Lange hat der französische Premierminister Lionel Jospin mit Reformen gezögert - für seine Kritiker, darunter natürlich auch die ansonsten überwiegend mit sich selbst beschäftigte Opposition, ein "schlimmer Managementfehler". So rätselte das ganze Land monatelang darüber, was die Regierung mit den höheren Steuereinnahmen machen würde, die ihr dank der guten Konjunktur in die Kasse gespült worden sind. Auf der Straße hatten Hunderttausende von Krankenschwestern, Lehrern und Schülern derweil "die Schatztruhe" längst für sich reklamiert. Der Premier geriet in die Zwickmühle.

"Geld macht nicht glücklich", erkannte der konservative Figaro und stimmte den Abgesang auf Lionel Jospin an. Der entgegnete: "Ich bin lieber für Mehreinnahmen verantwortlich, als für Haushaltslöcher".

Es ist paradox. Jospin droht zum Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden.

Seine Popularitätskurve sinkt, während die Wirtschaft derartig boomt, dass es sogar die Experten in den Pariser Think-Tanks in Erklärungsnot bringt. So meint Jean-Paul Fitoussi, Chef des Konjunkturforschungsinstituts OFCE, Frankreich profitiere von allen Ländern Europas am meisten vom Euro, "weil es in den neunziger Jahren die strengste Geldpolitik der Welt praktiziert hat".

Dagegen sagt der Vorsitzende der Pariser Investmentbank CPR, Anton Brender: "Frankreich ist das Land in Europa, das den Vereinigten Staaten am meisten ähnelt. Vor allem der Arbeitsmarkt ist viel flexibler, als viele glauben."

Beide sind sich indessen darin einig, dass Jospin das französische Wirtschaftswunder nicht zuletzt dem schon Anfang der achtziger Jahre eingeleiteten Strukturwandel zu verdanken hat. Mit dem Resultat, dass es heute in den Staatskassen klingelt.

50 Milliarden Franc Mehreinnahmen darf der Premier nun in der Manier eines "verspäteten Weihnachtsmanns" (Les Echos) verteilen. Genüsslich verkündete Jospin in den 20-Uhr-Nachrichten des größten Privatkanals am Donnerstag vergangener Woche, was er damit zu tun gedenke: hier und dort Steuern senken, und zwar zum Teil schon von April an. Nichts anderes war ihm ernsthaft übrig geblieben. Die Abgabenquote seines Landes liegt mit über 45 Prozent an der Spitze in der Europäischen Union. Wenn sie nun bis Ende 2002 schrittweise auf 43,7 Prozent reduziert werden soll, dann wäre damit gerade das Niveau von 1995 erreicht.