zwei sehr verschiedene Bücher, die, nicht zu Unrecht, beanspruchen, eine Forschungslücke zu füllen. Das eine, die Soziologie des Essens von Eva Barlösius, bietet eine Analyse jener Strukturen, die sich im komplexen Nahrungsgeschehen sozialer Gruppen ausbilden und in das Ordnungswissen der Gemeinschaft einwirken. Das Fundament der Analyse von Eva Barlösius ist das Kulturkonzept des Anthropologen Helmuth Plessner. Er hat mit seiner Auffassung vom "Mängelwesen Mensch" eine wesentliche Kategorie für die Nahrungssoziologie beigesteuert.

Der Mensch, im Gegensatz zum Tier der Orientierungssicherheit des "natürlichen" Triebes beraubt, bezieht aus diesem Mangel die Gestaltungsfreiheit für eine Ordnung des Wirklichen, deren Merkmal "natürliche Künstlichkeit" ist. An die Stelle der natürlichen Nahrung, die das Tier instinktiv ergreift und aufzehrt, tritt die menschliche Küche, eine künstlich erschaffene Rhetorik, ja, ein frei gewählter "Stil" der Kultur. In diesem Nahrungsstil - so die These von Barlösius - lasse sich eine Ähnlichkeit zu jenen Prozessen erkennen, in denen sich soziales Geschehen formiert: den Dynamiken der Vergemeinschaftung und der Abgrenzung, der Integration und der Ausdifferenzierung.

Die Modellierung von Gemeinwesen, schreibt Barlösius, könne aus der rechtlichen, ökonomischen und informativen Regulierung von Nahrungsproduktion, Lebensmittelmärkten und Ernährungsdisziplinen rekonstruiert werden. Ein wesentliches Relais im Übergang von der feudalistischen zur bürgerlichen Gesellschaft bilde dabei die Kategorie des Geschmacks, der sich unvermerkt in das soziale Sensorium für die "feinen Unterschiede" verwandelt, von dem Norbert Elias und nach ihm Bourdieu gesprochen haben.

Größte Aufmerksamkeit in diesem komplexen sozialen Ausdifferenzierungsgeschehen der Moderne beanspruche, so Barlösius, der paradoxe Zusammenfall von Perfektion der Naturbeherrschung und wachsendem "Unbehagen in der Kultur". In ebenjenem historischen Augenblick, der der Menschheit das genaueste Wissen über Ernährung und Nahrungsmittel beschert, herrscht die größte Verunsicherung in Bezug auf eine "naturgemäße" Auswahl der Speisen

in einer Welt, die vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte ausreichend Nahrung produziert, breiten sich ausgerechnet Anorexie und Bulimie epidemisch aus, Krankheiten der Nahrungsverweigerung, die nicht selten zum Tode führen.

Es ist nicht das geringste Verdienst der von Eva Barlösius verfassten Studie, dass sie auf solchen Dynamiken der Sozialisierung von "Natur" insistiert und nicht der Versuchung erliegt, "gesicherte" naturwissenschaftliche Erkenntnisse gegen die Verirrungen von Nahrungsideologien auszuspielen. Diese Einsichten lassen sich unschwer an eine Soziologie "riskanter Freiheiten" anschließen, wie sie Ulrich Beck (und vor ihm Niklas Luhmann) in Vorschlag gebracht haben: Es ist gerade die neue Unsicherheit in der so genannten postmodernen Gesellschaft, aus der die Chance freier Wirklichkeitsgestaltung, das Aushandeln "natürlicher Künstlichkeit" herausgetrieben wird. Am Nahrungsgeschehen lässt sich dies wie wohl an keinem anderen Sozialisierungsmuster ablesen.

Das zweite Buch, das sich einer Soziologie der Ernährung widmet, ist eine Gemeinschaftsarbeit von Hans-Werner Prahl und Monika Setzwein. Es ist mehr als zurückhaltend, was strukturelle Einsichten angeht, bietet aber ein ansprechend recherchiertes, mit opulenten Statistiken gefüttertes Panorama all jener Probleme, die das "soziale Totalphänomen Ernährung" - wie Marcel Mauss gesagt hat - in der zeitgenössischen Gesellschaft so unübersichtlich machen. So wird man mehr oder minder genau über Globalisierung und Regionalisierung der Küche, über Adipositas und Anorexie, über Food-Design und Novel-Food, über Aromaprofile und Gentechnik, über McDonaldisierung und Franchising, über Ethno-Food, die BSE-Krise und manches andere informiert.