Fürst zu Solms-Lich betreibt moderne Waldbewirtschaftung. Im Brandenburgischen kaufte er nach der Wende günstig weit über 2000 Hektar. Er engagierte eine finnische Firma mit großer Holzerntemaschine, die sich forsch voranarbeitete. Abgeholzt wurde im vergangenen Jahr im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Die zuständige Umwelt- und Forstbehörde hat dem Fürsten mitgeteilt, dass in seinem Wald auch vom Aussterben bedrohte Arten wie der Schreiadler lebten - und er deshalb für Fällarbeiten stets eine Genehmigung beantragen müsse. Doch das hat er nicht getan. Die Holzpreise waren gerade günstig - also wurde auch mitten in der Vegetationsperiode, der Adler- und Kranichbrutzeit, viel Holz eingeschlagen. So viel wie sonst in zehn Jahren nicht, sagt ein Förster. Rund um die Uhr, nachts gar im Scheinwerferlicht.

Die Dörfler staunten. Adlerhorstschutzzonen, Altbäume, in deren Höhlen Jungvögel gefüttert werden, ein Schreiadlerhorststamm, Vogelnester von Bodenbrütern - weg damit. Amphibientümpel und sensible Moorflächen wurden schwer beschädigt. Auch denkmalgeschützte Hügelgräber aus der Bronzezeit wurden nicht geschont.

Die Dörfler beobachteten mit Verdruss, was aus ihrem früher volkseigenen Wald wurde. Umweltschützer, Förster, Fachleute des Biosphärenreservats wurden nach vier Wochen Holzerei schließlich aufmerksam. Die Naturschutzbehörde des Uckermarkkreises wirft seither dem Fürsten vor, Schaden an der Natur und den Rechtsgütern angerichtet zu haben, und verfügte, den Waldfrevel sofort zu stoppen.

Unmut über "die Blaublütigen" wächst inzwischen an vielen Orten im Osten.

"Wir haben mit diesen Brüdern neuerdings laufend zu tun, weil sie sich über alles hinwegsetzen", kritisiert im brandenburgischen Templin Ernst Pries, schon in der DDR einer der angesehensten, unbequemsten Umweltexperten. Vor der Wende attackierte er als kirchlicher Bürgerrechtler den SED-Staat, die Stasi hatte auf seine Frau und ihn rund 30 IM angesetzt, entsprechend dick ist die Gauck-Akte. Nun hat er die Freiheit, noch energischer gegen Naturzerstörung zu kämpfen - und gegen den Verkauf wertvoller Biotope. Wollen die neuen Besitzer aus dem Wald möglichst viel herausholen, bevor er ihnen wieder abgenommen wird?, fragt sich Pries, Mitglied im Naturschutzbund Nabu.

Axel Vogel, gebürtiger Bayer, muss sich im Osten von Amts wegen mit wieder eingewanderten Grafen, Fürsten, Baronen und Freiherren befassen. "Eine gewisse Adelsaversion, in der DDR gepflegt, geht hier schon recht weit", sagt der Direktor der brandenburgischen Landesanstalt für Großschutzgebiete. Fälle wie den des Fürsten zu Solms-Lich nennt er, ironisch, durchaus lehrreich, weil doch immer behauptet werde, Privatwaldbesitzer betrieben genauso guten Naturschutz wie der Landesforst. Dann kommt er auf ein interessantes Detail der Wendezeit: Graf von Stauffenberg, vormals Chef des Waldbesitzerverbandes, habe sein Mandat als CSU-Europaabgeordneter niedergelegt, um bei der bundeseigenen Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) Chefverkäufer für die Ostwälder zu werden.

Allein im Naturpark Schorfheide-Chorin gingen über 10 000 Hektar an zehn Vertreter des Adels. Direktor Vogel weiß, dass es immer dann Probleme gibt, wenn die BVVG riesige, zusammenhängende Flächen veräußert hat, denn gleich in den ersten zwei, drei Jahren wollten die neuen Besitzer den Kaufpreis durch exorbitanten Waldeinschlag wieder hereinholen. Arbeitslose, gut ausgebildete Forstfacharbeiter aus den Dörfern der Region haben nichts davon - ein einziger Harvester-Fahrer aus Finnland reicht. Warum nicht wir, fragen die Leute hinter den Fensterscheiben, wenn draußen überschwere Laster die Stämme an den regionalen Sägewerken vorbei nach Schweden oder Tschechien transportieren.

Ist der Streit um die Natur ein Ost-West-Problem?

Fürst Solms-Lich will gegenüber Naturschützern und Forstbehörden nicht zurückstecken. Im ORB-Fernsehen beharrte er darauf, ordnungsgemäße Forstwirtschaft zu betreiben - wie im Westen. Er klagt vor dem Verwaltungsgericht gegen das laufende Ordnungswidrigkeitsverfahren, den verfügten Einschlagstopp und fordert Schadenersatz von 16 000 Mark pro Tag.

Im nordbrandenburgischen Prenzlau hat Umweltdezernent Günter Heise - die Stasi beobachtete ihn als "Ornithologen" - den Fall Solms auf dem Tisch. In seinem Landkreis brüten 21 Seeadlerpaare, mehr als in den alten Bundesländern zusammen - außerdem Schreiadler. Heise ist empört. "Der durch den Fürsten angerichtete Schaden an der Natur ist nicht wiedergutzumachen - unglaublich, was wir hier neuerdings erleben -, die Leute kommen sich teilweise vor wie in einer Kolonie."

Kurios läuft es weiter nördlich. Große Teile der nordvorpommerschen Waldlandschaft sind vor der Wende abgeschirmte Staatsjagden gewesen - positiver Nebeneffekt: Es wurden exzellente Naturschutzgebiete. Ehrenamtliche Greifvogelexperten wie Ingenieur Joachim Matthes aus Rostock schlichen sich "wie die Partisanen" hinein, um die raren Schreiadler zu beobachten, und stritten mit Politbüro-Jägern und ihren Bewachern. "Manchmal haben sie uns mit vorgehaltener Waffe wieder rausgescheucht." Die SED war dann weg, doch der Ärger ging erst richtig los. Wäre Nabu-Mitglied Matthes Millionär, hätte er, so sagt er, die feilgebotenen Staatsjagdgebiete erworben und daraus Schreiadlerreservate gemacht. Doch nun sind Graf von Finkenstein und Freiherr von Massenbach Besitzer der Biotope und wirtschaften aus Sicht der Umweltschützer naturfeindlich. Das ganze Jahr ist jetzt Unruhe, Adler werden beim Brüten gestört oder vertrieben. Neue Forstwege entstehen, öffentlich finanziert, Waldentwässerungen wirken verheerend auf sensible Arten, allerorten herrscht Übernutzung. Matthes schimpft: "Urwüchsige Wälder werden in Wessi-Manier aufgeräumt. Für den Schreiadler ist dann absolut Sendepause, der verliert den Sichtschutz und verschwindet für immer."

Streit gab es jüngst, weil PDS-Umweltminister Wolfgang Methling auf Forderung der regionalen Umweltverbände just die nordvorpommersche Waldlandschaft zum Flora-Fauna-Habitat erklären, als so genanntes FFH-Gebiet nach Brüssel melden wollte. Herbe Nutzungseinschränkungen zugunsten der Natur will Graf von Finkenstein natürlich nicht und drohte mit einem Prozess vor dem Verwaltungsgericht. Minister Methling wurde später im Kabinett überstimmt - für hohe Schadenersatzsummen ist kein Geld in der knappen Landeskasse.

Freiherr von Massenbach findet, nicht ganz zu Unrecht, dass der FFH-Antrag schlampig formuliert wurde.

"Der Naturschutzbund und wie die so alle heißen, wollen unsere Wälder nasser haben, damit Frösche da sind, Schreiadler, Schwarzstorch und ich weiß nicht was." Wie sein Arealnachbar sieht von Massenbach Quertreiber auch in den Forst- und Jagdbehörden. Oft habe man dort kein Verhältnis zu den Kosten.

"Sie haben halt nicht verinnerlicht, dass das bei uns nach westlichen Kriterien ein bisschen anders geht. Man muss den Leuten alles langsam beibringen." Er ist zufrieden, dass PDS- und SPD-Minister in Schwerin sich besannen. Schreiadlerexperte Matthes zürnt: "Die Zuständigen knicken heutzutage sofort vor den Blaublütigen ein." Der Nabu protestiert gegen die "neuen Herrscher im Adlerwald", vom Umweltministerium wird bestätigt, dass sie massiv gegen Naturschutzgesetze verstoßen. Doch Minister Methling wiegelt ab. Er kenne viele, die sich außerordentlich positiv für Natur und Umwelt in Mecklenburg-Vorpommern engagierten, zum Beispiel den Ökobauern von Bassewitz.

Alle Blaublütigen sozusagen potenzielle Naturschänder? - nein, das stimme auf keinen Fall. Aber die Probleme in den Schreiadlerwäldern, "die existieren - da haben die Naturschützer und ihre Verbände Recht".

Im Brandenburgischen legt sich unterdessen der SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Meckel heftig mit dem Grafen von Arnim an, weil dieser Spaziergängern, Badelustigen und Anwohnern mit einem Stacheldrahtzaun den Zugang zum Großen Küstrinsee versperrt. Vor 1990 tat Selbiges die SED.

Fürst zu Solms-Lich, meint der Leiter des Naturparks, müsste angesichts schwerer Verfehlungen seine Wälder wieder abgeben. Nur traue sich höheren Orts niemand an das heikle Thema heran. Die Treuhand hatte dem hessischen Adligen die Flächen bei der ersten regionalen Privatisierungsaktion verkauft - gegen den Protest von Forstleuten und Naturschützern. Anfang Februar lobte der Fürst erneut seine Holzfirma für die ordentliche Arbeit. "Naturschützer haben eine enge Perspektive, aus unserer Sicht lächerlich", sagt er. Den Streit um seine Wälder wolle man als Ost-West-Problem hinstellen. "Was es natürlich nicht ist."