Richtige oder angebliche Kinostars trifft unsereins eher selten. Und wenn es einmal passiert, wird schnell ein Schockerlebnis daraus. Vor gut fünf Jahren wollte ich während der Berlinale eigentlich nur mit meinem Freund Rick Linklater weit abseits der berüchtigten Abfüllstationen für prominente Festivalbesucher in Ruhe das eine oder andere Bier trinken. Rick, der mit Before Sunrise, seiner ersten größeren Mainstream-Produktion, im Wettbewerb vertreten war, musste erstmals in seiner noch jungen Karriere das obligate Irrsinnsprogramm an Interviewterminen (Warum haben Sie diesen Film gemacht?) absolvieren und war froh, dieser Tretmühle wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen.

Rick ist ein bisschen pummelig und ziemlich klein, aber wenn man selbst knapp 1,90 Meter groß ist, dann erscheint einem der überwiegende Teil der Menschheit als ziemlich klein. Der gute Rick, der Regisseur und nicht Schauspieler ist, hatte zu unserem Umtrunk noch jemanden mitgebracht. Dieser Jemand kam hinter ihm zur Tür herein und war noch kleiner. Es handelte sich um Ethan Hawke, seines Zeichens leading man von Before Sunrise und überhaupt eine ganz heiße Nummer in Hollywood.

Der erste, natürlich aufs rein äußerliche Erscheinungsbild bezogene Eindruck: Ach, wie niedlich! Aber ist der denn schon mit der Schule fertig? Der zweite: Ein Filmstar? Dieses halbe Hemd? Im Leben nicht. Und der dritte: Würde er sich sein keckes Trotzkijbärtchen abrasieren, könnte er in jedem Büro der Welt als Laufbursche anfangen.

Nur nebenbei sei bemerkt, dass sich der kleine Ethan, nachdem man ihm die Verhaltensmaßregeln nahe gebracht hatte, die in einer Berliner Eckkneipe gelten (wobei er knapp an einem körperlichen Verweis vorbeischrammte), dann als ganz sympathischer Vogel entpuppte. Ein kulturbeflissener Texaner, der mit einem erstaunlich geringen Maß an Selbstgefälligkeit von seinem Roman The Hottest State erzählte, an dem er gerade schrieb. Was aber auch niemanden interessierte.

Natürlich macht es wenig Sinn, jemandem sein Alter vorzuwerfen, aber über den optischen Eindruck (und da gehört die Größe ja wohl zweifelsfrei dazu) von Filmstars darf man sich mit aller subjektiven Unfairness mokieren, denn sie tun ja nichts anderes, als auf der oberflächlichen Ebene optischer Eindrücke eben Eindruck schinden zu wollen. Ganz im Gegensatz zu ihren Theaterkollegen (deren Leistungen in klassischen Rollen man vergleichen kann) geht es bei Filmdarstellern nicht um objektivierbare Leistungen, sondern zuerst und zuletzt um Glaubwürdigkeit. Und die Kombination jung und klitzeklein ist der Glaubwürdigkeit nicht förderlich, zumindest in Genres, wo es etwas derber zur Sache geht, oder bei der Behandlung von Stoffen, die mit so einer anachronistischen Sache wie Lebenserfahrung zu tun haben.

Diese kurzen Namen: Depp, Pitt, Penn Da die meisten Filme heutzutage vorrangig für ein sehr jugendliches Publikum produziert werden, ist es nur konsequent, dass diese Filme (zumindest in den Hauptrollen) fast nur noch von ebenso jugendlichen Buben und Mädchen besetzt werden. Die Frage ist nur: Warum zum Teufel müssen sie auch noch fast alle von koboldhaftem Wuchs sein? Fakt ist ja wohl, dass die Menschen weltweit immer größer werden (das einstige Mindestmaß preußischer Garderegimenter erfüllt heute fast jeder Achtklässler), die ebenfalls weltweit verehrten Kinoidole Hollywoods aber immer winziger. Wenn dahinter ein Trend steckt und dieser anhält, dann können in 20, 30 Jahren die Nachfolger von Leonardo DiCaprio und Konsorten von ihren Lebensabschnittsgefährtinnen wie Goldhamster im Käfig gehalten werden.

Was dieses frappante Missverhältnis anbelangt, da war der Abend mit Ethan Hawke (der übrigens damit endete, ihn in die Geheimnisse des Tischfußballs einzuweihen) ein echtes Aha-Erlebnis.