Werkzeugkasten für den WandelSeite 3/3
Netze sind zurzeit die meist benutzte Metapher. So wie früher einmal die "Struktur". Das Schöne an diesem Bild ist, dass es soziale Gebilde nicht von vornherein als Hierarchien beschreibt. Wer mit Hilfe des Netzbildes etwas analysieren will, sollte allerdings genau sein: Was sind die Knoten, was bedeuten die Linien? Wären Pfeile aussagekräftiger? Lehrreich ist insbesondere das Internet. Es funktioniert, weil es auf Verabredungen beruht (die tragen bekannte Namen wie html und http ). Wertvoller, nützlicher für die Beteiligten wird ein Netz nicht zuletzt dadurch, dass die Zahl seiner Teilnehmer wächst - das ist der so genannte Netzeffekt.
Der Zufall ist oft die ehrlichere Methode, etwas auszusuchen. Die Zusammensetzung von parlamentarischen Ausschüssen und Vereinsvorständen, von Stiftungsvorständen oder Medienräten wird nach dermaßen vielen Kriterien bestimmt, dass eine optimale Mischung eh nicht gefunden werden kann. Warum also nicht den Versuch wagen, eine Prise Zufall einzustreuen? Das kann sogar nützlich sein. Denn wer zufällige Kombinationen zulässt, erweitert den Raum für Überraschungen. Arbeitsgruppen für die Reform eines Unternehmens lassen sich zum Beispiel nach dem Alphabet anstatt nach dem Ressortprinzip zusammensetzen; sogar in der Politik ist so etwas möglich, etwa wenn es um Programmkommissionen geht. Im Internet ist Software vorhanden, die nach dem Zufallsprinzip Bilder oder Worte präsentiert. Sie können bei Brainstorming-Sitzungen Ideen anregen, auf die sonst niemand gekommen wäre.
Reformen finden in der Werkstatt statt. Oder besser: nach den Prinzipien einer Werkstatt. Werkzeuge sind vorhanden, und irgendwo finden sich auch Bauelemente. Durch planvolles Experimentieren und Entwickeln von Lösungen entsteht Neues. Viele Reformen sind nichts als die Rekombination bekannter Elemente. Andere entstehen durch Modifizierung, und besonders rar sind die grundsätzlich neuen Ideen, die noch nie erprobt wurden.
Erfahrungen aus Krankenhäusern, Schulen und anderen Organisationen lehren, dass es sinnvoll ist, geschützte Räume des Ausprobierens zu schaffen. Das kann man dann auch Werkstatt nennen. Eine, in der nicht jeder an seinem Platz sitzt und seine standardisierte Aufgabe verrichtet. Eine Werkstatt, in der unausgesetzt das Personal wechselt. Manche arbeiten dauerhaft, andere kommen nur für kurze Zeit vorbei. Wenn es zur Sache geht, ist es gleichgültig, wer wie viele Mitarbeiter unter sich hat und wie viel Geld verdient. Begeisterung vertreibt Arroganz und Angst, Menschen unterschiedlichster Provenienz machen sich die Gruppenergebnisse zu Eigen. Wer Erfahrungen in der Werkstatt macht, lernt zu Schlagwörtern verkommene Begriffe wieder zu schätzen wie "vernetzt", "partizipativ" oder "ergebnisoffen".
Menschenwürdige Veränderung ist kein Dekret und nicht die Umsetzung einer Blaupause, sie ist ein dauerhafter Prozess. Reform als Lebensweise? So ist es.
Zusammengestellt von Uwe Jean Heuser und Gero von Randow. Den Newsletter der Reformwerkstatt gibt es unter www.frido.com.
- Datum 02.03.2000 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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