Unter DDR-Historikern gab es nur wenige, die auch im Westen als Gesprächspartner geschätzt wurden. Zu ihnen zählte Fritz Klein, einer der besten Kenner der imperialistischen Politik vor und im Ersten Weltkrieg. Seine Forschungen haben bis heute Bestand. Vom provinziellen Mief einer in sterilen Dogmen befangenen Parteigeschichtsschreibung war bei ihm nichts zu spüren. Auf internationalen Kongressen bewegte er sich als geachteter Repräsentant der DDR-Geschichtswissenschaft. Zu seinem 75. Geburtstag im vergangenen Jahr verlieh ihm die Universität Lüneburg die Ehrendoktorwürde - eine noble Geste, die bislang noch keinem anderen ostdeutschen Historiker seitens einer westdeutschen Hochschule zuteil wurde.

Nun hat Fritz Klein, als erster bedeutender Vertreter seiner Profession in der ehemaligen DDR, seine Erinnerungen geschrieben. Sie sind ein ungewöhnlich aufschlussreiches und zugleich anrührendes Zeugnis. Denn der Autor weiß nicht nur interessant und anekdotenreich zu erzählen - in einer schnörkellosen Sprache, die nur ganz selten Spurenelemente des alten DDR-Jargons erkennen lässt; er ist überdies ganz uneitel und sich selbst gegenüber bemerkenswert aufrichtig. "Was wir brauchen, ist Ehrlichkeit, Offenheit und gewissenhafte Prüfung der eigenen moralischen Integrität", forderte der Gelehrte bei seiner Emeritierung im Juli 1989, wenige Monate vor dem Fall der Mauer, und diesem Imperativ ist er mit seiner Autobiografie in hohem Maße gerecht geworden.

An der publizistisch nicht unbedeutenden Rolle, die sein Vater bei der Zerstörung der Weimarer Republik gespielt hatte, verdeutlicht Fritz Klein die Verblendung der deutschnationalen Konservativen, die glaubten, sich der Nazipartei und ihres charismatischen Führers bedienen zu können, von diesem aber nach der "Machtergreifung" vom 30. Januar 1933 rasch ausmanövriert wurden. "Es war so, und man soll es nicht beschönigen", urteilt der Sohn über das Versagen des Vaters, der sich selbst nach seiner demütigenden Entlassung als Chefredakteur im Mai 1933 nicht davon abhalten ließ, in der von ihm gegründeten Wochenzeitung Deutsche Zukunft die "kühne Staatsführung Adolf Hitlers" zu preisen.

Mit der Wehrmacht bis Moskau "vorgemordet"

Nach dem frühen Tod seiner Eltern Ende der dreißiger Jahre hatte Fritz Klein das Glück, in die Obhut einer Familie zu kommen, in der ein ganz anderer, regimekritischer Ton herrschte. Von seinem Pflege- und späteren Schwiegervater Heinrich Deiters, einem sozialdemokratischen Pädagogen, der 1933 aus dem Amt gejagt worden war, empfing er Eindrücke, die ihn für immer gegen den nazistischen Ungeist immunisierten. Dennoch meldete er sich nach dem Abitur freiwillig zur Wehrmacht, nicht aus Begeisterung für Hitlers Krieg, sondern "um das Unausweichliche etwas weniger unangenehm" zu gestalten. Seit Herbst 1942 war er Soldat an der Ostfront. Zum Desertieren, bekennt er, habe ihm nicht nur der Mut, sondern auch die innere Bereitschaft gefehlt. "Willig oder widerwillig nahm man teil an einem verbrecherischen Krieg von ungeheuerlichen Ausmaßen." An anderer Stelle heißt es: "Es hätte kein Sowjetbanner auf dem Reichstag gegeben ..., hätte sich nicht zuvor die deutsche Wehrmacht, darunter mein Bataillon, fast bis auf Sichtweite zu den Kremltürmen vorgemordet." Wann hat man jemals solche klaren Sätze in den Erinnerungen westdeutscher Historiker lesen können?

Deutlich unterscheidet sich Fritz Klein auch von jenen Angehörigen der älteren Generation, die von den deutschen Verbrechen nichts gewusst haben wollen. "Wer in dieser Zeit in Deutschland lebte, konnte wissen, was vor sich ging." Er berichtet von einem Erlebnis in einem Urlauberzug, der ihn an die Front zurückbrachte: "Nachts, im dunklen Abteil, begann einer der Soldaten von furchtbaren Dingen zu sprechen, die in der Gegend, die wir durchfuhren, vor sich gingen. Juden würden hier in großen Lagern konzentriert und systematisch getötet. Stumm und bedrückt hörten wir Insassen des vollbesetzten Abteils zu ... Wer begreifen wollte, begriff: ein Volk wurde von Deutschen umgebracht."

Es waren solche Erfahrungen, die Fritz Klein nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 dazu brachten, auf einen radikalen gesellschaftlichen Neuanfang zu setzen. Die konservativen Eliten, die sich mit Hitler verbündet und ihm den Weg bereitet hatten, mussten entmachtet werden - das war für ihn eine ganz selbstverständliche Konsequenz. "Ich wollte mittun bei dem, was nun zu tun war." Anfang 1946 wurde er Mitglied der KPD, und wenige Monate später trat er der neu gegründeten SED bei.