"Bürokraten hätten das nie geschafft"Seite 4/4

BERNERS-LEE: Das Web wird zum Raum. Es wird zu einem Klumpen Ton, der geformt, bearbeitet, verändert werden kann. Es wird Menschen dabei helfen, ihr eigenes "Lebensnetz" zu bauen.

ZEIT: Wird es die Art und Weise verändern, wie wir kommunizieren und zusammenleben?

BERNERS-LEE: Es macht uns nicht klüger, aber wir haben eine größere Auswahl - mit wem wir reden, was wir lesen, was wir veröffentlichen. Es wird unsere Gesellschaften nicht automatisch gerechter und weniger hierarchisch machen. Aber die Technologie gibt uns die Möglichkeit, soziale Systeme zu entwickeln, in denen mehr Gerechtigkeit herrscht. Allerdings nur dann, wenn die Reichen bereit sind, den Armen zu helfen.

ZEIT: Heutzutage ist das Web ein Medium der Ersten Welt. Und selbst innerhalb der reichen Länder gibt es das, was die Amerikaner digital divide nennen. Millionen haben nach wie vor keinen Zugang zum Netz.

BERNERS-LEE: In Ländern wie den USA wird sich die Kluft zwischen Menschen mit oder ohne Internet schnell verkleinern. Dafür sorgen der Markt und die rapide voranschreitende Verbilligung von High-Tech-Geräten. In Entwicklungsländern ist die Situation wesentlich schwieriger. Wir können jemandem, der kein sauberes Wasser hat, nicht Internet-Zugang für 200 Dollar im Jahr anbieten. Die Liste der Dinge, die reiche Länder den Armen schulden, ist lang. Das Internet ist ein weiterer Punkt auf dieser Liste.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass irgendwann einmal die Weltbevölkerung mithilfe des World Wide Web über ökologische Fragen entscheiden kann.

BERNERS-LEE: Ich meine damit nicht eine weltweite Volksabstimmung. Aber nehmen wir an, es gelänge, ärmere Länder an den Standard der reichen Nationen anzunähern. Zwischen der Ersten und der Dritten Welt bestehen tiefe geografische, kulturelle und ökonomische Unterschiede. Wenn wir über das Internet netzwerkartige und unmittelbare Verbindungen schaffen, können wir diese Trennlinien überwinden und mehr Verständnis füreinander erzeugen. Stellen Sie sich vor, Kinder in entwickelten und unterentwickelten Ländern würden an gemeinsamen Projekten arbeiten und dabei lernen, wie unterschiedlich ihre Länder, Kulturen und Lebensstile sind. Das wäre ein interessantes Experiment.

ZEIT: Ihre humanistischen Ideale sind so alt wie die Menschheit selbst. Nur haben wir sie nie wirklich umgesetzt. Glauben Sie wirklich, dass das Medium World Wide Web daran etwas ändern kann?

BERNERS-LEE: Jahrein, jahraus versuchen wir, die Dinge besser zu machen. Dafür nutzen wir jedes Mittel, das uns in die Hände kommt. Das World Wide Web ist nichts anderes als ein weiterer Schritt auf einem Weg, der uns hoffentlich einmal zum Ziel bringen wird.

 
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