Ein klebriger Zuckerguss aus bunten Bildern und belanglosen Sentenzen, altbackenes Mittelalter - so hätte es enden können, dieses Vorhaben, die Erzählung Die Schöne und das Biest aus dem frühen 16. Jahrhundert neu zu schreiben. Die niederländische Autorin Anne Provoost ist ein Wagnis eingegangen. Und obwohl schon ihr Roman Fallen beeindruckende erzählerische Qualität bewiesen hatte, gelingt ihr mit Rosalenas Spiegel eine Überraschung. Entstanden ist ein ganz eigentümliches Märchen, das wie selbstverständlich ein überreiches Flechtwerk aus Motiven und Symbolen vor uns ausbreitet, das dem Übernatürlichen ohne Umstände so begegnet wie dem Natürlichen, das eine fremde Welt vorstellt, ohne in den Fehler zu verfallen, uns zu Komplizen machen zu wollen.

Der eigenartige Reiz dieser Erzählung, ihr Spannungszustand, entsteht aus einer wohl erwogenen Diskrepanz: Die Stimme der selbstbewussten Erzählerin fügt sich nicht nahtlos in die mittelalterliche Welt, aus der sie spricht. Zauber, untergründige Kräfte und religiöse Bindungen beherrschen diese Welt, und doch bleibt ein widerständiger Rest.

Anne Provoosts neues Buch ist eine bildmächtige Kostbarkeit. Hohes Lesetempo bekommt ihm nicht, es sprengt die Altersgrenzen und setzt uns Engel und Elfen in den Kopf. Ein seltsam nachhaltiges Märchen

LUCHS 158 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 2. März, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2- Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard).