Sie war schön. Und sie war klug. In dem Film Ekstase zeigte die kaum Achtzehnjährige in Großaufnahme ihr makelloses Gesicht mit dem blassen Teint und den dunklen Augen, das sich nach höchster sexueller Erregung entspannt. Die Cineasten feierten sie. Doch 1937 verließ die Schauspielerin ihre Heimatstadt Wien. Sie trennte sich von ihrem Mann und floh nach Amerika. Als Hedy Lamarr begann sie eine neue Karriere in Hollywood, und mit Filmen wie Algier und I take this Woman erlangte sie rasch den Ruf, "die schönste Frau der Welt" zu sein. Etwa zur selben Zeit meldete sie eine Erfindung zum Patent an, die sie sich gemeinsam mit einem Freund, dem Avantgarde-Komponisten George Antheil, ausgedacht hatte: den Entwurf zu einer störungssicheren Funkfernsteuerung für Torpedos.

Bei Waffensystemen kannte sich die Schauspielerin aus. Ihr Wiener Ehemann Fritz Mandl war Waffenhändler gewesen und galt vor dem Krieg als ganz Großer in der europäischen Rüstungsindustrie mit engen Kontakten zur deutschen Marine und der italienischen Armee. Die Herren waren bei den Mandls ein- und ausgegangen, und offensichtlich hatte Hedy Lamarr bei solchen Gelegenheiten mehr getan, als bezaubernd zu sein und dumm auszusehen, wie sie es später einmal beschrieb. Eines der Probleme der Herren vom Militär war, dass die Torpedos, die sie abfeuerten, zu oft das feindliche Ziel verfehlten. Zwar steuerten sie die Geschütze auch damals schon fern, doch die Übertragung des Steuersignals war auf nur einer Frequenz möglich. Dadurch konnten feindliche Aufklärer das Signal orten und stören.

Auf einer der zahllosen Parties, zu denen die Lamarr in Hollywood eingeladen wurde, lernte sie George Antheil kennen. Antheil komponierte Filmmusik und war von Lamarrs Idee begeistert. Er kannte ihr Problem: Für sein Stück "Ballet mécanique" hatte der Komponist schon in den zwanziger Jahren überlegt, wie er 16 mechanische Klaviere synchronisieren könnte. Auf dem Wohnzimmerteppich schoben die beiden silberne Streichholzschachteln samt Inhalt hin und her, um die Fernsteuerung der Torpedos zu simulieren, und tüftelten schließlich die Lösung des Problems aus: zwei identische Lochstreifen, die im Sender und im Empfänger denselben Rhythmus für den schnellen Frequenzwechsel diktieren.

Einfach, genial. Doch die beiden waren ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Sie ließen ihr Verfahren 1941 zwar patentieren, doch es verstaubte in den Schubladen der amerikanischen Militärs. Wer von denen musste auch die Erfindung einer Filmgöttin und eines exzentrischen Musikkünstlers ernst nehmen? Antheil sah später tatsächlich den größten Fehler, den er und Lamarr bei der Abgabe ihres Entwurfs gemacht hatten, darin, dass sie so offen ihre Ideenfindung darlegten: Die Herren in Washington hätten doch nur bis zum Wort "Selbstspielklavier" gelesen und dann gestöhnt "Gott - wir sollen ein Piano in unsere Torpedos bauen".

Spät, sehr spät erkannte die Welt der Ingenieure den Wert der Erfindung. Ende der fünfziger Jahre wurde das Frequency Hopping neu entwickelt und während der Kuba Krise erstmals militärisch genutzt. Allerdings diente es nicht dazu, Torpedos zu lenken, sondern abhörgeschützt zu kommunizieren. Heute sichern die USA ihr Satellitenabwehrsystem auf der Grundlage des Frequency Hoppping. Und Experten sehen in einem Nachfahren von Lamarrs Methode auch die Lösung für die Weiterverbreitung der drahtlosen Kommunikation: Während sich beim Senden und Empfangen über eine Frequenz vor allem in den Ballungszentren ein Engpaß bei der möglichen Datenübertragungsrate ergeben hätte, erlaubt das Verteilen auf mehrere Wellenlängen heute eine schier unbegrenzte Nutzung des Äthers.

Erst 1997 erhielt die inzwischen 83-Jährige wenigstens ideelle Anerkennung für ihre Erfindung. Die Electronic Frontier Foundation verlieh ihr den "Pioneer Award" - einen Preis für Menschen, die sich in besonderem Maße um die Entwicklung des Cyberspace verdient gemacht haben. Und ihr Geburtsland Österreich ehrte sie auf der Ars Electronica in Linz und in der Wiener Kunsthalle mit der Ausstellung "Hommage à Hedy Lamarr". Das Aufwachen der Fachwelt nach über einem halben Jahrhundert soll die Diva mit den Worten kommentiert haben: "Es wurde auch Zeit." Am Mittwoch starb Hedy Lamarr 85-jährig in ihrem Haus in Orlando.