Im Kramladen des Glücks

Eine große Wiederentdeckung: Der Flanierkünstler Franz Hessel in einer schönen Werkausgabe

Berlin, jetzt freue dich! Leser, jetzt freue dich. Deutsche Verlagsfabriken, jetzt schämt euch! Ein Igel hat gegen all die alten Hasen und erst recht gegen die Global Sprinters des Verlagsgewerbes gewonnen und uns allen eine der schönsten Lektüren seit langem beschert: Der kleine Igel Verlag aus Oldenburg stellt uns den ganzen Franz Hessel vor, den Stadtbeschwörer, den Berlin-Fetischisten, den Straßenrhapsoden, den Lebenskünstler, von dem Alfred Polgar - der sein Konkurrent war - geschwärmt hat: "Er war eine reine Seele und schrieb ein reines Deutsch."

Die Stimme Hessels kommt spät zu Gehör, aber der Augenblick könnte nicht besser, dringlicher sein: Gegen all das Berlin-Gedröhn dieses Jahrhundertbeginns, gegen den Brioni-Zuschnitt der angeblichen und angeberischen Berliner Republik, gegen die schnieke Lärmigkeit einer Politgesellschaft, die sich die Stadt mehr anmaßt als ansieht, gegen die elende Hofierung des Skandals - kommt ein Autor wie gerufen, der nicht laut war, aber lauter; der nicht mondän war, aber von Welt; der nicht "in Kultur" machte, sondern sie personifizierte. In einer Situation, da fast alle rufen: "Lasst mich den Partylöwen auch spielen!", da die neuen Hauptstädter unentwegt "Hier! Hier! Hier!" schreien, da vor lauter Geltungsbedürfnis nichts mehr übrig ist, das gelten könnte -, da gewinnt das Wiedererscheinen Franz Hessels geradezu symbolische Bedeutung: Es geht auch ohne Tamtam. Ja: Es geht nur ohne Tamtam. Es geht nur so, wie er er's gemacht hat, als er sich, Ende der Zwanziger, auf eine kleine Odyssee durch die Reichshauptstadt begab: nicht als Reporter, nicht als Publizist, nicht als Soziologe (wie Kracauer), sondern als Unterwanderer, als "der Verdächtige".

Anzeige

Mit dieser Buchausgabe ist uns ein Wunsch erfüllt worden. Vor fünf Jahren hatten wir - an dieser Stelle - etwas melancholisch gefragt, warum die Wiederentdeckung Franz Hessels so langwierig und nur mit verstreuten Publikationen vor sich gehe. Am Ende hatten wir den Appell gewagt: "Wenn endlich nimmt sich der Rowohlt Verlag seines alten Autors in einer neuen konzisen und versammelnden Edition an?" Das Wann endlich? ist also ein Jetzt geworden, aber es ist eben nicht Rowohlt, der uns den Wunsch erfüllt und das Geschenk einer großen Franz-Hessel-Ausgabe macht, sondern der couragierte Igel Verlag. Schon 1994 hatte er Hessels Von den Irrtümern der Liebenden und andere Prosa herausgegeben, dazu eine Studie von Jörg Plath über den Liebhaber der Großstadt. Jetzt also Hessels Sämtliche Werke , fünf Bände in schönem, handsam-glattem olivgrünem Paperback, rund zweitausend Seiten. Fast wie der Sockel zu einem Hessel-Denkmal nimmt sich die elegante Kassette aus, aber sie ist etwas viel Besseres: eine Schatzkiste, eine Fundgrube der Überraschungen. Denn sie bietet Verschollenes, Entlegenes, Unbekanntes, Glücks genug.

Was lässt sich in dieser Schatzkiste nicht alles finden: Wir stöbern an den Romanen vorbei zu den kleineren Texten und stoßen auf ein winziges Märchenstück, eine Resignationsminiatur, die schon den ganzen Hessel zu enthalten scheint (eine Spur larmoyanter vielleicht, als er sich sonst gibt). Es heißt Der älteste Bruder und geht so: "Ich bin der älteste der üblichen drei Brüder. Ich muß immer zuerst in die Welt hinaus und habe kein Glück. Meine Tischleindeckdich vertauscht mir der Gaunerwirt. Die komische alte Frau lach' ich aus, weil ich nicht merke, daß es eine Fee ist. Der König wirft mich in den Schlangenhof, weil ich seine Hasen nicht hüten kann. Die Prinzessin läßt mir den Kopf abschlagen, weil ich ihre Rätsel nicht lösen oder sie nicht zm Lachen bringen kann." Auf all das verstehe sich "die kleine Kröte, mein jüngster Bruder". Und vom zweiten Bruder, dem mittleren, wolle er gar nicht erst sprechen: "Er ist so unwichtig, daß seine Erlebnisse immer abgekürzt erzählt werden, weil sie schon in meinem Teil vorkommen." Und in einer anderen Märchenparaphrase spricht Der siebente Zwerg von seiner Liebe zu Schneewittchen und seinem Kummer: "Aber mich, den einen, den siebenten, den hat sie gewiß längst vergessen."

Rührende Stücke? Oder nicht doch eher SOS-Rufe? Ist Hessel nicht wirklich so etwas wie der siebente Zwerg unter den schreibenden Freunden gewesen, der letzte zumindest, was Ruhm, Tagesglanz, Wirkung angeht? Haben nicht Benjamin, Kracauer, Bloch, Polgar, Robert Walser, selbst Victor Auburtin ganz anders Furore gemacht (und glanzvollere Renaissancen erlebt)? War er, der 1880 geborene, nicht in der Tat so etwas wie der älteste Bruder, der, nach der Causerie des 19. Jahrhunderts, eine neue Form erst erkunden musste, vor allem aber die neuen Themen, die nun nicht mehr in den Boudoirs, sondern auf der Straße, in den Straßen, lagen? Er jedenfalls hat alle Strömungen des jungen Jahrhunderts miterlebt, mitempfunden, oft rauschhaft miterlitten: die Münchner Boheme, die Pariser Avantgarde, die Aktionen des Dadaismus und dann den Schock der Inflation, als das Vermögen auf einmal dahin war und der Luxus, an den er gewöhnt war, nur noch zum Anschauen.

Von den Irrtümern der Liebenden heißt eine seiner Prosasammlungen, auch sie eine Art Märchenfolge im Stil der Scheherezade. Hessel wusste, wovon er mit dem Titel sprach, denn sein Leben handelte von diesen Irrtümern, in den seltsamsten Konstellationen und Situationen. Aber es scheint, als habe er noch die Irrtümer geliebt, sie mit Leidenschaft wiederholt, weil er auch hier dem Moment vertraute und nicht der Erfahrung und weil seine Schwäche für Frauen eben wirkliche Schwäche war.

Er liebte die Beiläufigkeiten, das Unaufgeregte

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Breivik-Prozess Die Kraft der Überlebenden von Utøya
    2. Transplantation Bundestag beschließt Organspende-Reform
    3. Atomstreit Der Westen hat sich in eine Sackgasse manövriert
    4. Rechtsextremismus Kampfansage an die braunen Burschenschaften
    5. Fotografie Zauberer in der Dunkelkammer
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Anzeige
    Service