icebox // and which / you were probably / saving / for breakfast // Forgive me / they were delicious / so sweet / and so cold.
Und: In the fall the war was always there, but we did not go to it any more. It was cold in the fall in Milan and the dark came very early. Then the electric lights came on, and it was pleasant along the streets looking in the windows. There was much game hanging outside the shops, and the snow powdered in the fur of the foxes and the wind blew their tails. The deer hung stiff and heavy and empty, and small birds blew in the wind and the wind turned their feathers. It was a cold fall and the wind came down from the mountains.
Und dann: I saw the best minds of my generation destroyed by madness, / starving hysterical naked ...
William Carlos Williams. Ernest Hemingway. Allen Ginsberg.
Allen Ginsberg kannte die ganze Welt, und die ganze Welt kannte ihn. Er hat sich fast überall, wo er war, eingemischt. Am meisten natürlich in seinem eigenen Land. Er war einer der wenigen westlichen Schriftsteller, die sich wirklich auf den Buddhismus eingelassen haben (oder auf das, was Gore Vidal einmal als kalifornischen Buddhismus bezeichnet hat). Und er war ein großer Realist. Auch ein Marktrealist. Wenn wir hören, dass er Kaddisch in einer Marathonsitzung zwischen Samstagmorgen und Sonntagnacht geschrieben hat und dass viele der 58 Manuskriptseiten von den Tränen gewellt waren, die auf das Papier fielen, während er schrieb, dann kann das natürlich auch ein gut gemachter Werbefilm sein. Und dann kommt es wieder ganz drängend: "Williams, was ist der Tod?" Und als es im Frühjahr 1997 ans Sterben geht, da spielt es keine Rolle, was der Tod ist, da geht es um die Welt. Die Welt ist wichtig, weil sie verändert werden muss - das Leben geht weiter. Aber dieser dämliche und so widerwärtig wahre Satz kommt diesmal von einem Sterbenden: Amiri Baraka (Le Roi Jones) erinnert sich, dass Ginsberg ihn anrief und sagte: "Ich sterbe, aber ich mache mir keine Sorgen - es ist nun mal so." Und dann sagte er noch: "Brauchst du Geld?"
Das ist wunderbar.
· Michael Schumacher:Allen Ginsberg Eine kritische Biographie; aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid; Hannibal Verlag, Wien 1999; 621 S., 78,- DM
· Steven Watson:Die Beat Generation Visionäre, Rebellen, Hipsters, 1944-1960; aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid; Hannibal Verlag, Wien 1997; 382 S., 54,- DM
· Allen Ginsberg:Gedichte Mit einer Einleitung von William Carlos Williams; div. Übersetzer; ausgewählt von Uwe Wittstock; Carl Hanser Verlag, München 1999; 108 S., 28,- DM
· Allen Ginsberg:Diverse Tonträger Prospekt über EDITION S PRESS, Zieblandstr. 10, 80799 München; www.spress.de"; Pocaio´s Books, PB 190136, 53037 Bonn, www.pociaos-books.de
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