"Bürokraten hätten das nie geschafft"
Ein ZEIT-Gespräch mit Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web
DIE ZEIT: America Online und Time Warner wollen fusionieren und werden damit zum größten Medienkonzern der Welt. Das neue Unternehmen wird sowohl den Zugang zum Internet offerieren wie auch das, was seine Benutzer dort finden, also die Inhalte. Müssen wir uns Sorgen über eine derartige Machtzusammenballung machen?
TIM BERNERS-LEE: Ich habe Sorgen wegen der Unabhängigkeit des Mediums Internet, ganz gleich, über welches Unternehmen wir reden. Wir kaufen eine angesehene Zeitung, weil wir erwarten, dass wir unabhängige Informationen bekommen, dass Inhalte und Werbung getrennt sind. Im Internet gibt es zahlreiche unredliche Methoden, diese Trennung aufzuheben. Wir vertrauen auf den Zugang wie zu einem öffentlichen Straßensystem. In Wirklichkeit kann es sein, dass wir von einem Internet-Unternehmen unfreiwillig zu Web-Seiten gesteuert werden, die dafür viel Geld bezahlt haben. Damit wird Information, und unsere Sicht der Welt, auf eine manchmal sehr subtile Weise gefiltert.
ZEIT:
BERNERS-LEE: Genau das wäre im Interesse des Verbrauchers und auch im Interesse einer demokratischen Gesellschaft. Konsumenten müssen die Möglichkeit haben, ihren Computer bei einem, ihre Software bei einem anderen Unternehmen zu kaufen. Oder ebenden Zugang zum Internet und seine Inhalte von verschiedenen Stellen zu beziehen. Es ist ja nicht schwer, sich schlimme Szenarien auszumalen: Sie kaufen einen Kühlschrank mit einem Flachbildschirm und Internet-Zugang. Und Sie bekommen nur Informationen über bestimmte Supermärkte, weil die Kühlschrankfirma das so will.
ZEIT: Die wenigsten Menschen benutzen das Internet in der Küche. Aber AOL/Time Warner werden in Amerika 22 Millionen Kabelkunden haben, die dann vielleicht nur AOL-Inhalte zu sehen bekommen. Der angesehene Ökonom Paul Krugman meint, dass es bei der Fusion nur darum geht, große Teile der elektronischen Prärie einzuzäunen. Zugang gibt es anschließend nur für Mitglieder, die dafür zu zahlen bereit sind.
BERNERS-LEE: Es ist Sache der Presse, der Benutzer und unabhängiger Organisationen, dieses genau zu beobachten. Wer ein Handy mit Internet-Zugang kauft, muss selbst kontrollieren, ob damit jede Web-Seite erreichbar ist. Grundsätzlich gibt es ja zwei Möglichkeiten, mit dieser Frage umzugehen: Entweder schaffen wir eine Art UN-Charta über die Unabhängigkeit des Internet, das wäre ein fürchterlich komplexes globales Regelwerk. Oder wir setzen darauf, dass die Presse - und wir alle - klar und deutlich macht, dass es für ein Unternehmen sozial nicht akzeptabel ist, beispielsweise den Zugang zur Web-Seite eines anderen Unternehmens zu kontrollieren, weil die beiden Firmen miteinander konkurrieren.
ZEIT: Der Staat soll sich nicht einschalten?
BERNERS-LEE: Ich bin mir nicht sicher. Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten. Auf der einen Seite steht die Meinung, dass ungefilterter Zutritt zum Internet ein Menschenrecht ist so wie das Recht auf sauberes Wasser. Telefongesellschaften hatten lange Zeit ein Monopol, aber dafür mussten sie einen universalen Zugang garantieren. Es gab kein Telefon, mit dem man nur bestimmte andere Telefone anrufen konnte. Auf der anderen Seite steht das Problem, dass man in den Markt eingreift: Es gibt Unternehmen, die Ihnen einen Computer schenken, wenn Sie dafür zunächst immer eine bestimmte Web-Seite ansteuern. Soll man das verbieten?
ZEIT:
BERNERS-LEE: Ich möchte abwarten und mir genau anschauen, ob der Markt so funktioniert, wie ich mir das wünsche. Sehen Sie, die ZEIT überlebt, obwohl in Deutschland tagtäglich Millionen Anzeigenblätter in die Briefkästen flattern. Der Markt hat Platz für beides. Vielleicht ist das auch im Internet nicht anders.
ZEIT: Es scheint mir, dass unsere Gesellschaften mit ihren Gesetzen, Regelwerken, sozialen Kontrakten einigermaßen atemlos dem hinterherhecheln, was ihnen das neue Medium Internet vorgibt.
BERNERS-LEE: Nein, das stimmt nicht. In 90 Prozent der Fälle ist dieser Eindruck falsch. Die Meinung, es im Cyberspace mit einem gesetzesfreien Raum zu tun zu haben, ist blanker Unsinn. Im Internet handeln Menschen, Menschen leben in Nationen, und Nationen haben Gesetze. Regeln, die über Handel oder Betrug Recht sprechen, ganz gleich, um welches Medium es sich handelt. Diese Gesetze lassen sich ohne weiteres auf das Internet übertragen. Nur in Ausnahmefällen, etwa beim Copyright, ist dies nicht der Fall.
- Datum 12.06.2009 - 13:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF






