Homer liebt mich, weil er noch nie einen Deutschen getroffen hat, der sein Gesicht auf dem Unterarm trägt. Er lädt mich zu sich ein, ich darf auf der Couch schlafen, auf der sich Bart und Lisa beim Fernsehen immer streiten

von Marc Fischer

Neben meinem Job als Schlagzeuger der Ärzte habe ich immer Comics geliebt, gern hätte ich selber mal ein ganzes Heft gezeichnet, aber über eine Seite kam ich nie hinaus. Die Enttäuschung darüber kompensierte ich, indem ich den Comicverlag EEE gründete und so wenigstens die Hefte anderer Zeichner herausbringen kann. Einen Traum aber habe ich noch, und er hat zu tun mit der Tätowierung auf meinem Unterarm: ein Porträt von Homer Simpson, meinem Lieblingshelden aus der US-Comicserie Die Simpsons. Ich weiß nicht, ob diese Serie jedem ein Begriff ist, aber ich hoffe es, denn Die Simpsons ist tatsächlich die beste Serie, die jemals produziert wurde: Sie spielt in der Kleinstadt Springfield, die bevölkert ist von gelbgesichtigen Figuren, die ein Leben führen, wie man es in einer amerikanischen Kleinstadt eben so tut: Inmitten von Fertighäusern und Riesenstraßen, zwischen Shopping-Malls und indischen Fastfoodläden. Dem Zynismus und der Anarchie, mit der die Simpsons Amerika betrachten, bin ich so verfallen, dass ich mir jede Folge von einem Freund auf Video aufnehmen lasse.

Ich habe noch einen Haufen anderer Tattoos auf meinen Armen, Totenköpfe und nackte Frauen und so ein Punkzeugs aus meinen Jahren in Berlin, aber die Tätowierung von Homer ist mir die liebste, denn Homer, der in der Serie ja eine Glatze hat, wachsen auf meinem Unterarm Teufelshörner aus dem Kopf. Zwar ist Homer kein Teufel oder Bösewicht, sondern eigentlich ein feiner Kerl, aber wie jeder Mensch wird auch er ab und zu von Neid, Missgunst, Angst und Schwäche geleitet. Das macht ihn mir so sympathisch. Es gibt Augenblicke, da halte ich Homer Simpson tatsächlich für die beste Darstellung der Tragik der menschlichen Existenz, denn Homer hat ziemlich viele Qualen zu erleiden: Er muss seine blauhaarige Frau Marge glücklich machen er muss seinen frechen Sohn Bart irgendwie erziehen er muss seiner sensiblen Tochter Lisa täglich neuen Lebensmut geben und das kleine Baby Simpson durchbringen. Zudem hat er noch einen Job beim örtlichen Atomkraftwerk mit einem Arschloch als Chef. Ja, Homer hat es wirklich nicht leicht, der Junge ist nicht zu beneiden.

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Mein Traum ist also: Ich will einmal als Trickfigur Bela B. bei den Simpsons mit dabei sein. Dieser Wunsch ist kein Wahnsinn, denn es gab schon viele Gastauftritte prominenter Leute in der Serie: Aerosmith waren dabei, der Filmstar James Woods, auch ein animierter Bill Clinton durfte mal mit Marge einen Walzer tanzen und ihr sogar unters Kleid fassen. Das einzige Problem, das ich irgendwie lösen muss: In Amerika kennt kein Schwein Die Ärzte, es gibt für die Macher also erst mal keinen Grund, mich in die Serie einzuladen.

Das Skript zu der Folge, in der ich auftreten möchte, ist trotzdem schon komplett in meinem Kopf, und sehr bald werde ich es mit einem Foto meines Tattoos und ein oder zwei Ärzte-CDs an Matt Groening schicken, den Zeichner und Erfinder der Simpsons.

So stelle ich mir meinen Auftritt vor: Nach dem Vorspann sehen wir in einem kleinen Klub von Springfield ein Konzert der Ärzte, die sich gerade zum ersten Mal auf Amerikatour befinden. Farin, Rod und ich rocken, was das Zeug hält, wir spielen unsere Hits, aber die wenigen Konzertgäste sind sehr verstört, denn unsere Lieder sind ja alle auf Deutsch. Noch bevor wir zum Ende kommen, ist der Klub leer, und Farin ist so enttäuscht, dass er alles hinschmeißt und mit den Worten Ich fliege jetzt nach Surinam und gehe in Rente zum Flugplatz flüchtet. Auch Rod setzt sich ab, denn er sieht endlich seine Chance, als Gogo-Tänzer auf den Konzerten des HipHoppers Puff Daddy berühmt zu werden. Weil die beiden alles Geld mitgenommen haben, stehe ich allein da und bin Lost in Springfield, so heißt die Folge nämlich.

Um mich zu trösten, gehe ich in Moes Taverne, die einzige Bar des Orts, und bestelle mir ein paar von Moes Spezialcocktails. Homer, der Mann auf meinem Unterarm, sitzt neben mir, auch ihm geht es gerade schlecht, weil sein Job im Kraftwerk so eine Katastrophe ist, und wir betrinken uns so lange mit den Spezialcocktails, bis wir Arm in Arm über die Straßen von Springfield wackeln, Lieder singen und die Gehwege voll kotzen. Ach ja: Ich vergaß zu erwähnen, dass ich die ganze Zeit Deutsch spreche und meine Sätze als Untertitel am Bildschirmrand erscheinen. Wie Homer mich dann verstehen soll?

Dieses Problem muss Matt Groening lösen, ihm wird schon was einfallen.

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  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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