Es war einmal ein Zaun
Wie ein Knallerbsenstrauch, ein Countrysong und eine sächsische Exsekretärin zwei Fernsehsender in den Wahnsinn trieben
Es ist kalt am Hinterhainer Weg in Auerbach, dennoch stehen die Menschen vor der Hausnummer 15 offenbar gerne auf der Straße. Junge Männer lungern an Straßenlaternen herum, deren Masten beschriftet sind von den vielen, die auch schon hier waren. In ihren großen schwarzen Vans mit Standheizungen warten Kamerateams.
Ein Nachbar fegt den Schnee vom Bürgersteig, auf dem vom langen Fegen längst keiner mehr liegt, bereit, seine Rolle als Nachbar zu spielen, für welchen TV-Sender auch immer. Er könne selbst einen Roman schreiben von dem ganzen Theater hier, meint der Mann, habe es im Prinzip nicht mehr nötig, hier zu sein. Er sagt, er gebe keine Interviews mehr, und redet dann doch immer weiter, wie gerne er diese Frau Zindler »auf den Mond« schießen würde. Im rosa Kampfanzug sei sie vorhin auf und ab gerannt, allein das schon. Die Worte des Nachbarn wehen hoffnungsvoll hinaus auf den Gehsteig: Vielleicht fängt sie ja dort doch noch ein Mikrofon ein.
Ort der Handlung ist die kleine Straße in Auerbach. Die Hauptdarstellerin heißt Regina Zindler, eine seit zehn Jahren arbeitslose 51-jährige Sekretärin, eine Frau von gedrungener Gestalt, mit einer lauten Stimme und »vom Charakter her zum Zank aufgelegt«, wie der Lokalreporter Michael Winkler vom örtlichen Vogtland-Anzeiger meint. Einmal hat sie eine Lehrerin abgewatscht, ein anderes mal dem Kollegen von der Zeitung aufgelauert. Und dann ist da noch Frau Zindler, die notorische Leserbriefschreiberin: Der Journalist müsse berichten, dass sie Recht habe, nicht die anderen. Von der Wesensart der Vogtländer habe die Zindler besonders viel abbekommen, sagt er. Sie seien ein kleines, zänkisches Bergvölkchen.
In den Nebenrollen: Frau Zindlers Nachbarn, Gerd Trommer und Günter Ebert. Zwei Männer in ihren Fünfzigern, deren Leben bis vor ein paar Wochen keine großen Überraschungen bot zwischen der Arbeit und dem kleinen Häuschen mit Garten. Außerdem spielen noch mit: anwohnende Randfiguren und rund 21 000 Statisten, die Einwohner Auerbachs. Und natürlich die Fernsehsender, die sich um diesen Schauplatz streiten. Sowie Millionen von Zusehern, von denen sich so manche vor Ort einfanden, um das am TV-Gerät Gesehene mit der Wirklichkeit zu vergleichen.
Vor 20 Jahren hatte hier der Streit der Frau Zindler begonnen. Nachbar Gerd Trommer hatte einen Knallerbsenstrauch gepflanzt. Ein paar seiner Zweige wuchsen in den von Frau Zindlers Mann noch zu DDR-Zeiten gebauten Drahtzaun, auf den man doch so stolz war. Für Zindlers eine schwere Bedrohung: Der Zaun könnte doch rosten. Auch der direkte Nachbar von Regina Zindler, Herr Ebert, der seit 27 Jahren Wand an Wand mit Frau Zindler in der grau verputzten Doppelhaushälfte wohnt, wurde in den Streit um den Zaun verwickelt.
Schon 1991 habe die Mutter von Regina Zindler, »ein ebenfalls cholerischer Charakter«, so Richter Horst Liebhaber vom Amtsgericht Auerbach, gegen den Nachbarn Trommer geklagt. Doch die Klage wurde abgewiesen. Weil sich Frau Zindler durch die Nachbarn, die Lokalzeitung und durch die Justiz um ihr gutes Recht gebracht sah, verließ sie am 28. Oktober vergangenen Jahres Auerbach - und ging weit weg, in die Gerichtssendung von Sat.1: Ein Fall für Barbara Salesch. Wäre sie zum Amtsgericht Auerbach gegangen, sagt Richter Horst Liebhaber, dann hätte man sicher eine Einigung gefunden. Er war ja schon selbst kurz davor, mit einer Schaufel bei Herrn Trommer vorbeizukommen und den Strauch höchstpersönlich umzupflanzen. Aber die Geschichte nahm nun ihren eigenen Verlauf.
Das Team von Stefan Raab sah diese Gerichtssendung - ständig auf der Suche nach Skurrilitäten und Trash im Fernsehen, die Raab bei der ProSieben-Sendung TV Total präsentiert. Da hörten sie, wie Frau Zindler in ihren Attacken auf den Nachbarn im feinsten Sächsisch gigantische Satzgebäude konstruierte, und jedes zweite Wort lautete: »Moaschendroahtzauun«. Raab nahm diesen Ausschnitt in seine Sendung und dichtete ein englisches Countrylied um das zentrale Wort. Der Song kam in die Charts, verkaufte sich eine Million Mal, von jeder CD gab er Frau Zind- ler später zehn Pfennig ab. Damit war für Raab die Sache gegessen. Heute spricht er kein Wort mehr über das Thema.
Hier hätte die Geschichte ein Ende haben können. Hätte nicht im Dezember vergangenen Jahres ein privates Abendessen zwischen dem Chef der Sat.1-Sendung Blitz, Michael Bockheim, und einem jüngeren Kollegen stattgefunden. Es gab Gans, im Radio lief gerade das Lied von Stefan Raab, man ließ die Gedanken schweifen. Da kam den beiden die zündende Idee: einen Bericht vor Ort zu machen über diese Regina Zindler. Das sei doch bestimmt eine »Supergeschichte« - womit die Ereignisse am Hinterhainer Weg erst richtig ins Rollen kamen.
Jeden Tag gab es neue Zwischenfälle am Maschendrahtzaun in Auerbach, über die zu berichten sich lohnte. So wurde aus einem Tag erst eine Fernsehwoche, dann eine zweite, zu viel passierte im Hinterhainer Weg: Ein Schneeball flog, ein Stein, es fielen laute Wort vor laufender Kamera. »Man musste nichts dazuerfinden, die Geschichte lief von selbst weiter«, sagt Bockheim. »Es war so, als hätte man die Quadratur des Kreises geschafft.« Ohne Mühe erreichte seine Sendung Blitz 30 Prozent Einschaltquote im Vorabendprogramm, mit dieser »Hardcore -Lindenstraße aus dem Vogtland«, so der Fernsehmann. Die ersten Fans tauchten auf vor Ort, mit bemalten T-Shirts, Schildern und Gulaschkanonen. Selbst in der Sat.1-Redaktion fieberte man mit, wobei sich »90 Prozent« eher auf die Seite der genervten Nachbarn Trommer und Ebert schlugen. Die TV-Zuschauer jedoch hielten lieber zur Zindler, deren Fangemeinde mit jedem Tag wuchs.
Wunderbar: Dieses Zupfen an der Mütze
Was an diesem Dialekt, der ganzen Optik der Frau Zindler liege, sagt der Blitz- Chef; ihn hat diese Frau immer »an den Typ Hausmeisterin in einer Grundschule« erinnert. Durch ihre Gestik, ihre Mimik und wie sie so Worte sage wie »furchtbar« oder »gemein« und dabei an ihrer roten Wollmütze ziehe - wunderbar!
Doch dann merkte man auch bei Sat.1, dass die Geschichte ein Ende nehmen musste - bevor sie eskalierte. Der Nachbar Trommer hatte in anonymen Briefen Schläge angedroht bekommen, vermutlich von fanatischen Zindler-Fans, die sich handgreiflich für ihre Heldin einsetzen wollten. Auch Frau Zindler bekam es mit der Angst zu tun, als Fans ihren Zaun Stück für Stück demontierten, den Sat.1 kulant ersetzte. Tag und Nacht standen Menschen vor ihrem Haus, die Hauptdarstellerin wollte wieder ihre Ruhe vor Fans und Fernsehen. Da stellte ihr Sat.1 einen Psychologen zur Seite. Und für Sonntag, den 9. Januar, wurde eine Versöhnungsparty anberaumt, auf der Herr Trommer vor laufenden Kameras den leidigen Strauch versetzen sollte. Ein schönes ruhiges Ende hätte das sein können. Doch schon Mitte der Woche trafen die Fans in Hundertschaften ein.
»Früher ging man mit den Sorgen zum Pastor, heute geht man zum anderen Fernsehsender«, sagt die Pressesprecherin von RTL, denn ein paar Tage vor der geplanten Sat.1-Versöhnungsparty am Zaun wandte Frau Zindler sich an RTL, hilfesuchend, belagert von Fans. »Die Frau Zindler ist uns gewissermaßen zugelaufen«, sagt die Pressesprecherin und beteuert, dass ihr Sender keineswegs einen Exklusivvertrag mit Frau Zindler abgeschlossen habe. Aus der Sicht von Andreas Muhr, Chef vom Dienst der RTL-Sendung Explosiv, hat man hier lediglich »eine Frau aus einem Belagerungszustand herausgeschafft« und ihr ein neues Image gegeben. Mit anderen Worten: Mitten in der Nacht fuhr ein RTL-Team vor Frau Zindlers Haus und brachte sie aus Auerbach weg.
Für den Blitz-Chef von Sat.1, Michael Bockheim, handelt es sich hier ganz klar um Kidnapping; Frau Zindler sei noch dazu mit zwei Verträgen an Sat.1 gebunden gewesen. Doch damit nicht genug: RTL habe »eine absurde Popdiva im roten Kampfanzug« aus ihr gemacht. Für den Sat.1-Redakteur, der sich an diesem Mittwoch, dem 5. Januar, unmittelbar am Hinterhainer Weg aufhielt, endete die Nacht jedenfalls in einer Verfolgungsjagd, die er so in Erinnerung hat.
Gegen vier Uhr habe sich plötzlich ein Volvo vor dem Haus der Frau Zindler quergestellt. Im Auto ein Redakteur sowie ein Kamerateam von RTL. Sie beförderten Frau Zindler in Mantel und Mütze, samt Mann und Katze, zur Wagentür. Als die Hauptperson beim Einsteigen kurz zögerte, habe ein Kollege von RTL mit einen Schubs nachgeholfen. Auf der Stelle rief er sein eigenes Kamerateam im Hotel an, das schnell zur Stelle war. Mit 140 Stundenkilometern nahm man die Verfolgung auf. Das RTL-Team fuhr in ein Hotel in Leipzig, das ihm aber nicht sicher genug erschien vor den Verfolgern von Sat.1. Also weiter in ein anderes Hotel - und schließlich zum Flughafen in Leipzig, wo die Wagenkolonne eine Schranke durchbrach und Absperrungen umfuhr. Dann trennten sich die Wege der Teams: RTL flog mit Frau Zindler zum Shoppen und Froschschenkelessen nach Paris, während die Sat.1-Mannschaft ratlos in Leipzig zurückblieb.
Nun wollte RTL Quote machen: Nach zwei Tagen in Paris verbrachte man Frau Zindler nach Köln, um ihr ein neues Image zu geben. »Als eine sehr nette, einfache Frau, die ich mir 30 Zentimeter größer vorgestellt hatte«, lernte RTL-Mann Andreas Muhr die Zindler in Köln kennen. In den folgenden Tagen, die Kameras von RTL immer bei Fuß, wurde Frau Zindler von einem Stylisten in Düsseldorf beraten, von einem Prominentenfriseur gekämmt und von einer Modemacherin neu eingekleidet, die ihre Begeisterung nicht mehr zurückhalten konnte: »In New York wäre die Zindler längst ein Star in der Größenordnung einer Bette Midler.«
Doch war sie nicht mehr dieselbe wie zuvor. Die Fans, die Kameras, Paris. Auch Auerbach hatte sich verändert. Jeder im Ort war über die Wochen ein wenig zum Medienpartner gereift. Zum Beispiel die Konditorin, die ihre eigens kreierte Maschendrahtzauntorte aus der Vitrine holt und vor die Kamera hält. Am Anfang sei ihr das noch seltsam vorgekommen, inzwischen habe sie Routine, gesteht sie. Das Grün symbolisiere übrigens die Wiese, das Schokoladengitter den Zaun.
Während eine einzelne Person und auch eine ganze Stadt öffentlich wurden, wurden im Gegenzug auch die Medien für die Menschen in Auerbach transparent. Häufigste Frage an Leute, die hier suchend durch die Straßen irren: Von welchem Fernsehsender sind Sie denn?
Denn die TV-Teams streunen immer noch durch die Stadt. An diesem Montag, dem 17. Januar, gilt: Wo ein Mitarbeiter von RTL steht, ist die Frau Zindler nicht weit. Und wo RTL ist, ist auch Sat.1 in der Nähe. Also haben sich die konkurrierenden Sender vor dem Gebäude des sächsischen Fortbildungswerks eingefunden. Schulkinder stellen sich neugierig dazu, Jungen und Mädchen, die Frau Zindler bisher nur aus dem Fernsehen kennen.
Würde sie in Berlin wohnen, sagt eine 13-Jährige, dann würde sie sich auch die Frau Zindler im Fernsehen anschauen. Aber wenn man hier wohnt, dann ist die Frau Zindler im Fernsehen langweilig. »Und vor allem peinlich«, sagt eine andere, denn langsam müsste ja der Eindruck entstehen, dass alle Auerbacher schimpfend und mit roten Wollmützen herumlaufen.
Doch da, die Geschichte geht weiter: Frau Zindler verlässt das Gebäude. Sofort begibt sich ihr junger Begleiter von RTL an ihre Seite. Mit gebührendem Abstand folgt das Kamerateam von RTL dem Paar in einem großen schwarzen Auto. Eine merkwürdige Szene. Diese Regina Zindler wirkt wie aus dem Fernsehen ausgeschnitten und in diese Straße hineinkopiert. Ob sie sich auch so fühlt? Wie ferngesteuert bewegt sie sich nach Hause. Auch Sat.1 fährt sich zum Hinterhainer Weg.
Trotz allen Begleitschutzes auf dem Nachhauseweg stehe ich wenig später auf dem Postamt plötzlich neben Frau Zindler. Ganz ohne RTL und Sat.1. Sie wolle sich bloß mal kurz am Schalter beschweren, dass ihr Briefkasten kaputt sei. Aus Höflichkeit fragt die Dame am Schalter nach ihrem Namen, den sie ganz sicher kennt. Frau Zindler buchstabiert folgsam. Ob sie, nach alldem für ein Interview zur Verfügung stünde, möchte ich wissen. Entsetzt blickt sie mich an, weicht ein Paar Schritte zurück, draußen vor der Tür beginnt der RTL-Mann unruhig zu werden. Nein, sie wolle mit niemandem mehr sprechen. Sie habe alles gesagt. Keine Fragen könne sie mehr beantworten.
Vor allem, weil ihr eigentlich noch niemand eine Frage gestellt hat. Denn meist haben immer die anderen geredet: zum Beispiel Günter Jauch, der ihr bei Stern TV, kurz nachdem RTL die Zindler-Geschichte übernommen hat, zwar Fragen stellte, aber die Antworten nicht abwartete. Und bei Sat.1 sollte Regina Zindler wie eine Furie auf die Straße rennen und mit Schneebällen werfen. »Die Frau Zindler redet mit niemandem mehr als mit RTL«, sagt Lokalredakteur Ekkehard Glaß vom Vogtland-Anzeiger. »Auch nicht mit mir, obwohl ich sie seit vielen Jahren kenne.«
Redakteur Glaß ist wirklich nicht zu beneiden: Am Wochenende kamen die ersten Abbestellungen wegen seiner Berichte über Frau Zindler. Die Leser im Ort können die Geschichte nicht mehr hören. Am Anfang sei es ja noch lustig gewesen, aber die »Wandlung vom Giftzwerg am Zaun zur mondänen Lady in Paris«, resümiert Glaß, sei selbst geduldigen Anwohnern zu viel. Hin- und hergerissen ist der Redakteur nun. Soll er etwa nicht berichten, dass schon wieder zehn Ortsschilder geklaut wurden? Dass sich der örtliche Friseur über die Frau Zindler beschwert, die sich vor einem Millionenpublikum abfällig über dessen »Einheitsschnitt« geäußert hat? Gerade sitzt Glaß an einem Artikel, wohl seinem 100. zum Thema, als über die Nachrichtenagenturen die Meldung kommt: Frau Zindler hat eine CD aufgenommen.
Der Musikproduzent Bernd Schumacher von der Leipziger Medienfirma 99pro hat den Text dafür verfasst. Titel: Frieden am Maschendrahtzaun. Den sprach Frau Zindler nach ihrem Paris-Aufenthalt und vor der Rückkehr nach Auerbach noch im Leipziger Studio vom Blatt ins Mikrofon einer eigens gegründeten Band: Regina Zindler und die Knallerbsen.
Für Bernd Schumacher beginnt erst die eigentliche Zindler-Geschichte. Am 1. Februar soll die CD auf den Markt kommen, der Produzent hofft vor allem im Osten auf einen großen Erfolg. Vielleicht, sagt er, schaffe man es auch in die Charts. Schon rollt die PR-Maschinerie. Während RTL und Sat.1 nach einem Ende ihrer Geschichte suchen, treffen Kamerateams im Auftrag von 99pro in Auerbach ein. Die Neuankömmlinge recherchieren nun nach dem ehemaligen Musiklehrer von Frau Zindler - für ein Künstlerinterview.
Packend: Tunnelblick in die Kamera
So viel steht fest: In Auerbach geht es weiter. Abends klopft es bei mir an der Tür des Hotelzimmers. Ein junger Mann steht davor: Er habe nur im Vorbeigehen Wörter aus meinem Zimmer aufgeschnappt, »Zaun« und »Zindler«. Er fragt, ob ich denn von RTL sei, und stellt sich selbst vor als einer der beiden noch immer im Ort agierenden Sat.1-Redakteure.
Im Restaurant gegenüber des Hotels findet wenig später eine kleine Lagebesprechung des Sat.1-Teams statt. Pläne für den Dienstag, den wohl letzten Tag der zwei Redakteure, der beiden Kameramänner und der Assistentin. Sie wollen Schluss machen und Auerbach verlassen. Es sei alles erzählt. Früh um halb acht noch einmal vor das Haus, ein letzter O-Ton. Vielleicht noch eine Geschichte mit Herrn Trommer, der prompt auf dem Handy anruft. Sogar heute hatte man noch einen Satz von Frau Zindler eingefangen. »Man muss sie provozieren«, sagt der Redakteur, »oder ihr Recht geben, dann spricht sie los, hinein in die laufende Kamera wie auf Knopfdruck.« Der Kameramann meint, dass die Frau längst einen »Tunnelblick« habe. Eigentlich sei ihr gar nicht so bewusst, mit wem sie gerade rede, wer also hinter der Kamera stünde. Deshalb schafft es Sat.1, obwohl doch nun RTL das Hausrecht hat, im Vorbeigehen immer noch den einen oder anderen O-Ton der Zindler aufzunehmen.
Aber welche Gabe, jenseits dieser Mediendynamik und des Wettstreits der Privatsender, macht diese Frau Zindler so medienwirksam? Beim Vogtland-Anzeiger haben die Redakteure Winkler und Glaß ihre eigene Theorie entwickelt. Frau Zindler habe diese Stärke der Natürlichkeit gehabt, die sie dem Fernsehen verkaufte - und am Ende auch verloren habe. »Jetzt sagt ihr RTL«, meint Glaß, »was sie sagen solle.«
Für Richter Horst Liebhaber steht der ganze Fall stellvertretend für deutsche Spießigkeit und einen übersteigerten Eigentumsbegriff. In Frankreich hätte sich niemand dafür interessiert, dort hätten die Nachbarn ihren Streit bei einem Rotwein beendet. Doch hierzulande schaue man wohl gerne Spießern zu, »die vielleicht noch etwas spießiger sind als man selbst«. Er hält Regina Zindler für eine durchaus schlaue Person, die ihre Popularität auch genieße. Ihr eigentliches Problem beginne erst, wenn die Fernsehmänner abgereist sind.
Die mögliche Fallhöhe an diesem Höhepunkt der Bekanntheit - die Bilder der Frau Zindler werden inzwischen sogar nach China oder in die Schweiz verkauft - ist ziemlich groß. In der Schweiz beschäftigt sich der Arzt und Wissenschaftler Mario Gmür mit einer Krankheit, die er MOS nennt, das Medienopfersyndrom. Menschen, die zu ungefragtem Ruhm kommen und dann fallen gelassen werden, seien besonders anfällig für Psychosen. Das »Gefühlssurfen« der Medien kann unsteuerbare Auswirkungen hervorrufen, denn man gehe von unempfindlichen Menschen aus, die es nicht gebe. Es werde eine Dramatik erzeugt, es werden Gefühle entfesselt, man operiere öffentlich an Privatpersonen herum, ohne die Nebenwirkung zu kennen.
»Ich bin wohl einer der wenigen Menschen hier, der die Frau Zindler nicht kannte«, sagt Johannes Gaupner, Bürgermeister von Auerbach. Was er lange versuchte, Auerbach bekannt zu machen, hat nun eine einfache Frau geschafft. Der Bürgermeister überlegt jetzt, ob man diese seltsame Berühmtheit der Stadt noch nutzen könne. Im Rathaus wird jedenfalls archiviert, was der Maschendrahtzaun mit sich brachte. Fußabstreifer, Aufkleber, rosa TShirts, auch ein Original des Zauns - vielleicht gibt es bald eine Ausstellung, eine weitere lokale Attraktion neben dem Christstollen, dem Schwammeeintopf (Pilze) und den Bamben (Kartoffelpuffer).
Was kommt: Die drei Knallerbsen
Auf jeden Fall müsse man jenes Bild von Auerbach wieder zurechtrücken, heißt es im Rathaus, das man bei Sat.1 nur vom Hubschrauber aus im Überflug sah. Denn schließlich sei Auerbach nicht nur der Hinterhainer Weg, sondern eine strukturstarke kleine Dreitürmestadt mit geringer Arbeitslosigkeit. Vieles sei doch positiv zu erwähnen: Knorrsuppen-Werke, Maschinenbau, Textilindustrie und ein idyllischer, vollkommen renovierter Stadtkern.
Es ist Dienstag. Frau Zindler ist leider nicht erschienen bei der Weiterbildung. Sie war mit Sat.1 zum Shoppen in Auerbach. Während Sat.1 sich nun mit den neuen Vertragspartnern Herrn Trommer und Herrn Ebert bespricht, wie man die Geschichte zu Ende bringen könne (den von Sat.1 gesponserten neuen Zaun symbolisch vom Redakteur anbringen?), verbarrikadiert sich RTL kurz darauf wieder mit seiner Hauptdarstellerin im Haus. Sie müssen ein ernstes Wörtchen reden mit der Zindler, die plötzlich selbst entscheidet, mit wem sie sich auf den Weg macht.
Der Sat.1-Fernsehredakteur, der bereits seinen 12. Tag vor Ort verbringt, steht mürbe herum, plaudert mit den Nachbarn, die ihm über die Zeit fast schon vertraut sind, als seien es die eigenen. Es herrscht Ratlosigkeit unter den Regisseuren vor Ort, die wiederum mit Handys von den Regisseuren in den Schaltzentralen von Sat.1 und RTL in Berlin und Köln dirigiert werden.
Ein Fan aus dem benachbarten Reichenbach fährt vorbei und steigt aus seinem mit Kunstfell verkleideten Auto: eine Reminiszenz an Frau Zindler Tigerdress bei ihrem ersten Fernsehauftritt, damals in der Gerichtssendung. Tatsächlich ist ihm Frau Zindler am Gartentor erschienen und hat Autogramme gegeben.
Noch am Morgen hatte sie zwei Dutzend Briefe von Verehrern auf die Straße geworfen. Sie wolle doch keine Post mehr bekommen, schrie sie da über die Straße in das Polizeiauto hinein, das seit zwei Wochen durch die Gegend patrouilliert. Dann solle sie doch zur Post gehen, rieten die Beamten, man sei hier eben nicht im Fernsehen, wo alles möglich sei.
Ein Fan aus Reichenbach ist deshalb gelangweilt, fühlt sich in seiner Rolle als Fan nicht ernst genommen. Er holt seine Pocketkamera aus dem Auto und bittet den zuständigen Redakteur von Sat.1 doch hinten am Haus vom Zaun ein Bild für ihn zu knipsen. Dort im Hoheitsbereich von Sat.1.
Ich schaue mir mit Frau Zindlers Nachbarn Herrn Ebert (und der Erlaubnis von Sat.1) dann doch noch den Zaun an, der die drei Grundstücke der drei Hauptakteure verbindet. Der etwa einen halben Meter hohe Strauch von Herrn Trommer steht nun ziemlich gerupft im Respektsabstand zum Zaun, der wiederum als solcher, weil gestückelt von Fans und wieder neu zusammengeflickt von Fernsehsendern, genauso wirr aussieht, wie es die Geschichte dieses Nachbarschaftsstreites auch ist.
Herr Ebert erklärt nochmals die Situation, deutet in die Nachbargärten. Wir stehen vor einem Beet, das mit kleinen Schildchen beschriftet ist: Blau und Silber für die Blumen, die hier mit viel Gras in diesem Sommer wachsen sollen. Hier, in dem Garten, der in den vergangenen Wochen eher wie eine Autobahn war, sagt er, bei dem ganzen Durchgangsverkehr der Fans, die sich von allen Seiten Zugang verschafften.
Sein Leben hat sich verändert. Heute besitzt er zwei Videorecorder, mit denen er in diesen Tagen parallel aufzeichnen konnte, in dem Falle, dass er selbst gerade mit einem Interview beschäftigt war. Manchmal habe man sich auch gemeinsam mit dem Fernsehredakteur angeschaut, was auf dem anderen Kanal lief. Ach ja, fragt er noch, ob ich denn auch Honorar zahlen könne für Interviews? Wir stehen noch einige Augenblicke in dem zugigen Garten, zwischen dem kleinen Gewächshaus für Gurken, kahlen Rosenranken und den diversen Zäunen. Er habe den Eindruck, sagt Herr Ebert, dass dieser Streit nie ein Ende nehmen werde.
Kein guter Satz für den Schluss, doch wahrscheinlich hat der Mann Recht.
- Datum 27.01.2000 - 13:00 Uhr
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