Harry Potter Harry für alleSeite 2/2
"Auf dem Leipziger Bahnhof gibt es einen Malwettbewerb mit dem Titel Wohin fährt Harry von Gleis 9 3/4? " , erzählt die hilfreiche Dame vom Carlsen Verlag, der den werbestrategischen Planungskonzepten der Verlagsbranche wieder das Außenseiterlied von Inspiration, Zufall und Qualität vorpfeift. Kein unverdienter Erfolg, bemüht sich doch der Verlagsleiter Klaus Humann schon seit Jahren, englische Autoren wie Philip Ridley dem jungen deutschen Leser schmackhaft zu machen. Das Merchandising bleibt (noch) Zugabe: In der Mayerschen Buchhandlung in Köln hängen Harry-auf-dem-Besen-Pappfiguren an Fäden, den Kindern malt man die rote Narbe auf die Stirn - liebenswerte Pflichtübungen zu einem Erfolg, den keiner so recht erklären kann, der sich offenbar in regelmäßigen Abständen wie ein Aufstand der Kinder gegen die Marktkonzepte und Beschäftigungstherapien der Erwachsenen richtet. Die Medien waren es hierzulande nicht, sie hinkten erst hinterher, als Time Harry Potter aufs Cover gesetzt hatte. "Die Buchhändler haben es sehr empfohlen", sagt die Buchhändlerin. "Mir hat's mein Freund geliehen", erzählt der Junge. "Es war die alte Mund-zu-Mund-Propaganda", vermutet der Verlagsvertreter. Alle schütteln sie glücklich-verständnislos den Kopf.
"Du weißt nicht, was du bist ? ", haucht Rufus Beck, der schon die Hörbuchfassung mit hundert Stimmen zur Droge machte, und versetzt die Buchhandlung nach Hogwarts, lässt plötzlich jene Parallelfluchtwelt aufleuchten, die Kinder brauchen. Die Trauer kommt aus dem verlorenen Paradies, einer wischt sich die Träne weg, erklärt mit einer einzigen Bewegung, warum sich jedes Kind wegwünscht aus einer Welt, in der sie so machtlos sind, weg von Eltern, die doch wahrlich nicht die eigenen, leiblichen sein können, hin zu jenen Kräften, die man den Muggels nie zeigen darf - ja, die im Geheimen noch stärker machen.
Joanne Rowling setzt ein, mit spitzem englischen Gouvernantenton spricht sie Tante Petunia: "Knew? Of course! I knew you'd be just as strange, just as - as abnormal!" Hinter der Schminke der höflichen, jetzt blonden Erfolgsautorin taucht unvermutet eine rothaarige Hexe auf, mit verrauchter Stimme und dreckigem Lachen. Erst in der wunderbaren Buchhandlung Bouvier in Bonn, wo Buchhändlerinnen, als emsige Zauberinnen verkleidet, ihren Dienst verrichten, blitzt ihr Humor auf, der alle Potter- Fantasien auf den Boden zurückholt. Nicht so englisch schwarz wie bei Roald Dahl, nicht so skurril wie bei Milne, nicht so absurd wie Carroll - eher deftig und direkt. Sie spricht mit den Kindern, sieht 400 Autogrammen ins Gesicht, lebt auf. "Ich habe eine richtige Phobie, vor Erwachsenen zu reden. Ich mache das eigentlich nur, um meine Angst zu überwinden. In den USA waren es einmal 2000 Leute, das war der Durchbruch." Sie ballt die Faust, Daumen nach oben. Passt!
Da sitzt jemand, der die Angst der Kinder noch in sich trägt, der so realistisch von der Welt der Hexerei und Zauberei schreiben kann, weil er in ihr nur ein Spiegelbild des Alltags sieht. Harry Potters Abenteuer sind keine Fantasy, verbinden eher Erich Kästner mit Michael Ende, speisen sich aus Schul-, Freundschafts- und Verratsgeschichten, mittendrin im tief moralischen Kampf gegen das Böse. Valdemort, jener, dessen Name nicht genannt werden darf, tötete zwar seine Eltern, gegen Harry war er hilflos. "Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten", erklärt Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts. "Wenn es etwas gibt, das Valdemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so mächtig ist wie die deiner Mutter, ihren Stempel hinterlässt." Es gibt schlimmere Botschaften.
"Die Kinder haben absoluten Vorrang!" In der Mayerschen Buchhandlung steht ein Torbogen zum Bahnsteig, 1,50 Meter hoch. Wer durch passt, kommt in die vorderen Stuhlreihen. Warum mancher trotzdem so betrübt schaut? Weil er nicht weiß, was er lesen soll, bis im Oktober der vierte Band erscheint. "Es wird schwieriger, wenn Harry älter wird", sagt die mittlerweile von Schottland adoptierte Rowling, "es wird dunkler." Harry wird sich verlieben, gegen Depressionen kämpfen, einer stirbt, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, wir werden die nächsten vier Jahre einen pubertierenden Harry begleiten. Der Film wird ihm die ewige Hollywood-Jugend schenken, eine Alterslosigkeit, die Rowling in Kinderbüchern nie mochte, nicht bei Winnie Puh, nicht bei den fünf Freunden, nicht bei Peter Pan. "Diese ewigen Kinder", meist von Männern geschrieben. Eine Erklärung für ihren Erfolg hat sie - natürlich - ebenso wenig. Manche glauben, sie verherrliche die vorindustrielle Welt, andere sehen Harry als romantische Erlöserfigur und Valdemort als gefallenen Engel. Möglich. Aber mit Theorien im Kopf sollte man keine Bücher schreiben. Und möglichst nicht für Kinder.
- Datum 10.07.2007 - 05:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.03.2000, Nr. 13
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