Das Erlebnis ist das Ziel. Wellness-Oasen, Center-Parcs und Shopping-Malls liegen im Trend. Statt verregneten Wanderungen oder risikoreichen Abenteuer-Trips sind All-inclusive-Paradiese und durchgestylte Urlaubsorte erwünscht. Das Phänomen der synthetischen Landschaften hat Voyage, das Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung aus dem DuMont Verlag, zum Ausklang des Jahrhunderts untersucht.

Künstliche Ferien - Leben und Erleben im Freizeitreservat heißt der Titel der jüngsten Ausgabe. Renommierte Tourismusforscher und Journalisten lieferten die Beiträge und kreisen das Thema aus den unterschiedlichsten Perspektiven ein. Über die Ursachen des Andrangs in den virtuellen Welten schreibt der Wissenschaftler Wilhelm Berger auf hohem Abstraktionsniveau: "Das in künstlichen Ferienparadiesen arrangierte Erlebnis ist die Rückseite von Anonymisierung und struktureller Orientierungslosigkeit in einer moralisch neutralisierten sozialen Welt."

Ganz konkret und recht vergnüglich erzählt hingegen der Berliner Schriftsteller Uwe Herms von der Ausflugsplanung eines Ehepaars, das beim Planen stecken und zu Hause hocken bleibt. Schade nur, dass die Geschichte vom Mußesonntag auf Balkonien dem Themenschwerpunkt des Sammelbandes nicht ganz gerecht wird.

In lockerer Folge werden zahlreiche Einzelaspekte der kleinen Fluchten in die Retorte untersucht. So entpuppt sich Hagenbecks Tierpark als Keimzelle für den Boom des Artefaktischen. Die Tourismusplanung in Libyen unter italienischer Kolonialherrschaft wird detailliert erforscht, Jörg H. Gleiter reiste ins Land der aufgehenden Sonne, um der "Exotisierung des Trivialen" in japanischen Themenparks nachzuspüren.

Neben solch exemplarischen Beiträgen stehen so relevante Analysen wie zum Beispiel der Text des Psychologen Jörn W. Mundt. Er durchleuchtet die Profitinteressen von Investoren und Tourismusmanagern, die den Ausbau der "kommerziellen Freizeitmaschinerie" systematisch auf die Spitze treiben. Ein Bravourstück aus ökonomischem Blickwinkel.

Mit umfangreichem Fachwissen und kritischer Distanz animieren die Autoren zur Diskussion über eine der umsatzstärksten Wirtschaftsbranchen. Und deshalb ist auch Voyage im dritten Erscheinungsjahr wieder einmal eine Lesereise wert - für Spezialisten und Verbraucher, die den Herdentrieb zu den perfektionierten Freizeitghettos noch irritiert beäugen.

Tobias Gohlis, Christoph Hennig,