Hans Haackes erster erfolgreicher Auftritt als Künstler war einer, der nicht stattfand. Thomas Messer, der Direktor des New Yorker Guggenheim-Museums, sagte sechs Wochen vor der Eröffnung eine Ausstellung ab und entließ den Kurator, weil er glaubte, festgestellt zu haben, dass durch die von Haacke geplante Arbeit "eine fremde Substanz in den Organismus des Kunstmuseums eindringe".

Der Nichtauftritt, mit dem eine Karriere begann, war im Jahr 1971. Seitdem haben im Museum Fett und Blei, Stacheldraht und eingeweckte Tiere ihren Auftritt gehabt. Die "fremde Substanz" Haackes war allerdings von ganz anderer Konstitution. Unter dem Titel Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, a Real-time Social System, as of May 1, 1971 hatte er eine wändefüllende Foto- und Textdokumentation zusammengestellt (142 Fassadenfotos, 142 Schreibmaschinenseiten, Stadtplanvergrößerungen et cetera), in der die mafiosen Aktivitäten der als slumlords bekannten New Yorker Großgrundbesitzer und Immobilienspekulanten aufgelistet waren. Dass auch einige hochmögende Trustees und Freunde des Guggenheim-Museums dazugehörten, konnte jeder von den Tafeln ablesen.

Haacke betont auch heute noch zu Recht, dass dieser Vorfall und die folgenden 15 Jahre, in denen amerikanische Museumstüren für ihn verschlossen blieben, nicht durch den großen Erfolg, den er seit vielen Jahren hat, nachträglich zur Komödie werden. Zwar ist er seit 1972 sowohl zur Kasseler documenta wie auch zur Venedig-Biennale mehrmals eingeladen worden und hat vor allem in Deutschland kulturpolitisch mächtige und bestens vernetzte Freunde, die ihn in fast jede ihrer großen Ausstellungen integrieren. Andererseits aber gibt es die lange Liste der versuchten oder gelungenen Verhinderungen durch Zensoren, die übrigens nicht im Namen des Volkes oder der Kunst auftraten, sondern, mal eher nolens und mal durchaus volens, das Kapital und die Honoratioren gegen die Insinuationen des Künstlers in Schutz nahmen. So war es zum Beispiel im Fall des Kölner Manet-Projekts '74, bei dem die Geschichte der Eigner von Manets Spargelstilleben (1968 dem Wallraf-Richartz-Museum gestiftet) verfolgt und auch die Biografie des kunstfreundlichen Adenauer-Bankiers Hermann J. Abs ausgebreitet wird, dessen Karriere in der Deutschen Bank in die NS-Zeit zurückreicht. So war es auch im Falle der Skulptur Projekte Münster, wo Haacke mit politischen Informationen betextete Hippo-Busse durch die Stadt fahren lassen wollte, jene gepanzerten Mannschaftstransporter, die Mercedes ins damals von der weißen Minderheit regierte Südafrika lieferte.

Nun gibt es einen Streit um Hans Haacke in Berlin, seine für den Reichstag konzipierte Arbeit. Und, 29 Jahre nach Guggenheim, wieder einen Krach in New York. In Berlin finden relativ gepflegte Debatten statt, von vereinzelten Ausreißern abgesehen. In New York steht der Direktor des Whitney-Museums schwankendfest an Haackes Seite und muss mit zusammengebissenen Zähnen auf die Erbschaft der vielfachen Millionärin Marylou Whitney verzichten.

Sanitation heißt die Installation, mit der die Whitney-Biennale, die in den vergangenen Jahren Prügel wegen Langeweile bezog, am 23. März eröffnet wird.

Der Titel bezieht sich wortspielerisch auf die Ausstellung junger englischer Kunst, die unter dem Titel Sensation Ende letzten Jahres im Brooklyn-Museum zu sehen war und die der auch sonst unverhohlen rigide New Yorker Bürgermeister Giuliani vergebens zu schließen versuchte. Die Ausstellung, die in London eine begrenzte Kontroverse einbrachte und in Berlin glatt über die Bühne des Hamburger Bahnhofs ging, wurde natürlich ein großer Erfolg. Im Sanitation-Raum, der verdunkelt ist, wird der Besucher an der Stirnwand die beleuchteten Stars and Stripes sehen, mehrere amerikanische Fahnen, übereinander montiert wie im berühmten Bild von Jasper Johns im immer kleiner werdenden Format, bei der letzten kippt die rechte obere Ecke um. An den schwarzen Wänden sind links und rechts stramme Sprüche und böse Verdikte von Giuliani, Jesse Helms, Pat Buchanan und anderen notorisch autoritären amerikanischen Politikern und Fernsehgrößen zu lesen, in weißer Fraktur. Auf dem Boden, goldgerahmt, der erste Zusatz der amerikanischen Verfassung, die gesetzlich verbriefte Redefreiheit. Vor den zum Bild gestapelten Nationalflaggen stehen zwölf Ascheimer, aus denen, zum Klappern der Deckel, das Klacken von Marschstiefeln dröhnt. Im Katalog schreibt Haacke, dass der Bürgermeister offensichtlich eine ähnliche Vorstellung von der Gültigkeit der Verfassung habe wie die Nazis, die 1937 eine Ausstellung mit dem Titel Entartete Kunst veranstalteten. Mitglieder des American Jewish Congress nannten die angekündigte Arbeit einen "plumpen Versuch, den Holocaust für lokale politische Zwecke auszubeuten". Haacke konterte den Vorwurf mit dem Hinweis auf seine Frau, die einer New Yorker jüdischen Familie entstammt.

Auch das Berliner Projekt arbeitet mit Allusionen zur NS-Geschichte, hier allerdings am authentischen Ort. Ein mit Erde gefüllter Holztrog, rund 140 Quadratmeter groß, soll im nördlichen Lichthof des Reichstags aufgestellt werden, jeder der 669 Abgeordneten einen Zentner mitbringen und hineinfüllen.