Sterne lügen nicht
Im Februar 1600 endete die europäische Umlaufbahn des Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen in Rom
Schade, zu schade, dass der Mars Polar Lander nicht nasagetreu auf dem Roten Planeten angekommen ist, sondern weiß Gott wo. Diese coincidentia hätte es in sich gehabt: Dort oben sammelt unser modernstes Forschungsgerät Mikrobe für Mikrobe die Beweise dafür ein, dass es Leben auf dem Mars gibt - und hienieden gedenken wir jenes Mann, der dies schon vor 400 Jahren behauptet hat und dafür umgebracht wurde.
Giordano Bruno starb am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen. Den Flammen übergeben von der Inquisition der heiligen katholischen Kirche.
Hingerichtet, weil er nicht davon ablassen wollte, das Ungeheuerliche zu denken, zu schreiben, zu lehren: dass wir nicht allein sind im Kosmos, dass es Leben gibt im Weltall. In einer Welt, die unendlich ist.
Der Beweis für außerirdisches Leben ist bis dato nicht erbracht, aber es wird beharrlich weitergeforscht. Man kann also getrost eine Weltraumsonde nach Giordano Bruno benennen Kopernikus, Kepler, Galilei wurde die Ehre schließlich auch zuteil. Doch Bruno fand eben nie einen Platz im Pantheon der Wissenschaft und der Philosophie. Blieb immer ein vazierendes Gestirn, ein Unzeitgemäßer, ein "Vorläufer": einer, den das Leben bestrafte, weil er zu früh kam. Mit seiner Intuition war er der Zeit weit voraus - "ein Vesuv: feurige und formlose Schlacken auswerfend", so beschrieb ihn 1927 Egon Friedell. Ein Lästermaul, ein Spötter, zuweilen mehr satirischer Dichter als systematischer Denker. Vor allem aber einer, der es nicht lassen konnte, immer wieder gegen das Weltbild der katholischen Kirche anzurennen.
Dabei hatte alles so gottgefällig angefangen. Filippo Bruno, 1548 in Nola bei Neapel geboren, Sohn eines Soldaten, beginnt mit 14 das Studium der Logik und Dialektik an der freien Universität Neapel. Tritt mit 17 in den dortigen Orden der Dominikaner ein. Bekommt den Namen Giordano, wird Priester. Liest alles, was ihm unterkommt: Platon, Aristoteles, die römischen Dichter, den Cusaner, den Kopernikus - und, heimlich, den verbotenen Erasmus. Dann das: Bruder Giordano hat die Bildchen der heiligen Katharina von Siena und des heiligen Antonius aus seiner Zelle entfernt!, tuschelt es im Kreuzgang.
Bruder Giordano leugnet die Dreifaltigkeit! Ausgerechnet in dem Kloster, in dem der aristotelische Übervater der Kirche, der heilige Thomas von Aquin, gelebt und gelehrt hat: bei den Dominikanern, die doch vom Papst höchstselbst damit betraut sind, als domini canes, als Hunde des Herrn, jedweden Ketzer erbarmungslos zu hetzen.
Vision von einem belebten, unendlichen Weltall Bruno weiß, was ihm blüht. 1563 ging das Konzil von Trient zu Ende, seither macht die Kirche blutigen Ernst mit der Gegenreformation: das Heilige Offizium, die oberste Inquisitionsbehörde, tagt wieder, missliebigen Büchern droht der Index librorum prohibitorum, Glaubensabweichlern der Feuertod. Als 1576 - nun schon zum zweiten Mal - der Verdacht der Ketzerei gegen ihn erhoben wird, setzt sich der 28-Jährige nach Rom ab. Dann immer weiter nach Norden damals konnten Flüchtlinge seiner Art nur dort ihr Heil suchen, wo sich schon der Reformismus durchgesetzt hatte.
- Datum 10.02.2000 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07/2000
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