Die Vernunft, zum Beispiel, die unterscheidet uns vom Tier. Aber uns beeindruckt das nicht sonderlich. Verstand und Logik, Geschwistern der Vernunft, geht es auch nicht besser: weil immer noch viel vom Tier in uns wohnt und die Vernunft dem Instinkt und Trieb ein schwacher Bruder ist. Was aber, wenn Menschen gegen alles handeln, sowohl gegen ihren Verstand als auch gegen ihren Instinkt?

Wissenschaftler haben dieses Phänomen, bei dem nun gar nichts mehr erklärbar scheint, Concorde-Trugschluss oder Sunk-Cost-Effekt genannt, fragwürdige Persistenz, escalation of commitment - übersteigertes Engagement für ein Ziel - je nachdem, aus welchem Fach die Wissenschaftler kommen und welchen Aspekt sie sich herausgreifen. Aber alle suchen die Antwort auf die gleiche Frage: Warum halten Menschen auch dann noch an ihren Zielen fest, wenn sie längst wissen, dass sie sie nie erreichen werden?

Einer ist Maler, und wenn er sein Ziel, ein zweiter Jackson Pollock zu werden, auch längst begraben hat, so glaubt er doch noch immer so sehr an sein Talent, dass es ihm wenigstens sein Überleben sichern sollte. Tut es aber nicht, zehn Jahre nicht, zwanzig Jahre nicht. Er beginnt, die Schuld auf andere zu schieben, den Kunstmarkt, die Galeristen; nur sein mangelndes Talent ist nicht dafür verantwortlich. Wurde nicht auch van Gogh zu Lebzeiten verkannt? Und so malt er weiter. Warum sieht er nicht den Tatsachen ins Auge, warum quält er sich und hört nicht auf?

Veronika Brandstätter, wissenschaftliche Assistentin am Institut für Sozialpsychologie in München forscht seit fünf Jahren am Phänomen der fragwürdigen Persistenz , der fragwürdigen Ausdauer also. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Warum ist es so schwer, ja schmerzhaft, sich von seinen Zielen zu lösen, haben sie und eine Kollegin einige Antworten gefunden. Sie sagt: "Es scheint ein allgemeiner Mechanismus zu sein, der dem Menschen gegeben ist, sich Zielen, zu denen man sich entschlossen hat, auch dann verpflichtet zu fühlen, wenn sie keine Erfolgsaussichten mehr haben." Nicht alle Menschen sind in gleichem Maße dafür anfällig, aber noch keinem Wissenschaftler ist es gelungen, eine Typologie aufzustellen, welche Umstände welche Menschen dazu bringen, sich an ein sinnloses Ziel zu klammern.

Sind auf dem Weg zum Ziel die Rückschläge unübersehbar, so ändern sich plötzlich die Motive: Nicht mehr das Positive, also das, was man eigentlich erreichen wollte, steht im Vordergrund, sondern die negativen Folgen des Projektabbruchs, "weil man um Himmels willen die negativen Folgen, die auftreten würden, vermeiden möchte". So redet man sich lieber die Umstände schön, blendet die Tatsachen aus oder wertet sie ab, nimmt Warnsignale nicht mehr wahr.

Die negativen Folgen: Die Angst, keine Alternative zu haben, die Furcht, vor anderen schlecht dazustehen, die Scheu vor der Verletzung des Selbstbildes. Und der Wandel beginnt. Man hält an einem Ziel nur noch deshalb fest, um die unangenehmen Seiten des Aufgebens zu vermeiden. Dabei müsste der Instinkt einem sagen: Reib dich nicht weiter auf für etwas, was du doch nicht schaffen kannst. Und klappt das nicht, müsste die Logik uns sagen: Es zählt nicht so sehr, was du schon investiert hast, sondern das, was du noch investieren musst. Der Mensch aber neigt dazu zu sagen: Jetzt habe ich schon so viel Energie da reingesteckt, jetzt kann ich doch nicht aufgeben, sonst wäre ja der bisher geleistete Aufwand sinnlos.

Das größte Problem dabei ist, dass es keine Markierung gibt, die anzeigt: Wenn du es bis hierhin nicht geschafft hast, musst du aufgeben. Oft genug ist es ja richtig, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Nur wann ist die Grenze erreicht zwischen Durchhaltevermögen, das sich irgendwann lohnen wird und dem sinnlosen Festhalten an einem Ziel? Genau darauf gibt es keine Antwort. "Und an sich ist der Mechanismus ja richtig", sagt Veronika Brandstätter, "sonst würden wir sofort aufgeben, wenn die erste Schwierigkeit auftritt." Ein großes theoretisches Problem besteht darin zu beurteilen, wann Ausdauer überhaupt fragwürdig ist.