Tief unter der Erde geht es bergan. Die Lampen des Wagens werfen ihr Licht auf Wände und Decke, Salzkristalle glitzern zurück. Das Grubenfahrzeug, ein Kleinlaster mit abgesägtem Dach, nimmt eine leichte Kurve. Das Salz wechselt seine Farbe, von schwarzgrau zu schmutzigweiß und zurück. Bisweilen streifen die Lichtkegel kräftige, orange-braun irisierende Adern aus Carnallit, kali- und magnesiumhaltigem Salzgestein. Hunderte Millionen Jahre ist kein Sonnenstrahl darauf gefallen. Nur ab und zu durchbricht ein Scheinwerferpaar die Dunkelheit. Ein Transporter, mit blauen Fässern beladen, nähert sich aus der Tiefe der Grube.

Die Unterwelt in der ehemaligen Kaligrube Herfa-Neurode erstreckt sich über 20 Quadratkilometer. Eine Stadt im Salz mit breit angelegtem Straßengeflecht, Wegweisern, Aufenthaltsräumen, 800 Meter unter der Erdoberfläche. Beidseits der Straße stehen rote Ziegelmauern. Dahinter lagert, was die Konsumgesellschaft als gefährlich ausgesondert hat. Herfa-Neurode bei Kassel in Nordhessen ist eine Untertagedeponie, eine Giftkammer der Zivilisation.

"Unterwegs bitte nicht von den Sitzen erheben", mahnt Betriebsleiter Ralf Boppert. Die Deckenhöhe der Strecke folgt der Mächtigkeit einstiger Kalischichten und schwankt zwischen 2,50 und 2,90 Metern. Nicht umsonst hat die Kali und Salz Entsorgung GmbH das Wagendach entfernen lassen. Manchmal passt kaum mehr ein Schuhkarton zwischen Besucherhelm und Salzdecke. Deren regelmäßige Struktur zeugt von maschinellem Abbau. Im vergangenen Jahrhundert, zu Beginn der industriellen Nutzung von Kali als Düngemittel, haben hier Zehntausende Arbeiter ihr Brot verdient. Der heutige Endlagerbetrieb wird in zwei Schichten von 71 Mitarbeitern erledigt. In einer flächigen Ausbuchtung im Salz hebt ein Gabelstaplerfahrer blaue Fässer von einem Spezialtransporter. Palette um Palette wuchtet er zur gegenüber liegenden Wand und schichtet sie bis zur Decke auf. Die Fässer sollen nun für unabsehbare Zeit im Salz lagern.

Das Archiv der eingelagerten Gifte befindet sich nahe dem Fahrstuhl zum Tageslicht. Dort sind Tausende Proben in luftdichten Schraubgläsern auf meterhohen Regalreihen verwahrt. Hellblaue, rosafarbene, tiefgelbe Pulver stehen dort, grobkörnige Substanzen, Metallteile, auch ein kontaminierter Arbeitshandschuh, dessen Artgenossen nun hinter Ziegeln eingemauert sind. Insgesamt zwei Millionen Tonnen toxischer Abfälle, sagt Hartmut Behnsen, Geschäftsführer der Kali und Salz Entsorgung GmbH, wurden hier in den vergangenen 27 Jahren deponiert. 1998 waren es 80 000 Tonnen. Wie viel im Einzelnen an Quecksilber, Cyaniden, Arsenaten, Destillationsrückständen, PCB-kontaminierten Reststoffen, Dioxinen oder alten Pflanzenschutzmitteln wie DDT endgelagert ist, lässt sich schwer ermitteln. Die spezifische Konzentration der Gifte in den angelieferten Fässern oder Weichcontainern, den Big Bags, bleibt im Ungefähren.

Fest steht: Rund 95 000 Tonnen quecksilberhaltige Stoffe liegen unter Tage, 80 000 Tonnen arsen- und 120 000 Tonnen cyanidhaltiges Material und 490 000 Tonnen Filterstäube aus Verbrennungsanlagen. Gut zu wissen, was wo steht. "Um die Reaktionspotenziale gering zu halten", sagt Behnsen, wird das Endlagergut nach 20 Stoffgruppen getrennt verwahrt. Entsprechend wird die Endlagerstätte auf den Etiketten der Probengläser vermerkt. Codiert sind Herkunft des Giftmülls, Ankunftsdatum, der vom Anlieferer deklarierte Inhalt und ein hauseigener Laborbericht. Alles mit dokumentenechten Stiften. Bisher achtmal habe man Abfälle wieder ausgelagert, mal wenige, mal bis zu 1000 Tonnen, sagt Behnsen, darunter Dinatrium-Cyanamid, Calciumformiat und Arsentrioxid. "Diese Substanzen ließen sich sinnvoll und wirtschaftlich in Produktionsabläufe einbinden."

Für ferne Zeiten ist das Erfassungssystem allerdings nicht gemacht. Gleiches gilt für die Ziegelmauern um das endgelagerte Material. Die Wände werden verfallen. "In mehreren hundert Jahren", sagt Wolfgang Beer, Chefgeologe von Kali und Salz, "wird das Salz die Gebinde vollständig umschlossen haben." Der Berg lebt. Das unaufhaltsame Verpacken im Salz ist eingeplant. Schließlich geht es darum, das Gift für immer von der Biosphäre zu trennen.

Die Betreiber sehen sich dabei auf der sicheren Seite. Oberhalb der ehemaligen Kaliflöze liegt eine 100 Meter starke Salzschicht, darüber eine Reihe Tonschichten von gleicher Mächtigkeit. Unterhalb der Deponie liegen weitere 100 Meter Salz. Vor rund 240 Millionen Jahren haben sich diese Schichten aus verdunstendem Meerwasser gebildet, seitdem herrscht hier Ruhe. Zumindest fast: Wolfgang Beer, Mitglied der kleinen Expedition unter Tage, zeigt auf einen etwa 30 Zentimeter starken Ring aus braunem Basalt, der das Salz durchzieht. Vor rund 20 Millionen Jahren hatte dieser Basalt glühend flüssig das Salzgestein durchschlagen. Es kam aus der Tiefe, hat auch den über dem Ton liegenden Buntsandstein durchschnitten und ist schließlich über der Erde zu Kuppen erstarrt. Solcher Basalt könnte eines Tages erneut hochdrücken und das Gift mitreißen. "In den nächsten 10 Millionen Jahren sind hier keine vulkanischen Aktivitäten zu erwarten", beruhigt Beer. Prognosen über 10 Millionen Jahre sind schwierig. Und schwer zu widerlegen.