Wollt ihr mir etwa sagen, dass dieser Junge - dieser Junge! - nichts von - von NICHTS weiß?", brüllt er, und die Faust knallt auf den Tisch. Und flüsternd: "Das ging Harry dann doch etwas zu weit. Immerhin ..." Es bleibt unhörbar, denn das Mikrofon verstummt. Keiner meckert, das Publikum lauscht. Ein Mann bahnt sich den Weg zur Bühne, zum Kabel, doch kurz davor füllt die Stimme wieder wutzitternd den Raum: "Du hast es ihm nie gesagt? Ihm nie gesagt ...?" Das Lachen erstirbt sekundenschnell in offenen Mündern, wir wollen hören, wie's weitergeht, obwohl wir's alle wissen. Großes Kasperltheater für Lesesüchtige, an die keiner mehr geglaubt hatte.

Die Erfolgsgeschichte von Harry Potter zieht eine Woche durch die deutschen Städte. Die Autorin Joanne K. Rowling links, der Schauspieler Rufus Beck rechts, drei Harry-Potter- Bände in den Buchhandlungen, 920 000 Exemplare allein in Deutschland verkauft, und täglich werden es 10 000 mehr. In der Bestsellerliste des Spiegel auf Platz eins, sieben und elf, bei Focus eins, drei und vier. Weltweit zählt man 27 Millionen. Diese Woche. Die beiden lesen aus einem Kinderbuch, das Thomas Harris' lang ersehnte Fortsetzung vom Schweigen der Lämmer mühelos vom ersten Platz verdrängt hat, sprechen mit verteilten Rollen Kapitel drei aus einem Weltseller, in dem ein elfjähriger Junge erfährt, dass er zum Zauberer geboren ist - Harry Potter und der Stein der Weisen .

Das Harry-Potter- Fieber (der erste Band erschien 1997 in England) verweist auf Tolkien oder Jostein Gaarders Sophies Welt, doch die waren nicht so flächendeckend. Und vor allem: Dieses Mal nehmen die Kinder ihre Erwachsenen mit. Mit kühlem Blick und roten Backen belegen sie die Hälfte der Sitze, die meisten zwischen 9 und 14 Jahre alt- selbst das empfohlene Lesealter hat sich wie von selbst eintariert. "Ich bin gerade bei der Kammer des Schreckens, Hermine find ich cool", erklärt ein korrekt verkleidetes Mädchen, und der Junge mit der aufgemalten Zickzacknarbe murmelt etwas von Ron Weasley und Hagrid, die er am besten finde. Videogirl und Gameboy lesen wieder, auch dies eine geschlechtsübergreifende Novität.

Am nächsten Morgen stehen Rowling und Beck auf Bahnsteig 14 in der Kälte des Hamburger Hauptbahnhofs und warten. In einem Zug hatte es begonnen, die 20-jährige Engländerin Rowling starrte aus dem Fenster, sah ihr Spiegelbild und dahinter eine Geschichte. Von einem Waisenjungen, jenem Harry Potter, dessen Eltern von einem bösen Zauberer getötet werden, der von Onkel Vernon und Tante Petunia in einem Schrank aufgezogen und vom fetten Cousin Dudley gepiesackt wird. Dickensunddahlseidank. Rowling malt sich nicht nur die Geschichte vom Zauberer-Internat Hogwarts aus, von einer Welt mit Eulenpost, kopflosen Geistern, Kobolden und Sportarten wie Quidditch, sondern entwirft ein Konzept für sieben Bücher, jedes Jahr einen Band, bis Harry die Schule verlässt - ein großer Entwicklungsroman in sieben buchdicken Kapiteln.

Ein Aufstand der Kinder gegen Marketingkonzepte

Sie studiert Französisch, arbeitet für amnesty international, geht als Lehrerin nach Portugal. Dort heiratet sie einen portugiesischen Journalisten, bekommt ein Kind, lässt sich scheiden, zieht mit ihrer Tochter Jessica zu ihrer Schwester nach Edinburgh, lebt von Sozialhilfe und schreibt an ihrem alten Traum weiter. Morgens schiebt sie ihr Kind in den Schlaf, stellt den Kinderwagen neben den Tisch im Café und arbeitet. Sie bekommt Depressionen, Harry Potter hilft ihr, den Verstand zusammenzuhalten. "Ich schreibe noch heute die erste Fassung jedes Romans mit der Hand."

Als Harry Potter nach Hogwarts geht, soll er sich auf Gleis 9 3/4 in King's Cross einfinden. Unsichtbar für Muggels, für Menschen, die nicht zum Zaubern geboren sind. Der Zug ist also der passende Ort, um Joanne Kathleen Rowling für das deutsche Fernsehen zu filmen. Müde-bleich sitzt sie im IC-Abteil, liest die John-F.-Kennedy-Biografie Reckless Youth, kaut auf ihrem Bahnhofsplastiksandwich und nickt dem fröhlichen Team des Tigerentenclubs freundlich zu. Sie bleibt geduldig, scheint irgendwo weit hinter diesem professionell lächelnden Spiegelbild zu leben.