Oiweil fidöl

Zum Tod des Musikers Friedrich Gulda

Es muss irgendwann im vergangenen Jahr gewesen sein, als Friedrich Gulda in seinem kleinen Tonstudio zu Hause in Weißenbach am Attersee den Deckel seines Bösendorfer-Flügels hochklappte und ihm diese alten Wiener Sachen wieder in den Sinn kamen. Melancholisches von Johann Strauss, "Duidu" und die Heurigenlieder, Schwankendes im Dreivierteltakt. G'schichten aus dem Golowiner Wald. Versonnen hat er vor sich hin improvisiert, mit viel Weltabschiedsschwung. Und einmal hört man sogar seine Stimme zwischen den Klaviertönen: "Mein Gott, wie rührt mich das", singt er, hämmert anschließend als Kommentar ein tragisches c-moll samt Schicksalspochen aus Beethovens Fünfter in die Tasten, um sich dann wieder in den Weiten der Walzer zu verlieren. Eine wundersame Stelle. Vielleicht nur eine kleine sentimentale Schwäche, aber vielleicht auch mehr: Gulda hatte die Mikrofone an und ließ die ganze zwanzigminütige Wien-Seánce auf CD pressen. Nach Sehnsucht klingt sie, nach Versöhnung und letztem Bekenntnis. "Wann i amal stirb, stirb, stirb", säuselt er ganz leise zu den letzten Takten, "müasn mi Fiaker tragn.

Spuits an Tanz, laut und hell - oiweil fidöl."

So geht der Wien-Blues. Gulda hatte ihn natürlich im Blut, diese "nur einem Wiener ganz von innen heraus verständliche Mischung aus Lächeln und Selbstmord", dieses "zutiefst wienerische Verhältnis zu Verfall und Abschied, Krankheit und Tod", wie er Grundstimmung in der Musik von Franz Schubert beschrieb. An Schubert hat sich Gulda nur selten in seiner Karriere gewagt.

Von solcher Stimmung angesteckt zu werden, sagte er, sei für ihn immer eine existenzielle Gefährdung gewesen: "Meine äußere Distanz kommt von allzu großer Nähe." Aber ausgerechnet auf der letzten CD-Veröffentlichung seines Lebens (im vergangenen Jahr aufgenommen wie die G'schichten aus dem Golowiner Wald) spielt er nun ausschließlich Schubert, die Impromptus op. 90 und Moments musicaux op. 94. In Eigenregie hat er die Platte produziert und, typisch Gulda, ohne Vertriebs- und Werbetamtam von seiner Lebensgefährtin Ursula Anders einfach in die Klassikabteilung des Münchner Kaufhauses Beck bringen lassen - ein musikalisches Vermächtnis für Freunde und Verehrer, gut verborgen vor der sensationsgierigen Öffentlichkeit. Mit klarer poetischer Kraft lässt Gulda die traumschönen todessüchtigen Schubert-Stücke noch einmal sprechen. Ruhig und gefasst gibt er sie, manchmal beinahe eine Spur zu spröde. Und trotzdem spürt man immerzu die vibrierende innere Beteiligung, das Herzblut, das er für diese Musik vergießt. Den Wien-Blues!

Zu dem gehört neben der Melancholie freilich auch das abgründige Granteln.

Wie Gulda seine Geburtsstadt immer wieder verwünscht hat: das Publikum, in dem er nur "hundertjährige Gelähmte" und "stinkreaktionäre Kunstlemuren" erkannte, oder die Wiener Musikkritiker, den "niederen Klerus", "die Arschlöcher", "die Klassik-Volltrotteln". Als einer von ihnen sein Concerto for myself als "Furz" bezeichnete, strafte Gulda die ganze Stadt mit einem mehrjährigen Auftrittsboykott. Im letzten Jahr hinterlegte er bei einem Anwalt die "letztwillige Anordnung", dass nach seinem Tod jeder Kommentar oder Nachruf auf ihn zu unterbleiben habe. Speziell in seiner "lieben Heimatstadt Wien" sei über seine musikalische Tätigkeit "so viel Blödsinn verzapft worden, dass ich verhindern möchte, dass mir derselbe Schmutz auch noch ins Grab nachgeschmissen wird". Allerschönste Wien-Hassliebe spricht sich da aus: gallig makabre Bannflüche, aber oiweil fidöl.

Dabei ist Gulda der Wiener Morbidezza nie vollends verfallen. Nur gelegentlich hat sie ihn wie ein Fieber überkommen. Und er hat versucht, sie mit dem selbst kreierten Alter Ego, dem Bänkelsänger Golowin, loszuwerden, sie von sich abzuspalten. Denn in Gulda wirkten noch andere Antriebe: ein extrem aufgeladener Optimismus beispielsweise, die ewige Lust am prallen Leben und natürlich sein gegen alle Kritik imprägniertes Selbstbewusstsein.

Freie Musik und freie Liebe, das bunte Glück der Blumenkinder, das Ibiza-Feeling der Rave-Generation - alles hat er mit- und durchgemacht. "Fun and games bis morgens in der Früh", pflegte er zu sagen, "das hätte auch dem Herrn Mozart sehr gefallen."

Zum 65. Geburtstag schenkte er sich selbst einen knallroten Ferrari, platzierte seine sexy gekleideten Discotänzerinnen auf der Kühlerhaube und posierte mit Hawaiihemd und Playboy-Sonnenbrille für den Fotografen. Gulda, der ewige Bruder Leichtfuß, immer mit Vollgas unterwegs im Hier und Jetzt, so hat er sich in Szene gesetzt - und es trotzdem gehasst, wenn man ihn nicht für voll nahm: "I bin kaan Spaßettl-Macher", knurrte er dann. "Wos i mach, dös is immer ernst."

Darin liegt die Tragik seines Lebens: dass seine Kritiker, das Publikum und oft sogar seine Fans es nicht lassen konnten, das Gesamtkunstwerk Gulda auseinander zu dividieren, den Künstler gegen den Narren auszuspielen, den Großmeister der Klassik gegen den Unterhaltungsmusiker aufzurechnen. Obwohl für ihn doch alles ganz selbstverständlich Ausdruck des gleichen kreativen Impulses war: Für ihn gab es nur einen einzigen Gulda-Groove.

Nichts brachte ihn mehr auf die Palme, wenn er für seine Beethoven-Interpretationen gerühmt wurde, für seine motorische Überlegenheit, seine Souveränität in der Disposition von Formverläufen oder seinen klug kontrollierten Spielwitz, und gleichzeitig sein Jazz und seine Popshows als billiger Tand geschmäht wurden. In solcher Argumentation sah er nur die Ignoranz und Selbstgefälligkeit eines Klassik-Musikbetriebs, den er schon früh als eine in Ritualen erstarrte, kunstferne Tretmühle erlebt hatte. Nur die toten Komponisten Beethoven, Bach und Mozart aufzuführen war ihm einfach zu wenig, obwohl (oder gerade weil) er es konnte, wie nur wenige Pianisten des Jahrhunderts überhaupt.

Sein Jazz hingegen war nie so genial wie sein Mozartspiel. Zu glatt, zu klassisch, nicht kühn genug fanden die Jazzexperten seine Improvisationen.

Miles Davis war sein großes Idol. Der sei nie stehen geblieben. Der habe mindestens zehn musikalische Revolutionen in seinem Leben angezettelt. Aber Gulda selbst ist über die Rolle des querköpfigen Seiteneinsteigers nie hinausgekommen.

Auf seltsame Weise wirkte er wie verkeilt zwischen den Jahrhunderten. Im Jazz, den er für die wichtigste kreative Errungenschaft des 20. Jahrhunderts hielt, blieb er hinter der Avantgarde zurück. Für die kompositorische Moderne von Schönberg bis Nono hatte er nur Hohn übrig - einer seiner größten Irrtümer. Als fröhlicher Gegenwartsmensch war er offen für alle möglichen Modeströmungen. Aber vom 18. Jahrhundert hat er sich nie wirklich gelöst, der Kosmos Mozarts blieb sein allgegenwärtiges Bezugssystem. Der Herr Mozart - sein "Weltmeister"! An ihm hat er sich abgearbeitet, ein Leben lang.

Wenigstens ein paar Stücke wolle er auf seine alten Tage so spielen, dass "der Meister und ich damit zufrieden sein können", hat er vor drei Jahren in einem Gespräch erklärt. Das sei der Lohn für alles: "Da red'st mit dem lieben Gott persönlich" - und eine dicke Träne kullerte bei den Worten seine Wange hinab. Wer je gehört hat, wie empfindsam und kantabel Gulda Mozart spielen konnte, wie er in die Stücke hineinlauschte und ihnen zugleich mit schwebender Leichtigkeit und tiefem Ernst begegnete, der hat gewiss etwas gespürt von der Seelenverwandtschaft der beiden. Im Himmel, sagte Gulda, werde er dann mit dem Herrn Mozart vierhändig spielen. Auf einer rosa Wolke.

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    • Von Claus Spahn
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 06/2000
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