Mit Mutter Teresa war zu rechnen, die eigentliche Überraschung ist Onkel Ho. 11 Minuten und 45 Sekunden hat Patti Smith ihm gewidmet, ein magisches Rezitativ von Stück, mehr geraunt als gesungen, während die Band kongenial das Tempo verschleppt. Man soll die Mühen der Ebene spüren, aber auch den Geist, der sie überwindet. Man soll nach Anhörung frohen und erhobenen Mutes seiner Wege gehen.

Die unwahrscheinlichste Rocknummer des jungen Jahres 2000 ist eine Ode an Ho Chi Minh. Auf Gung Ho , dem neuen Album der Patti Lee Smith, begegnet er als Mann franziskanischer Ideale, sein Bart von der Farbe des Reiskorns, das das Volk sät, sein Gesicht von der Farbe des Tees, den es trinkt, ein bescheidener, aber getreuer Diener seiner Mission. "Awake, my little one, the seed of revolution!", singt Patti, denn siehe, "the people kneel, and the men they toil, yet not for their own, and the children are hungry, and the wheel groans".

Der Titel stammt noch zur Hälfte von Fred "Sonic" Smith, Pattis 1994 verstorbenem Mann, und ist zugleich Attacke aufs System und Testament. Niemand sonst praktiziert diese Art von hochgestimmter Peace-, People- und Power-Hymnik mehr, niemand traut es sich. Vor den Smiths waren es zuletzt John und Yoko, die dem Frieden eine Chance geben wollten, höchstens noch John solo, der, schon damals schwer unter Kitschverdacht, am weißen Klavier zum Fantasieren einlud, "you may say I'm a dreamer ..." Heutige Rockbands haben satanische Verse oder klagen ihr Menschenrecht auf Kapitalismus ein. Doch genau deswegen liebt Amerika Patti: Sie erinnert an etwas, das unterwegs verloren gegangen ist.

Rock 'n' Roll als bastardisierte Volksfrömmigkeit

Noch vor zehn Jahren, als ihr Job darin bestand, in einer Suburb von Detroit Windeln zu waschen, hätte niemand daran geglaubt, sie eines Tages im TIME-Magazine wiederzufinden, gleich neben Hillary Clinton in einer Titelgeschichte über Women at 50. Inzwischen ist ihr Mount-Rushmore-Gesicht zur Ikone geworden, mit der Designerinnen wie Ann Demeulemeester Edel-Öko-Schlabberpullover verkaufen. Für die Promotion zu Gung Ho posierte sie als Barfußpatriotin, in Stars und Stripes drapiert, und wenn Patti auf den großen Festivals des alternativen Rock ein Gastspiel gibt, stehen den Beastie Boys und Courtney Loves dieser Welt die Münder offen. Dann lässt sie die Kinder zu sich kommen und gibt gute Worte.

In ihren Fünzigern hat Patti Smith die vakante Stelle einer spirituellen Mutter der Nation eingenommen. Kaum zu glauben, dass das noch dieselbe Frau sein soll, die anfangs von keiner der großen Radiostationen gespielt wurde. "Jesus died for somebody's sins but not mine" - gleich der erste Satz des ersten Titels ihrer ersten LP eine Blasphemie, gefolgt von einem manisch-assoziativen Redeschwall, der den Unterschied zwischen Lesung, Performance und Rockkonzert einebnete. Horses machte sie schlagartig zur Zentralfigur des großen New Yorker Punkbebens von 75, auf dem Cover die berühmte Fotografie von Robert Mapplethorpe: Patti Smith im weißen Herrenhemd, herausfordernder Blick, amphetaminmager, androgyn, die erste Rebellin des Rock.

Männer pinkeln Transzendenzbögen, Frauen wässern bloß die Erde - dieses von Camille Paglia pointierte Geschlechterstereotyp brachte Smith ins Wanken: Sie war phallisch und mystisch, aggressiv und hingabevoll, das Proletariermädchen, das um jeden Preis berühmt werden will, und der Rock 'n' Roll Nigger, der seinen Außenseiterstatus aggressiv bejaht. Doch den Rücken stärkte schon damals eine Galerie heiligengleich verehrter Helden: Godard, Dylan, Marianne Faithfull, Burroughs, Rimbaud, den sie im Straßenslang von New Jersey als ersten Punk besang, Jim Morrison, der Erzengel im privaten Pantheon. "Patti Lee träumt zu viel mit offenen Augen", soll in ihrem Schulzeugnis gestanden haben.