Die Buchmacher

Von der Mühe, mit Literatur Geld zu verdienen

Noch nie war die Lage so gut und die Stimmung so schlecht. Unweigerlich wird man in den hellen Leipziger Hallen, wo jetzt die Buchmesse stattfindet, über die langen Schatten reden, die seit einiger Zeit auf dem Buchmarkt lasten, über den Verdrängungswettbewerb und die Überproduktion, vor allem über die Krise in einem der ruhmreichsten deutschen Verlage: über Rowohlt und den gerüchteumraunten Selbstmord seines Pressechefs Frank Scheffter, dessen Tod (sicherlich gegen den Willen des überaus liebenswürdigen und tüchtigen Mannes) nunmehr als Schreckenssymbol gelesen wird.

Kassandra geht um. Zugleich aber besteht zum Jammern kein Grund. Noch nie gab es in Deutschland so viele, so viele gute und so viele gut gestaltete Bücher, und noch nie waren wir so gut versorgt mit Literatur aus aller Herren Länder und Zeiten. Vorbildliche Klassikereditionen und aparte Lyrikbände, Übersetzungen quer durch alle Sprachen, hohe Wissenschaft und flacher Schund: Es ist alles da, es ist mehr als genug. Und vielleicht ist es zu viel.

Anzeige

Alle drei Folgen sind eingetreten. Der Bildungsboom der sechziger und siebziger Jahre, der zu einer Abiturientenquote von mehr als 30 Prozent führte, hat erstens die Zahl der Leser erhöht. Natürlich hat auch die Wiedervereinigung den Markt vergrößert. Und zweitens lesen diejenigen, die Bücher lesen, mehr als früher.

Drittens aber ist jedes Fass irgendwann voll, und weil das Wachstum der Titelproduktion das Wachstum der Leser alleweil übertraf, ist die durchschnittliche Auflage gesunken. Während früher von einem Buch etwa 80 000 Exemplare verkauft werden mussten, damit es auf die Bestsellerliste kam, genügen heute oft schon 40 000, und das reicht nicht, um die Kosten eines aufwändigen Marketings zu decken.

Es ist nicht wahr, was Pessimisten dauernd unken: Das bürgerliche Lesepublikum sterbe aus, anspruchsvolle Bücher hätten keine Chance mehr. Von Sigrid Damms Christiane und Goethe, einer gut lesbaren, aber seriösen historisch-wissenschaftlichen Studie, hat Suhrkamp 130 000 verkauft. Reich-Ranickis Leben (dva, 440 000) oder Sándor Márajs Glut (Piper, 200 000)- diese Bestseller sind ja wohl nicht ohne Anspruch.

Wahr ist aber, was eine neue Umfrage der Bertelsmann Stiftung bestätigt: Das Publikum polarisiert sich. Die einen lesen immer mehr (vor allem die Frauen), die andern immer weniger. Der Anteil der absoluten Nichtleser liegt fest bei 30 Prozent, und der harte Kern der Fernsehsüchtigen geht zurück. Und wahr ist, dass dieses Lesepublikum nicht mehr homogen, also bildungsbürgerlich ist, sondern unzuverlässig und unberechenbar, frei fluktuierend in verschiedenen Teilöffentlichkeiten.

Das macht die Verlegerei noch schwieriger als ohnedies. Aber wer Geld verdienen will, wird nicht Verleger. Bücher zu machen und zu verkaufen ist einer der umständlichsten Wege, ein Vermögen in den Sand zu setzen. Da denkt man zum Beispiel, Harald Juhnke (bei Rowohlt) oder Monica Lewinsky (bei Ullstein) sei das Trumpf-Ass, investiert Unsummen in Marketing und Lizenzen, aber kein Hahn kräht danach. Da kommt eine unbekannte Deutsche, erzählt von einer afrikanischen Affäre (Die weiße Massai), und ein kleiner Verlag (A 1) besetzt, fast ohne Medienhilfe und Werbung, wochenlang die Bestsellerlisten. Da schreibt Siegfried Unseld eine hübsche Petitesse (Goethe und der Gingko) und verkauft 60 000 wie im Schlaf.

Service