Zwei Finger am Lenkrad. Ein gelangweilter Blick durch die Windschutzscheibe. James Keevy hasst Teerstraßen. "Teerstraßen riechen nicht gut, wenn die Sonne sie aufweicht", knurrt der Mann unter dem zerknitterten Filzhut. Doch ganz besonders hasst Keevy diese Teerstraße - sie führt mitten durch die Kalahari. "Bis vor kurzem kam man hier nur mit Vierradantrieb durch", erzählt der auf Wildnis spezialisierte Guide missmutig, während die weißen Mittelstreifen der Straße über die Spiegelgläser seiner Sonnenbrille huschen. "Die Kalahari war ein Privileg für die wenigen, die sich in die Hölle wagten."

Mit derlei Romantik ist es nun vorbei. Seit März 1998 führt eine zweispurige Fernstraße quer durch die größte zusammenhängende Sandfläche der Erde: der Trans-Kalahari-Highway. In sechs Jahren Bauzeit ließ die Regierung Botswanas 600 Kilometer Asphalt in dem roten Sand verlegen. Die umgerechnet 130 Millionen Mark teure Transitstraße durch den Westen des Landes verkürzt die Strecke zwischen dem industriellen Zentrum Südafrikas, der Gauteng-Provinz um Johannesburg, und der namibischen Hauptstadt Windhoek um ein Viertel auf nur noch 1500 Kilometer. Darüber hinaus war der Highway das letzte fehlende Puzzlestück in einer direkten West-Ost-Verbindung zwischen den beiden wichtigsten Handelshäfen in diesem Teil Afrikas: dem namibischen Walvis Bay am Atlantischen und Maputo in Mosambik am Indischen Ozean.

Neun Monate im Jahr fährt der gelernte Koch aus Kapstadt Touristen mit seinem Landrover in die abgelegensten Winkel der botswanischen Wildnis. Keevy ist holprige Pisten gewohnt, knietiefen Sand, schlammige Flussfurten, heimtückische Warzenschweinlöcher, die das Gepäck durch das Auto segeln lassen. "Sie wollen nur den Highway bereisen?", hatte er irritiert gefragt. Dies würde sein langweiligster Job werden.

Die namibisch-botswanische Grenze verschwindet im Rückspiegel. Keevys Landrover taucht vom leicht erhöhten Randgebiet hinunter in die Kalahari. Wie ein Ozean liegt sie da - glatt gebügelt, düster, trügerisch. Einzelne Kameldornbäume stehen, gebeugten Riesen gleich, am Horizont. Ein exakter schwarzer Schnitt aus Teer durchtrennt die Ebene. Keevy sieht sich bereits tagelang auf diesem eintönigen Asphaltstreifen fahren und braucht - schon jetzt - Abwechslung. Er legt eine Kassette in den Recorder, die einzige, die er dabei hat: Johann Strauß.

Aus den Lautsprechern klingt Freut euch des Lebens. Das Stück untermalt die eigenwillige Dramatik dieser Landschaft: Mit den Pauken wirbeln Staubsäulen über sonnenverbranntes Savannengras. Eine Straußenfamilie tänzelt zu Klarinetten über Sanddünen. Ohrengeier treiben im stahlblauen Himmel, getragen von den Klängen der Streicher.

"Ohne den Regenzauber stirbt das Land", murmelt Kashe Thamko. Es ist Mittag. Ghanzi, die erste botswanische Stadt am Trans-Kalahari-Highway, schwimmt im Hitzeflimmern. Der zierliche, gelbhäutige Thamko sitzt vor seiner Wellblechhütte, trinkt Chibuku-Bier und wartet auf den Schlaf. Und morgen trinkt er wieder Chibuku-Bier. "Der Regenzauber", stammelt Thamko, "hat keine Kraft mehr."

Kashe Thamko ist Buschmann. Die direkten Nachkommen der Urbevölkerung des südlichen Afrikas werden oft auch als San bezeichnet. Sie selbst nennen sich nach der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen. Kashe Thamko gehört, wie die meisten Buschleute im Distrikt von Ghanzi, zu den Ncoa Kwe - den "roten Leuten".